23. September 2005 · Quelle: MAZ

Partyhauptstadt Potsdam

POTSDAM Lam­p­en­fieber vor dem Tag der Deutschen Ein­heit? Lukas ist sechs Jahre alt und mit sein­er Mut­ter und sein­er kleinen Schwest­er zur Chor­probe nach St. Niko­lai gekom­men, in die große Pots­damer Stadtkirche, die ein wenig aussieht wie der römis­che Peters­dom. Die zwölf Jun­gen vom Knaben­chor treten immer bei einem Gottes­di­enst im Monat auf. Am 3. Okto­ber ist es wieder soweit. Aber da wer­den ganz andere Leute in den Bänken sitzen als son­st. Einen ken­nt Lukas, weil seine Mut­ter ihm ein Bild in der Zeitung gezeigt hat: “Der Präsi­dent.” Neben Horst Köh­ler wer­den Ger­hard Schröder, Angela Merkel, Wolf­gang Thierse und alle anderen Spitzen­poli­tik­er da sein. Und natür­lich Matthias Platzeck als Gast­ge­ber, denn es richtet immer jenes Land den Ein­heit­stag aus, das ger­ade den Vor­sitz im Bun­desrat hat. Außer­dem wer­den sich Bun­destagsab­ge­ord­nete, Botschafter aus über hun­dert Län­dern und Bürg­erdel­e­ga­tio­nen aus ganz Deutsch­land die Ehre geben. Ins­ge­samt 900 geladene Gäste, die dem öku­menis­chen Fest­gottes­di­enst am 15. Jahrestag der Ein­heit bei­wohnen wer­den. Nicht zu vergessen die Fernse­hzuschauer in ganz Deutsch­land bei der Live-Über­tra­gung. Und Lukas und seine kleinen Kol­le­gen wer­den vorne ste­hen und zwis­chen den Ansprachen die so oft geprobten Lieder anstim­men. Aber deswe­gen aufgeregt sein? “Nee”, sagt Lukas, grinst fröh­lich und ver­schwindet im Kirchenin­neren, wo Reini­gungstrup­ps den alten Säulen neuen Glanz ver­lei­hen. Während auf dem Alten Markt mit Feuereifer an den let­zten Metern der schick­en Gran­itpflasterung und dem neuen Roll­rasen gear­beit­et wird. 

Nicht mehr lang ist es bis zum Tag der Deutschen Ein­heit oder bess­er gesagt: den Tagen der Deutschen Ein­heit. Denn Bran­den­burg gön­nt sich in sein­er Lan­deshaupt­stadt mit einem riesi­gen Bürg­er­fest gle­ich zweiein­halb Ein­heit­stage: Zum Auf­takt am 1. Okto­ber gibt es ein Fes­tkonz­ert in St. Niko­lai mit einem Auftritt des Dres­d­ner Kreuz­chors und ein­er Rede des lux­em­bur­gis­chen Pre­miers Jean-Claude Junck­er. An den näch­sten bei­den Tagen ist dann Par­ty: Musik, Kul­tur, Kinderevent und Sport in acht Fes­t­bere­ichen neb­st 13 Büh­nen — alles in der wun­der­schö­nen Kulisse der his­torischen Innen­stadt, alles bei freiem Ein­tritt. Von einem Mini-Fläming-Skate über die Bran­den­burg-Meile und das Kinder-Fest-Land bis zu den Diskus­sio­nen und Lesun­gen. Ein beson­deres High­light: Der Stadtkanal wird eigens für das Fest geflutet und zur weltweit ersten Kanu-Regat­tas­trecke umfunk­tion­iert, die mit­ten im Herzen ein­er Stadt liegt. Wobei alles hier Aufgezählte nur ein Promille-Auss­chnitt des detail­lierten Fest­pro­gramms ist, das 80 Seit­en umfasst. 

500 000 Gäste wer­den zur Riesen­fete erwartet — nach vor­sichti­gen Schätzun­gen. Denn allein am Bran­den­burg-Tag 2003 schoben sich schon 300 000 Men­schen durch die his­torische Innen­stadt, und nun ist laut Ver­anstal­tungsmot­to sog­ar “Deutsch­land zu Gast in Bran­den­burg”, mit entsprechen­dem Besucher­aufkom­men. Offiziell wer­den sich die Bun­deslän­der auf ein­er Län­der­meile präsen­tieren, wo man sich zum Beispiel — “oans, zwoa, drei, gsuf­fa” — durch bay­erische Bier­sorten testen kann. Oder dem Rät­sel nachge­ht, was sich hin­ter dem “Zipfel-Gipfel” ver­birgt: Ein­fach nur die Präsen­ta­tion jen­er Orte, die geografisch am äußer­sten Rand, also den Zipfeln, der Repub­lik liegen, wie List auf Sylt. Wesentlich exo­tis­ch­er sind da wahrschein­lich die Fest-Gäste aus der Lin­den­straße: Mut­ter Beimer wird mit ein­er Schaus­piel­erdel­e­ga­tion in einem Zelt am Alten Markt Selb­st­gekocht­es servieren. Eigentlich hat­ten die TV-Mach­er im Vor­feld der Pots­damer Ein­heits­feiern auch Matthias Platzeck einen Mini-Gas­tauftritt in ihrer Serie zugedacht, als Reklame für die Riesen­par­ty. Aber der Min­is­ter­präsi­dent hat­te keine Lust auf Lindenstraßen-Ruhm. 

Ohne­hin braucht das Fest nicht wirk­lich die PR-Schützen­hil­fe des Fernse­hens. Denn die Bürg­er basteln bei ihrem Ein­heits­fest auch freudig selb­st mit, mit vielfälti­gen Ini­tia­tiv­en: “Men­sch, das wäre doch eine tolle Sache für uns”, war die spon­tane Reak­tion von Andreas Hoepp­n­er, dem Leit­er des Olympiastützpunk­ts Pots­dam, als er vom Bürg­er­fest hörte. Allerd­ings wollte Hoepp­n­er dort nicht nur die eigene Ein­rich­tung präsen­tieren: “Wir haben alle anderen Olympiastützpunk­te in Deutsch­land angeschrieben, um 15 Jahre gemein­samen deutschen Spitzen­sport auf dem Fest zeigen zu kön­nen.” Viele der Spitzenath­leten aus den anderen Bun­deslän­dern haben mit­tler­weile schon für das Fest zugesagt. 

Aber auch viele andere haben spon­tan eine Ein­ladungskarte ver­schickt: Andrea Böh­lke zum Beispiel, die in Pots­dam eine Musikalien­hand­lung besitzt und eine Kol­le­gin von einem Musikver­lag in Kas­sel kon­tak­tiert hat. Gemein­sam wollen sie einen eige­nen Stand am barock­en Neuen Markt betreuen. Ein biss­chen aufgeregt ist Andrea Böh­lke schon, allein wegen der Men­schen­massen. “Aber ich wollte mein­er Bekan­nten ein­fach mal zeigen, wie schön Pots­dam gewor­den ist und wie wenig die Herkun­ft aus Ost oder West hier noch eine Rolle spielt.” Und was für eine bessere Kulisse kön­nte man sich dafür vorstellen als die grandiosen Einheitsfeiern? 


Am 30. Sep­tem­ber erscheint die MAZ-Beilage “Bürg­er­fest: Zum Tag der deutschen Ein­heit” mit dem kom­plet­ten Fest­pro­gramm. Infor­ma­tio­nen gibt es auch im Inter­net unter www.maerkischeallgemeine.de/einheit

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