10. Januar 2005 · Quelle: MAZ

Offensive geplant

ORANIENBURG Die Stiftung Bran­den­bur­gis­che Gedenkstät­ten lud am
Sonnabend­vor­mit­tag zu ein­er Son­der­führung in die Gedenkstätte Sachsenhausen
ein — zu der Zeit, als die Schmacht­en­hagen­er Straße in
Carl-Gus­tav-Hempel-Straße umbe­nan­nt wurde. Geschichte und Aus­dehnung des
KZ-Kom­plex­es war The­ma dieser kurzfristig anber­aumten und außerordentlich
gut besucht­en Führung, die damit verdeut­lichen sollte, dass jene Straße
mit­ten durch das ein­stige Are­al des Konzen­tra­tionslagers führte. 

Deshalb forderte die Stiftung bere­its 1994, als das heute jen­seits dieser
Straße befind­liche Gewer­bege­bi­et ent­stand, dass die Namen der dort geplanten
Straßen auf die nicht mehr sicht­bare his­torische Bedeu­tung dieses Areal
hin­weisen kön­nten. Stiftungs­di­rek­tor Gün­ter Morsch betonte, dass es damals
Bürg­er­meis­ter Hans-Joachim Laesicke gewe­sen sei, der den Vorschlag
ein­brachte, die Straßen in dem neu entste­hen­den Gewer­bege­bi­et nach
Häftlin­gen des Konzen­tra­tionslagers zu benen­nen. Bei der Stiftung traf diese
Idee “auf große Begeis­terung”, so Morsch. Die dama­li­gen Stadtverordneten
jedoch schmetterten den Vorschlag ab. Die Gedenkstätte hat­te für die dann in
Schmacht­en­hagen­er Straße benan­nte Umge­hung sog­ar einen Namen parat, an dem
sie auch heute noch fes­thält. Aus Rück­sicht auf die in Deutsch­land bekannte
Fam­i­lie jenes Wider­stand­skämpfers solle der Name jedoch nicht in die
Öffentlichkeit geraten. 

Er selb­st habe auch Philoso­phie studiert, leit­ete Gün­ter Morsch die Führung
ein, daher sei ihm Hempel ganz und gar kein Unbekan­nter. Umso befremdlicher,
dass die Stadt ihren großen Sohn nicht auf­fäl­liger zu würdi­gen wisse.
Ani­mositäten zwis­chen der Stiftung und der Stadt gäbe es nicht, weist er
aktuelle Vor­würfe zurück. Nie­mand wolle das Gewer­bege­bi­et ver­drän­gen, “das
soll sich entwick­eln”, so Morsch. “Aber, bitte schön, lasst uns die
Geschichte in Erin­nerung behalten.” 

“Gle­ichgültig und leichtsin­nig wurde nicht an die Gedenkstätte gedacht”,
kri­tisierte Ger­hard Sem­per die Rück­weisung eines Antrages der
Stadtverord­neten Cor­nelia Berndt durch die übri­gen Mit­glieder im städtischen
Haup­tauss­chuss. Darin hat­te sie gebeten, vor der Entschei­dung zur
Umbe­nen­nung noch ein­mal die Gedenkstät­ten­s­tiftung anzuhören. Seit der
Neu-Kon­sti­tu­ierung der Stadtverord­neten­ver­samm­lung existiere keine
Expertenkom­mis­sion mehr, die Straßen­be­nen­nun­gen begleite. Lediglich eine
Umbe­nen­nungs-Kom­mis­sion gebe es, nur zuständig für die Belange der
Koor­di­na­tion. “Wenn wir gefragt wer­den, wür­den wir uns beteili­gen”, bot
Gün­ter Morsch Unter­stützung von His­torik­ern der Stiftung an. 

So die Fam­i­lie jenes ermorde­ten Wider­stand­skämpfers bere­it sei, den wohl
unver­mei­dlichen Kon­flikt durch­ste­hen zu wollen, werde der internationale
Beirat der Gedenkstätte Sach­sen­hausen entschei­den, ob die Stiftung erneut
einen Antrag an die Stadt stellen wird. Der Beirat tagt am 24. Jan­u­ar. “Dann
wer­den wir in die Offen­sive gehen”, kündigt Gün­ter Morsch an.

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