21. April 2005 · Quelle: MAZ

Niemand durfte Wasser reichen

BELZIG In den let­zten Kriegsta­gen 1945 wurde der Fläming zum
Durch­marschge­bi­et von Trup­pen in alle Rich­tun­gen. Hel­ga Käst­ner hat mit
Hil­fe ver­schieden­er Pub­lika­tio­nen, Zeitzeu­gen und Chroniken ein Tage­buch der
let­zten Kriegsereignisse in der Region zusam­mengestellt.

21. April 1945 : Treuen­bri­et­zen­er Chro­nis­ten bericht­en von diesem Tag:
“Mit­tags Panz­er­alarm, alle Panz­ersper­ren wer­den geschlossen (Berlin­er Straße
am Ver­stärk­er­amt, bei Karstadts). Die Sirene heult 10 Minuten. Vor 17 Uhr:
Panz­er der Roten Armee erre­ichen die Stadt von der Berlin­er Chaussee aus.
Sie kom­men aus Luck­en­walde und haben Jüter­bog neb­st Schieß­platz links liegen
lassen. Vor der Panz­ersperre der Berlin­er Straße wird Stel­lung bezo­gen.
Panz­er und Geschütze fahren in die Ringstraße, Geschütze ste­hen zwis­chen den
Häusern und sind auf die Stadt gerichtet. Sol­dat­en durchkäm­men die Häuser
und sich­ern nur, ob sie Wider­stand find­en und fürcht­en müssten. In der
Ringstraße sind drei Fam­i­lien geblieben, alle anderen sind spätestens nach
dem Panz­er­alarm geflo­hen. Sol­dat­en gehen und kom­men, aber Bedrohlich­es
geschieht nicht. Ein älter­er Offizier (Rang unbekan­nt) und einige jün­gere
Offiziere beziehen in unserem Haus Quarti­er. Vom Boden kann die Berlin­er
Straße bis zur Sied­lung beobachtet wer­den und die Berlin­er Straße bis zum
Ver­stärk­er­amt. — Wir sitzen in der Nacht im Keller mit unseren Berlin­er
Ver­wandten und der Fam­i­lie von gegenüber, die keinen Keller hat. Wir bleiben
unbe­hel­ligt.”

An diesem Tage ertönt auch in Berlin zum ersten Mal das Sire­nensignal
“Fein­dalarm”. Die Stadt liegt an diesem Tag erst­mals in Reich­weite
sow­jetis­ch­er Artillerie. In der Niemegk­er Chronik heißt es: “Die Gefahr kam
jet­zt aus Rich­tung Treuen­bri­et­zen und aus dem Raum Wit­ten­berg. Im KZ-Lager
Niemegk hörten die Häftlinge einige Schüsse aus Hand­feuer­waf­fen im Wald
östlich des Lagers. Das waren erste Berührun­gen mit sow­jetis­chen Vor­posten
oder Spähtrup­ps, die aus Rich­tung Rietz die Gegend um Niemegk erkun­den
woll­ten.

Etwa um den 20. oder 21. April herum, die Zeit ste­ht nicht genau fest, wurde
eine Kolonne Häftlinge eines KZ durch Niemegk und Hohen­wer­big getrieben, die
von SS-Leuten stark bewacht wurde. In zer­schlis­sener Klei­dung, mit
Holz­pantof­feln, hun­grig und durstig, kamen sie vor Erschöp­fung nur langsam
voran. Durch Niemegk mussten Män­ner des Volkssturms diesen Zug begleit­en.
Nie­mand durfte ihnen auf dem Marsch Wass­er oder Essen reichen.

Ein Häftling kon­nte vor Erschöp­fung nicht mehr laufen, und seine Kam­er­aden
waren alle so schwach, dass sie ihn nicht tra­gen oder stützen kon­nten. Er
wurde vor dem Grund­stück Tit­tel in der Wit­ten­berg­er Straße aus dieser
Kolonne her­aus von der SS erschossen. Der Leich­nam blieb dort liegen. In
Hohen­wer­big legte der Häftlingszug auf einem Platz in der Nähe der Kirche
Rast ein. Hohen­wer­biger Kinder bracht­en den Häftlin­gen Kartof­feln und Rüben,
die sich die Häftlinge auf kleinen Feuern kochen kon­nten, zunächst mit
Dul­dung der SS. Kurz bevor die Früchte gar waren, wur­den die Feuer­stellen
von den SS-Leuten zertreten und zer­stört, und es wurde der Auf­bruch
befehligt.

Der Marsch ging weit­er auf dem so genan­nten Mit­tel­weg, südlich des Dor­fes,
bis zur etwa 500 Meter ent­fer­n­ten Feld­sche­une des Bauern Tietz. Dahinein
mussten die Häftlinge. Nachts ver­sucht­en drei von ihnen zu den in der Nähe
liegen­den Kartof­felmi­eten zu kom­men. Sie wur­den ent­deckt und mit MPi-Sal­ven
getötet. Die Bürg­er bracht­en sie später zum Fried­hof, wo sie in ein­er Grube
an der Fried­hof­s­mauer beerdigt wur­den. In diese Grab­stelle wurde auch ein
Lan­dar­beit­er aus Hohen­wer­big gelegt, der sich erhängt hat­te.” (wird
fort­ge­set­zt)

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