16. November 2010 · Quelle: (Hg): „Was ein rechter Mann ist…“

Nichts geschnallt?

Rechtsextreme entdecken ihr Geschlecht - am Beispiel der Südbrandenburger "Spreelichter"

 

Es fol­gt ein Beitrag von den Herausgeber_innen des Sam­mel­ban­des “ ‘Was ein rechter Mann ist…’ Männlichkeit­en im Recht­sex­trem­is­mus”. Das Buch ist kür­zlich im Karl Dietz Ver­lag Berlin erschienen. Es kann kosten­los als PDF-Datei herun­terge­laden wer­den. Bezugsin­fos für die Print­aus­gabe hier.

Fam­i­lie, Sex­u­al­ität und Geschlecht sind zen­trale Ele­mente des Recht­sex­trem­is­mus. Sie prä­gen seine öffentliche Insze­nierung und stellen zugle­ich Felder dar, in denen sich männliche Dom­i­nanz kon­sti­tu­iert. Trotz­dem wer­den Männlichkeit beziehungsweise Inter­essen von Män­nern im Recht­sex­trem­is­mus nur sel­ten als solche benan­nt. Der Ver­such, männliche Herrschaft infrage stel­lende Pro­gramme wie Gen­der Main­stream­ing, als kün­stlich oder dik­ta­torisch zu verunglimpfen, geriert sich der­weil als des Volkes boden­ständi­ge Stimme: eine Welt, in der man sich noch treu sein kann, in der Mann noch Mann sein darf.

Grund­sät­zlich­es vor­weg: Die Kat­e­gorie Gen­der, deren Ver­wen­dung in der Bun­desre­pub­lik im Zuge der Etablierung von Frauen- und Geschlechter­forschung Ein­gang in den bun­desre­pub­likanis­chen Diskurs gefun­den hat, wird vom Recht­sex­tremen (bewusst) nicht ver­standen . Mehr noch: Die Behaup­tung, dass aus der (ver­meintlichen) Biolo­gie ein­er Per­son nicht sogle­ich ihre sozialen Eigen­schaften resul­tieren, wird von völkischen Ide­olo­gen in aller Härte abgestrit­ten, bringt sie doch das Grundgerüst biol­o­gisch ori­en­tierten Denkens ins Wanken, auf das sich Recht­sex­treme seit eh und je berufen. Denn inner­halb der recht­sex­tremen Geschlechterkon­struk­tion funk­tion­ieren Geschlecht, „Rasse“ und Sex­u­al­ität als ein­deutige soziale Platzan­weis­er, die Lebenswege unverän­der­lich festschreiben sollen. Nicht, dass sich hier nicht Anschlussfähigkeit­en in die soge­nan­nte „Mitte der Gesellschaft“ fän­den, nur hat diese durch Frauen­be­we­gung und weit­ere soziale Bewe­gun­gen eine spez­i­fis­che soziale Durch­läs­sigkeit erre­icht, die Recht­sex­treme nur verächtlich als die Schaf­fung „iden­tität­skas­tri­ert­er Gegen­wart­skrüp­pel“ beschimpfen (Aufruf auf antikap.de).

Aus dieser Kas­tra­tionsangst her­aus wer­den Pro­gramme wie Gen­der Main­stream­ing als „Gen­dert­er­ror“ verunglimpft und zum Wider­stand gegen die als „Umerziehung“ emp­fun­dene Gle­ich­stel­lungspoli­tik aufgerufen. Hier­bei bilden Fem­i­nis­mus, Homo­sex­u­al­ität und Ein­wan­derung bzw. das, was Recht­sex­treme darunter ver­ste­hen wollen, ein abzuwehren­des Kon­glom­er­at aus allem, was dem völkischen Welt­bild als „per­vers“ bis kün­stlich auf­s­toßen muss, über jegliche Wider­sprüche hin­weg.

Im Kern geht es den Recht­sex­tremen einzig und allein um das Fes­tk­lam­mern an bish­er als solide und sich­er betra­chteten Iden­titäten. So basiert das hier­ar­chis­che Gefüge neona­tion­al­sozial­is­tis­chen Denkens auf gewalt­tätig vertrete­nen Auss­chlüssen, in denen ein mythis­ch­er „früher­er Zus­tand“ her­bei gerufen und roman­tisiert wird. Dieser, so die Argu­men­ta­tion, fußte auf klaren (Geschlechts-) Iden­titäten, in denen sich Mann und Frau ent­lang ihrer ange­blichen biol­o­gis­chen Ver­an­la­gung am Besten im Dienst am Volke ent­fal­ten kon­nten. Aus dieser Per­spek­tive muss jede Unternehmung, Iden­titäten zu plu­ral­isieren oder gar aufzulösen, als ver­brecherisch gegeißelt wer­den. Migrant_innen, emanzip­ierte Frauen, Homo­sex­uelle oder alter­na­tive Jugendliche verkör­pern hier­bei das „Andere“, das der „natür­lichen“ Ord­nung wider­spräche.

So ruft die recht­sex­treme Inter­net­seite „spreelichter.info“ (Unter­ti­tel: „Infos­ys­tem der Wider­stands­be­we­gung in Süd­bran­den­burg“) in ihrem Beitrag über die befre­un­dete recht­sex­treme Ini­tia­tive „Raus aus den Köpfen — Gen­dert­er­ror abschaf­fen“ zum Kampf gegen die „‘Gender’-Ideologie“ auf. Über die franzö­sis­che Fem­i­nistin Simone de Beau­voir heißt es dort: „Dabei ist das ‘Lebens­mod­ell’, das Beau­voir ent­warf und heute aus uns den neuen ‘Gen­der-Men­schen’ for­men soll, nichts weit­er als eine auf sich selb­st zugeschnit­tene The­o­rie, mit der sie ihre eigene Mis­ere zur bewussten Entschei­dung stil­isierte.“ De Beau­voirs Aufruf, „der Sklaverei der Mut­ter­schaft“ zu ent­fliehen, wird hier verkürzt als die Grund­formel des Fem­i­nis­mus beschworen und zugle­ich als „Mis­ere“ aus­gegeben.

Daran anschließend unternehmen die Redak­teure des aufwendig gestal­teten recht­sex­tremen Blogs mal eben einen fix­en Ritt, der von John Mon­ey, einem Sex­u­alther­a­peuten der 1960er Jahre, bis zum Gen­der Main­stream­ing führt. Zwis­chen­drin gehen mehrere Jahrzehnte Frauen- und Geschlechter­forschung samt all ihrer Brüche, Wider­sprüche und inhaltlichen Neuori­en­tierun­gen ver­lustig. Der Sinn dieser gewoll­ten Verkürzung ist sim­pel: Empörung erzeu­gen, Wider­willen schüren. Dem recht­en Pop­ulis­mus war der Fem­i­nis­mus schon immer ein Dorn im Auge, Vor­würfe über­zo­gen­er Sex­u­al­isierung nach „1968“ bis hin zu Pädophilie nicht weit: “Zur Sprache kom­men unter anderem der Psy­chologe und Sex­ologe John Mon­ey, der ein­er der ersten Ver­fechter der The­o­rie war, was der Unter­schied zwis­chen Gle­ich­berech­ti­gung zu Gle­ich­macherei ist, wie sich die Gen­der­main­stream­ing-Poli­tik auf unseren All­t­ag auswirkt, wie aus Bruce Bren­da und aus Bren­da David wurde, was es mit der sys­tem­a­tis­chen Sex­u­al­isierung des Volkes auf sich hat und wie Gen­der­main­stream­ing pädophiles Ver­hal­ten fördert.“ (Aus der Ankündi­gung des selb­st­pro­duzierten Radiofea­tures „Gen­der­main­stream­ing“)

Den braunen Ide­olo­gen zufolge, sei das Ziel von Gen­der Main­stream­ing ein gigan­tis­ches „Umerziehung­spro­gramm“, in dessen Folge Frauen nicht mehr Frauen und Män­ner nicht mehr Män­ner seien dürften. Eine Riesen­lücke stark­er männlich­er Vor­bilder sei die Folge, Geburten­rat­en gin­gen zurück, famil­iäre Bindun­gen wür­den allzu früh durch die Beruf­stätigkeit der Müt­ter und staatliche Erziehung­sein­rich­tun­gen zer­stört – die Kinder zu „Gen­der-Men­schen“ umer­zo­gen. Im Bekla­gen dieses Bedro­hungsszenar­ios ste­hen die Recht­sex­tremen nicht allein, was schon ein Blick in die Lin­klis­ten der Beiträge ver­rät: Unter anderem wird auf einen Artikel des recht­skon­ser­v­a­tiv­en Jour­nal­is­ten Volk­er Zas­trow in der „Frank­furter All­ge­meinen Zeitung“ zu „poli­tis­ch­er Geschlecht­sumwand­lung“ vom Juni 2006 Bezug genom­men.

Aus den Quellen und Prax­en aktiv­er Recht­sex­tremer ist jedoch bekan­nt, wozu man sich hin­ter der pro­pa­gan­dis­tis­chen Het­ze nur sel­ten beken­nt: Starre Iden­titäten in klas­sis­chen Mustern sollen erhal­ten wer­den. Emanzi­pa­tion in jeglich­er Hin­sicht bleibt ein Has­s­be­griff für sich. Insofern ent­pup­pt sich der Diskurs um bzw. gegen Gen­der Main­stream­ing als antifem­i­nis­tis­che Strate­gie zur Resou­veränisierung tra­di­tioneller, hege­mo­ni­aler Männlichkeit. Hin­ter der Agi­ta­tion gegen alles, was Gen­der im Namen trägt, steckt das Beschwören tra­di­tioneller Iden­titäten: Da ist der sol­datis­che und helden­hafte Mann auf der einen und die an Heim und Herd für­sor­gende Mut­ter viel­er Kinder auf der anderen Seite. Archais­ch­er geht’s nicht.

 

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