29. November 2002 · Quelle: Tagesspiegel

Potzlow: Gleichgültige Mitwisser

Das kleine Pot­zlow in der Uck­er­mark ist ein unwirtlich­er Ort. Für die näch­sten Jahre jeden­falls wird es als solch­er gel­ten. Wo ein Jugendlich­er nur wegen sein­er Haar­farbe und sein­er Klei­dung bes­tialisch gefoltert, grausam ermordet und anschließend in ein­er Jauchegrube ver­schar­rt wird, kann die Welt nicht in Ord­nung sein.


Was wie ein vorschnelles Urteil oder nach Schwarz-Weiß-Malerei klin­gen mag, besitzt tat­säch­lich eine viel größere Dimen­sion. Denn im Dorf müssen weit mehr als nur die drei Täter, die nun in Unter­suchung­shaft sitzen, von dem unfass­baren Geschehen in jen­er Juli­nacht gewusst haben.

 

Die Auseinan­der­set­zung begann immer­hin in ein­er Woh­nung, in der sich weit­ere fünf bis sechs Gäste aufge­hal­ten hat­ten. Auf dem Weg von der Ortsmitte zum früheren Schweinestall müssen auch andere Ein­wohn­er die drei Peiniger mit ihrem Opfer gese­hen haben. Es ist kaum vorstell­bar, dass just an diesem Abend die aller­meis­ten Dorf­be­wohn­er mit den Hüh­n­ern ins Bett gegan­gen sind: Es war der Tag des Dorffestes.

 

Die bit­tere Schlussfol­gerung liegt auf der Hand. Selb­st als die Polizei das Dorf auf der Suche nach dem ver­mis­sten Jugendlichen durch­suchte, schwiegen die Mitwiss­er. Erk­lärun­gen dafür sind schwierig. Angst vor dem recht­sradikalen Mob kön­nte es gewe­sen sein, pure Gle­ichgültigkeit, Abges­tumpftheit aber auch.

 

Die Trauer, die im Dorf nach der Ent­deck­ung der Leiche bish­er zu erken­nen war, ist kaum als uner­messlich zu beze­ich­nen. Eine von Kon­fir­man­den mit Zetteln bek­lebte alte Obstk­iste und ein paar Kerzen vor dem Tor zum Schweinestall waren für kurze Zeit die einzi­gen Zeichen fürs Entset­zen im Ort. Keine Blu­men, keine Bilder, erst zum Trauer­gottes­di­enst am Toten­son­ntag ein selb­st­gez­im­mertes Kreuz. Als mehrere antifaschis­tis­che Grup­pierun­gen von außer­halb Demon­stra­tio­nen ankündigten, wur­den die Ein­wohn­er wach – und lehn­ten sich dage­gen auf.

 

Die Poli­tik­er macht­en einen großen Bogen um Pot­zlow: kein Bun­destagsab­ge­ord­neter ließ sich blick­en, auch kein Bildungs‑, kein Innen- und kein Sozialmin­is­ter. Die junge Jus­tizmin­is­terin schaute im Dorf mal kurz vor­bei. Selb­st Min­is­ter­präsi­dent Platzeck, son­st immer schnell an den wichtig­sten Orten des aktuellen Geschehens und eigentlich doch sen­si­bel genug, erschien erst zum gestri­gen Gottes­di­enst in Pot­zlow.

 

Offen­sichtlich sollte der Ruf Bran­den­burgs durch die Aufmerk­samkeit der Medi­en nicht noch zusät­zlich beschädigt wer­den. Dazu passt das Inter­view des Innen­min­is­ters mit der recht­en Zeitschrift „Junge Frei­heit“. In diesem Kli­ma flack­ert die Empörung über eine solche recht­sradikale Tat nur kurz auf. Pot­zlow muss mit seinem Makel noch lange leben. Vielle­icht gar nicht zu Unrecht.

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