13. Februar 2002 · Quelle: berliner zeitung

Notfalls verklagen wir den Staat”

ALTLANDSBERG. “Wir haben nicht mehr viel Zeit”, sagt Ravin­dra Gujju­la, der Bürg­er­meis­ter von Alt­lands­berg (Märkisch-Oder­land). “Am 4. April endet die Dul­dung für die Fam­i­lie Nguyen, bis dahin muss der Fall gek­lärt sein.” Obwohl die vierköp­fige viet­name­sis­che Fam­i­lie weit­er­hin offiziell keinen Asy­lanspruch hat und von der Abschiebung bedro­ht ist, fordern er und viele Alt­lands­berg­er ein dauer­haftes Bleiberecht für die Familie.
“Es ist unmen­schlich, sie auszuweisen”, sagt Gujju­la. Die Eltern hät­ten Arbeit und seien bestens inte­gri­ert. Am Woch­enende startete er eine Unter­schrifte­nak­tion, mit der er die Abschiebung der Nguyens ver­hin­dern will. 400 Ein­wohn­er unter­schrieben bis Dien­stag. Gujju­la will sich auch beim Auswär­ti­gen Amt und bei Min­is­ter­präsi­dent Man­fred Stolpe (SPD) für die Fam­i­lie ein­set­zen. Sollte der Kampf erfol­g­los bleiben, kündigte die Kirchenge­meinde bere­its an, den Nguyens erneut Kirchenasyl zu gewähren. Ein­mal schon hat­te ein solch­es Asyl die Fam­i­lie vor der Abschiebung bewahrt. “Wir wer­den alle rechtliche Wege gehen, um den Nguyens zu helfen”, sagt Gujju­la. “Not­falls verk­la­gen wir den Staat.”

Die Kinder sind Deutsche”

Fam­i­lie Nguyen lebt seit mehr als zehn Jahren hier. Die Eltern zählen aber nicht zu den viet­name­sis­chen Ver­tragsar­beit­ern in der DDR, die bleiben dür­fen. Die kleine Tochter wurde vor fün­fzehn Monat­en in Alt­lands­berg geboren. Ihr elfjähriger Brud­er Duc Toan ist nicht nur Klassenbester, son­dern auch Klassen­sprech­er. “Die Kinder sind für mich Deutsche”, sagt der gebür­tige Inder Gujju­la. Es sei absurd, dass die Fam­i­lie aus­reisen soll, weil der Vater am Stich­tag für eine Dul­dung keine Arbeit hat­te. “Beim Arbeit­samt hat­te er sie beantragt und auch eine Antwort erhal­ten”, sagt Gujju­la. Das soll jet­zt aber nicht ausreichen.

Die zuständi­ge Kreisver­wal­tung sieht keine Alter­na­tive zur Abschiebung. “Die Geset­zes­lage ist ein­deutig, da gibt es keinen Spiel­raum”, sagt Ver­wal­tungssprech­er Jür­gen Krüger. Die Fam­i­lie sei ille­gal und damit “geset­zes­brecherisch” aus Tschechien ein­gereist. Der Kreis könne dies nicht dulden, ohne selb­st das Gesetz zu brechen. “Nicht wir als aus­führende Ämter sind unmen­schlich, besten­falls sind es die Gesetze.”

Gujju­la sieht das anders und ver­weist auf eine namensgle­iche viet­name­sis­che Fam­i­lie in Guben. “Der Fall ist ähn­lich und auch dort gel­ten diesel­ben Geset­ze”, sagt Gujul­la. “Aber der dor­tige Lan­drat hat­te den Mut, die Geset­ze so men­schlich zu inter­pretieren, dass die Fam­i­lie bleiben konnte.”

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