4. Juni 2003 · Quelle: LR

Polizei hofft auf Graffiti-Prozess

70 Straftat­en seit Jahres­be­ginn / Ver­hand­lung gegen mut­maßliche Cot­tbuser
Täter

(LR) Große Hoff­nung set­zt die Cot­tbuser Polizei in einen Prozess am Amts­gericht.
Am 17. Juni ste­hen dort zwei Cot­tbuser vor dem Richter, die im Herb­st des
ver­gan­genen Jahres die Fas­sade des ehe­ma­li­gen Kinos «Welt­spiegel» mit Farbe
besprüht haben sollen. «Vielle­icht hil­ft dieser Prozess, weit­eren Tätern die
Lust an ihren Schmier­ereien zu nehmen», sagt Polizeis­prech­er Berndt
Fleis­ch­er. Seit Jahres­be­ginn ereigneten sich in Cot­tbus 70
Graf­fi­ti-Straftat­en — und nur elf Täter wur­den gefasst.

Mit ein­er bun­ten Farb­palette sollen sie am 17. Okto­ber des ver­gan­genen
Jahres zum ehe­ma­li­gen Kino «Welt­spiegel» gezo­gen sein, ein 24-Jähriger und
sein 22-jähriger Kom­plize, um es rot, weiß und schwarz zu besprühen. Für den
Schaden von 2570 Euro wer­den sie sich Mitte des Monats vor dem Cot­tbuser
Amts­gericht ver­ant­worten. Falls ihnen die Tat nachgewiesen wird, müssen sie
mit 100 Sozial­stun­den rech­nen.

Allein im Mai dieses Jahres ereigneten sich etliche ähn­liche Fälle. Ein
beschmiert­er Bag­ger, eine beschmierte Brücke, bei­de am Energie-Sta­dion,
Schaden: 5000 Euro. Graf­fi­ti-Zeich­nun­gen auf ein­er Wand in der Sach­sendor­fer
Straße, 500 Euro Schaden. Ein fünf Meter langer Last­wa­gen in der
Carl-von-Ossi­et­zky-Straße, über und über mit Graf­fi­tis bedeckt, Graf­fi­tis an
der Wand des Kon­ser­va­to­ri­ums in der Puschk­in­prom­e­nade — nur einige
Beispiele.

252 Graf­fi­ti-Straftat­en zählte die Cot­tbuser Polizei 2002, 69 Täter wur­den
im gle­ichen Zeitraum gefasst. «Es han­delt sich immer um Mehrfachtäter» ,
erk­lärt Polizeis­prech­er Berndt Fleis­ch­er, «man wächst in diese Szene hinein,
und wer die anderen beein­druck­en will, hat einen Fotoap­pa­rat dabei. Mit dem
verewigt er seine Schmier­ereien.»

«Über­all hin­ter­lassen sie Spuren»

Offen­bar lassen sich die Sprayer auch nicht von der immer aus­gek­lügel­teren
Spurentech­nik der Polizei und der Staat­san­wälte beein­druck­en, von der
Amts­gerichts-Direk­tor Wolf­gang Rupieper erzählt: «Wir kön­nen alles Mögliche
ver­gle­ichen, wenn es zu ein­er Haus­durch­suchung kommt. Die Lack­mis­chung, die
Schriftze­ichen — hier hat die Tech­nik in den let­zten Jahren enorme
Fortschritte erzielt.» Rupieper rech­net vor: In ein­er der drei zuständi­gen
Abteilun­gen des Amts­gerichts kam es 2002 ins­ge­samt zu 470 Ver­hand­lun­gen,
sechs davon wegen Graf­fi­ti-Straftat­en. «Ein Hau­sein­gang, eine Grund­schule,
ein Keller, eine Straßen­bahn, eine Gast­stätte, eine Haustür — über­all
hin­ter­lassen die Sprayer ihre Spuren.» In dreien der sechs Fälle sei es zu
Verurteilun­gen gekom­men. «Die anderen wur­den eingestellt, vor allem, weil
die Täter auch wegen ander­er Delik­te vor Gericht standen, die um einiges
schw­er­er wogen.»

Beliebte Großs­tadt-Anonymität

Dabei richt­en Graf­fi­ti-Straftat­en nach Ein­schätzung der Polizei in Cot­tbus
jährlich Schä­den in Mil­lio­nen­höhe an. «Auf dem Land passiert viel weniger» ,
sagt Polizeis­prech­er Fleis­ch­er, «die Täter schätzen die anonyme Atmo­sphäre
größer­er Städte, wo sie sich schnell aus dem Staub machen kön­nen.»

Beson­ders lei­dgeprüft zeigt sich das Unternehmen «Cot­tbusverkehr» , dem Jahr
für Jahr rund 30 000 Euro an Graf­fi­ti-Schä­den entste­hen. Auch Schulen
gehören zu beliebten Zie­len der Sprayer. So gin­gen der Polizei am
ver­gan­genen Woch­enende drei Jugendliche ins Netz, die mit ihren Sprüh­dosen
am Hein­rich-Heine-Gym­na­si­um Spuren hin­ter­lassen woll­ten (die RUNDSCHAU
berichtete). «Wir kom­men nicht damit hin­ter­her, die Schmier­ereien zu
ent­fer­nen» , erk­lärt Bernd Weiße, Chef des Schul­ver­wal­tungsamts, «uns bieten
zwar Fir­men an, eine Beschich­tung an den Wän­den aufzubrin­gen, damit wir die
Graf­fi­tis leichter ent­fer­nen kön­nen — aber das kostet auch viel Geld.»
Manche Schulen besin­nen sich deshalb auf orig­inelle Ideen. An der Wand des
Leich­hardt-Gym­na­si­ums rankt sich wilder Wein — so dicht, dass den Sprayern
dort die Lust verg­ing.

Hin­ter­grund Aus der Polizei-Sta­tis­tik

# 1999 reg­istri­erte die Polizei ins­ge­samt 170 Graf­fi­ti-Straftat­en.

# 2000 waren es 253.

# Im Jahr 2001 stieg die Zahl weit­er auf 336 Straftat­en.

# Zu den Schw­er­punkt-Straßen zählten in den ver­gan­genen Jahren: Berlin­er
Straße, Zielona-Gora-Straße, Am Fließ, Ger­hart-Haupt­mann-Straße,
Parzel­len­straße, Poz­nan­er Straße.

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