4. Juli 2007 · Quelle: Pfeffer & Salz Uckermark

Potzlow ist überall

Mit Entset­zen haben wir vom Mord an dem 16- jähri­gen Mar­i­nus Schöberl hier in Pot­zlow erfahren. Unsere Anteil­nahme gilt den Ange­höri­gen und Fre­un­den! Gemein­sam mit vie­len jun­gen Leuten aus der Uck­er­mark sind wir heute auch deshalb hier, weil wir aus eige­nen schmerzvollen Erfahrun­gen wis­sen: Es hätte auch uns tre­f­fen kön­nen!

Wir, das sind junge Men­schen aus der Uck­er­mark, die sich in antifaschis­tis­chen Zusam­men­hän­gen engagieren und diese Demon­stra­tion mit organ­isiert haben.

Als wir uns vor zwei Wochen zu diesem Schritt entschlossen haben, hat­ten nicht wenige von uns die Befürch­tung, dass unsere Idee von den kom­mu­nalen poli­tis­chen Eliten wieder ein­mal ver­dreht, ignori­ert und krim­i­nal­isiert wird. Lei­der haben sich solche Befürch­tun­gen bewahrheit­et. Was in den let­zten Tagen zum Teil über Gerüchte, lokale Medi­en und Presseerk­lärun­gen an Sichtweisen trans­portiert wor­den ist, wirft aus unser­er Sicht ein beze­ich­nen­des Licht auf das gesellschaftliche Kli­ma in der Region.

?Falsch­er Zeit­punkt, falsch­er Ort?, so die oft gehörte Mei­n­ung zu diesen Demon­stra­tio­nen. Wir fra­gen uns allen Ern­stes, was soll denn noch passieren, dass deut­lich­es Auftreten gegen Nazis, dass Wut und Trauer öffentlich gemacht wer­den dür­fen- oder ?richtig sind?? Wann und wo darf man denn sagen, was man von dem gesellschaftlichen Kli­ma hier hält?

Wir kön­nen uns nur schw­er daran erin­nern, ob es in der Uck­er­mark irgend­wann ein­mal den richti­gen Ort, die richtige Zeit gegeben hat:

Die ständi­gen Sauforgien und Gewalt­tat­en der Nazis bei Stadt- und Dorffesten waren jeden­falls noch nie Gegen­stand irgendwelch­er Proteste oder Debat­ten. Dabei ist es ein glück­lich­er Zufall, dass es in Grünow, Kerkow, Pin­now, Brüs­sow, Schwedt, Anger­münde, War­nitz oder Dede­low bish­er ?nur? bei Schw­erver­let­zten geblieben ist. Für Aus­län­der, Obdachlose oder nicht- rechte Jugendliche sind solche Volks­feste ?No go areas?- und keinen inter­essiert es.
Wir haben für die ganze Region südlich von Pren­zlau (Pot­zlow) für die let­zten Jahre Dutzende recht­sex­tremer Gewalt­tat­en und ander­er Aktiv­itäten reg­istri­ert. Anti­semi­tis­che Plakate in Ger­swalde, Über­griffe auf pol­nis­che Bürg­er und Polizis­ten in War­nitz, Gewalt­tat­en gegen die Junge Gemeinde in Lin­den­hagen. In unser­er Chronik der nach­weis­baren recht­sex­tremen Aktiv­itäten in den let­zten zwei Jahren ste­hen 145 Ereignisse. Wir brauchen nichts zu erfind­en, um die Fest­stel­lung zu unter­mauern, das die Uck­er­mark ein Schw­er­punkt recht­sex­tremer Gewalt und Aktiv­ität ist!- Lei­der war diese Tat­sache nie Begrün­dung genug, nie der richtige Ort und die richtige Zeit, etwas zu tun.

Jugend­poli­tik in der Uck­er­mark heißt sehr verkürzt- kein Geld, keine Poli­tik, keine anti­ras­sis­tis­che Bil­dung, keine Förderung für emanzi­pa­torische Pro­jek­te, Akzep­tanz und Tol­er­anz gegenüber Nazis. Seit Jahren ist dies bekan­nt und wer­den die Gelder noch mehr gekürzt. Seit Jahren gle­ichen sich die naiv­en und gefährlichen Ver­suche, ?die Jungs von der Strasse zu holen und mit ihnen zu reden? zu wollen. Sie sind gescheit­ert, nicht nur in Pot­zlow und in Strehlow — nur, der richtige Zeit­punkt, der richtige Ort, dies zu ändern, den gab es irgend­wie noch nie.

Es ist ver­sucht wor­den das gesellschaftliche Kli­ma, dass immer neue Täter­gen­er­a­tio­nen gebiert, zu beschreiben. Die Analy­sen aus der Uck­er­mark sind zu über­re­gionaler Berühmtheit gelangt. Wir erhal­ten Ein­ladun­gen aus der ganzen Bun­desre­pub­lik zu Diskus­sio­nen und Ver­anstal­tun­gen über Recht­sex­trem­is­mus und Ras­sis­mus. Nur hier, in der Uck­er­mark, da gab es kaum Reak­tio­nen, da ver­weigert man sich der Diskus­sion über staatlichen Ras­sis­mus, über das Mehrheit­skli­ma von Intol­er­anz, Frem­den­feindlichkeit, über Recht­sex­trem­is­mus aus der Mitte der Gesellschaft. Wohl, weil der richtige Ort und die richtige Zeit bish­er fehlte.
Statt dessen fab­u­liert der Vor­sitzende des Jugend­hil­feauss­chuss­es und Schuldirek­tor Herr Bretsch aus Anger­münde darüber, das ?Poli­tik, außer im Fach Poli­tis­che Bil­dung, nicht in die Schule gehört?. Wohlge­merkt, nach­dem Nazis die Schule zum wieder­holten Male mit Hak­enkreuzen beschmiert hat­ten! Erziehung und Jugen­dar­beit haben wert­frei zu sein, so die vorherrschende Mei­n­ung der poli­tis­chen Eliten. Dafür, sich selb­st­bes­timmt poli­tisch zu engagieren und zu äußern ist nach ihrer Mei­n­ung immer der falsche Ort und die falsche Zeit!

Dementsprechend sind Demon­stra­tio­nen in der Uck­er­mark kein poli­tis­ches Grun­drecht, son­dern extrem­istis­che Pro­voka­tion. Für so etwas ist die Uck­er­mark nun wirk­lich nicht der richtige Ort!

Wir haben in den let­zten Wochen sehr aufmerk­sam die Reak­tio­nen auf diesen schreck­lichen Mord ver­fol­gt. Viele öffentliche Äußerun­gen haben uns nur bestärkt hier­her zu kom­men und zu demon­stri­eren: Die Igno­ranz der recht­sex­tremen Ursachen im Ort, die Behand­lung des Mordes als schreck­lichen Einzelfall, die Aus­blendung der anti­semi­tis­chen Überzeu­gun­gen der Täter oder die Vertei­di­gung der Jugend­poli­tik in der Uck­er­mark.

Für uns gab und gibt es auch deshalb nur eine Antwort auf die Frage, wann die richtige Zeit, wo der richtige Ort für entsch­iedenes Auftreten gegen Nazis, für das öffentlich machen gesellschaftlich­er Ursachen und für die Ein­forderung unser­er Rechte ist:

Hier und heute!!!

?Wo, wenn nicht hier,

wann, wenn nicht jet­zt,

wer, wenn nicht wir!?

(Rio Reis­er)

Pot­zlow ist über­all! Dem recht­en Kon­sens ent­ge­gen­treten- heute und jeden Tag!!!

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