11. Januar 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

Potsdamer Synagoge: Ein Jahr danach

Im Land nur hier rit­uelle Begräb­nisse

Jüdis­ch­er Fried­hof: Anschlag ungek­lärt

POTSDAM Der beißende Brandgeruch ist längst ver­flo­gen, der Ruß von den Wän­den ent­fer­nt und feuer­feste Türen schützen den Raum: Ein Jahr nach dem Bran­dan­schlag auf die Trauer­halle des jüdis­chen Fried­hofes in Pots­dam sind die äußer­lichen Schand­male zwar beseit­igt, doch die Erin­nerung an diesen Jan­u­artag 2001, als ver­mut­lich recht­sex­treme Täter das Tor der Halle mit einem Brand­satz schw­er beschädigten, ist bei vie­len Gemein­demit­gliedern noch präsent.

“Allerd­ings wird die Angst vor weit­eren Anschlä­gen ver­drängt durch aktuelle Prob­leme”, sagt der Vor­sitzende der Jüdis­chen Gemeinde in Pots­dam, Niko­lai Epchteine.

Noch keine Syn­a­goge

So habe die Gemeinde mit mehr als 350 Mit­gliedern noch immer keine Syn­a­goge und es gebe weit­er keinen Staatsver­trag zwis­chen der Jüdis­chen Gemeinde Bran­den­burg und der Lan­desregierung. “Nur mit einem solchen Staatsver­trag kön­nten wir finanzielle Sicher­heit für unsere Arbeit bekom­men”, betont Epchteine. Vor lauter Geld­man­gel weiß die Pots­damer Gemeinde nach seinen Worten beispiel­sweise nicht, wie sie die Miete für ihr Kul­turzen­trum zahlen soll und wie den Mit­gliedern durch mehr Sozialar­beit­er stärkere Hil­fe bei der Inte­gra­tion geboten wer­den kann. “Die Stadt weiß um diese Prob­leme und will uns helfen, aber die Ver­hand­lun­gen laufen langsam.

Fried­hof gehört nicht der Pots­damer Gemeinde

Und dann ist da noch das Prob­lem mit eben dem Fried­hof, der vor einem Jahr auf so erschreck­ende Weise geschän­det wurde. Denn der gehört laut Epchteine nicht der Pots­damer Gemeinde, son­dern dem Lan­desver­band. “Dabei ist ein Fried­hof das wichtig­ste Zeichen dafür, dass eine Gemeinde existiert, noch vor der Syn­a­goge.

Wie eine Über­tra­gung an die Gemeinde möglich ist, könne er allerd­ings nicht sagen. “Sie wäre aber sehr wichtig für uns.

Der Fried­hof ist den Angaben nach der einzige unter den rund 60 jüdis­chen Fried­höfen im Land, auf dem rit­uelle Beerdi­gun­gen möglich sind. Deshalb sei diese feige und heimtück­ische Tat beson­ders per­fide, sagte damals die beim Anblick der beschädigten Holztür erschüt­terte Kul­tur­min­is­terin Johan­na Wan­ka (CDU). Es war für sie daher selb­stver­ständlich, unbürokratisch zu helfen.
Gemein­sam mit der Stadt hat­te das Land die Kosten von 13 293 Euro (26 000 Mark) für die Reini­gung der Halle und eine neue Brand­schutztür über­nom­men.
“Die Jüdis­che Gemeinde hat weit­er­hin die volle Unter­stützung durch das Land”, ver­sicherte Wan­ka. Nach Mei­n­ung von Epchteine erhält die Gemeinde im Kampf gegen anti­semi­tis­che Über­griffe alle notwendi­ge Hil­fe von Land und Stadt. “Wir fühlen uns rel­a­tiv sich­er, aber alle gesellschaftlichen Kräfte müssen sich dafür engagieren, dass keine ras­sis­tis­chen Anschläge auf Per­so­n­en oder Objek­te geschehen.” Die Suche nach den Tätern vom 8. Jan­u­ar 2001 dauert unter­dessen an. “Es gibt aber noch keine neuen Erken­nt­nisse”, sagte der Sprech­er der Bun­de­san­waltschaft, Hart­mut Schnei­der.

Begräb­nis­stätte mit langer Tra­di­tion

Der jüdis­che Fried­hof am Pots­damer Pfin­gst­berg, der im 18. und 19. Jahrhun­dert noch Juden­berg hieß, hat eine lange Tra­di­tion: Bere­its 1743 fand dort die erste Beerdi­gung statt. In der Pogrom­nacht von 1938 plün­derten Nazis die 1910/1911 errichtete Trauer­halle und ver­sucht­en, das benach­barte Wärter­haus anzuzün­den.

Zu DDR-Zeit­en ver­fiel die Fried­hof­san­lage nach und nach — die Trauer­halle diente zeitweise als Sar­glager. In den 90er Jahren wur­den Gebäude und Gelände in Stand geset­zt.

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