24. April 2006 · Quelle: Junge Welt

Normale Schlägerei?

(Wera Richter) Der Ver­dacht gegen die bei­den festgenomme­nen Män­ner aus Pots­dam, den dunkel­häuti­gen Ermyas M. Oster­son­ntag ins Koma geprügelt zu haben, hat sich erhärtet. DNA-Spuren an Split­tern von Bier­flaschen, die am Tatort gefun­den wur­den, kön­nten von einem der bei­den Beschuldigten stam­men, teilte Gen­er­al­bun­de­san­walt Kay Nehm am Son­ntag in Karl­sruhe mit. Auch nach der Unter­suchung der Stim­maufze­ich­nun­gen sei der zweite Beschuldigte »wahrschein­lich« ein­er der Sprech­er, die auf der Handy-Mail­box der Frau des Ver­let­zten zu hören seien. Der Ermit­tlungsrichter in Karl­sruhe hat­te am Fre­itag Haft­be­fehle gegen den 29jährigen Björn L. aus Wil­helmshorst und den 30 Jahre alten Thomas M. aus Pots­dam erlassen. Bei­de bestre­it­en, die bru­tale Attacke auf den gebür­ti­gen Äthiopi­er began­gen zu haben und gaben Ali­bis an. Die Män­ner befind­en sich in Jus­tizvol­lzugsanstal­ten in Bran­den­burg.

Unter­dessen hält der Stre­it zwis­chen Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU) und dem Gen­er­al­bun­de­san­walt an. Nehm habe »aus der Sache ein Poli­tikum gemacht und zu ein­er Stig­ma­tisierung Bran­den­burgs beige­tra­gen. Der poli­tis­che Schaden, den er angerichtet hat, ist erhe­blich«, kri­tisierte Schön­bohm. Ungeachtet der auf dem Mittschnitt der Mail­box­aufze­ich­nung doku­men­tierten Beschimp­fung »Scheiß Nig­ger« hat­te er nach dem Über­fall mehrfach gewarnt, einen recht­en und ras­sis­tis­chen Hin­ter­grund der Tat anzunehmen.

Jüng­ste Presse­berichte, nach denen der Über­fall anders abge­laufen sein soll als bish­er dargestellt, mögen ihn in sein­er Ansicht bestärken. Focus und die Märkische All­ge­meine berichteten, daß Ermyas M. in der nahe dem Tatort gele­ge­nen Diskothek »Art-Spe­ich­er« eine Auseinan­der­set­zung mit zwei Per­so­n­en hat­te und stark alko­holisiert war. Der Stre­it sei am späteren Tatort, ein­er Hal­testelle, wieder aufge­flammt. Nach Infor­ma­tio­nen des Spiegel gibt es Zeu­gen, die sagen, Ermyas M. sei aggres­siv gewe­sen. Die Märkische All­ge­meine zitiert eine Sprecherin der Bun­de­san­waltschaft, wonach dem Opfer durch einen einzi­gen Faustschlag der Schädel­knochen an einem Auge zertrüm­mert wor­den sei. Zuvor war berichtet wor­den, daß die Täter mehrfach auf den bere­its am Boden liegen­den eingeschla­gen und ‑getreten hät­ten. Dem Bericht des Bun­de­san­waltes ist hinge­gen zu ent­nehmen, daß bish­er unklar ist, ob weit­ere Ver­let­zun­gen vor­liegen. Der kri­tis­che Zus­tand des Geschädigten erlaube es zur Zeit nicht, alle Ver­let­zun­gen, die Schlüsse auf mehrere Schläge zuließen, fest­stellen zu lassen.

Eine Woche nach der Tat wird offen­bar ver­sucht, den poli­tis­chen Hin­ter­grund der Tat herun­terzus­pie­len. Übrig­bleiben soll eine fort­ge­set­zte Kneipen­schlägerei mit viel Alko­hol im Spiel, bei der das spätere Opfer seine Täter wom­öglich selb­st provoziert hat. Daß die unter Tatver­dacht Ste­hen­den zumin­d­est rechte Musik hören und in der Hooli­gan- und gewalt­bere­it­en Rock­er­szene mit Kon­tak­ten zu Neon­azior­gan­i­sa­tio­nen zu Hause sind, spielt dann keine Rolle mehr. Auch nicht, daß sie ihr Opfer ras­sis­tisch beschimpft haben.

Der Gesund­heit­szu­s­tand von Ermyas M. hat sich unter­dessen leicht sta­bil­isiert. Die Ärzte im Pots­damer Ernst-von-Bergmann-Klinikum stell­ten am Son­ntag fest, daß er erste eigene Atemzüge machen kon­nte. Der 37jährige Inge­nieur liege aber weit­er im kün­stlichen Koma, sein Zus­tand sei noch immer lebens­bedrohlich.

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