13. Mai 2003 · Quelle: Tagesspiegel

Prozessauftakt gegen Rechtsradikale — kein Einzelfall in Rathenow

Rathenow. Für die Polizei gehören sie längst zur Tage­sor­d­nung. Die
Hitler-Grüße und die Aufk­le­ber mit einem Kon­ter­fei des
Hitler-Stel­lvertreters Rudolf Hess. Die “Zeck­en” leben gefährlich in
Rathenow, in der Sil­vester­nacht 2001/2002 erwis­chte es Math­ias S.: Weil
vier
Recht­sradikale ihn offen­bar für einen “Linken” hiel­ten, schlu­gen sie in
der
Nähe eines Jugend­clubs auf den 19-Jähri­gen ein — mit einem
Baseballschläger,
so stark, dass die Keule am Kör­p­er von Math­ias S. zer­brach. Mit
schweren
Kopf- und Kiefer­ver­let­zun­gen wurde Math­ias K. nach dem Über­fall ins
Kranken­haus gebracht. 

Vor dem Amts­gericht der 30 000-Ein­wohn­er-Stadt begin­nt am heutigen
Dienstag
der Prozess gegen die Gruppe Recht­sradikaler. Die vier Angeklagten -
alle
sind unter 20 Jahre alt — sind nach Angaben des Vereins
“Opfer­per­spek­tive”
Mit­glieder des harten Kerns der recht­sradikalen Szene im unweit von
Rathenow
gele­ge­nen Prem­nitz. Kay Wen­del vom Vere­in “Opfer­per­spek­tive” wird den
19-Jähri­gen auch während der Gerichtsver­hand­lung beistehen. 

Ein Fall, der im West­havel­land kein Einzelfall ist. Immer wieder kommt
es im
Großraum Premnitz/Rathenow zu Über­grif­f­en von Recht­sradikalen auf
Ausländer,
Asyl­be­wer­ber oder linke Jugendliche. In einem Mem­o­ran­dum hatten
Asylbewerber
vor drei Jahren sog­ar gefordert, wegen der ständi­gen Über­griffe und
Belei­di­gun­gen in ein anderes Bun­des­land ver­legt zu wer­den. Der Fall
hatte
damals bun­desweit für großes Auf­se­hen gesorgt. 

Kay Wen­del von der “Opfer­per­spek­tive” schätzt die Anzahl gewaltbereiter
Jugendlich­er in Prem­nitz und Rathenow “auf ins­ge­samt etwa 120 bis 140”
ein.
Wen­del: “Die rechte Szene im West­havel­land gehört zu den militantesten
in
ganz Bran­den­burg. Aber sie hat keinen wirk­lich poli­tis­chen Anspruch.” 

Die Polizei im Land­kreis Havel­land ver­sucht, dem Prob­lem mit massiver
Präsenz an den Tre­ff­punk­ten der Szene beizukom­men. Berühmt-berüchtigt
war in
Rathenow jahre­lang die Schiller­straße, wo sich die Recht­en auch in
ein­schlägi­gen Kneipen trafen. Mehr als 30 Beamte des
Sonderkommissariats
“Tomeg” (täteror­i­en­tierte Maß­nah­men gegen extrem­istis­che Gewalt) stehen
den
jun­gen Recht­en seit Jahren auf den Füßen. “Wir wollen ihnen klarmachen:
Wir
wis­sen, wer ihr seid, und wir wis­sen, wo ihr euch tre­fft”, sagt die
Leiterin
der Polizei im Land­kreis Havel­land, Silke Sielaff. Durch die massive
Präsenz
der Beamten sei die Zahl der Tat­en in den ver­gan­genen Monat­en auch
spürbar
zurück gegangen. 

Wur­den im Jahr 2000 noch 87 Straftat­en mit poli­tis­chem Hin­ter­grund in
Premnitz/ Rathenow gezählt, so waren es nach der Grün­dung der
Spezialeinheit
ein Jahr später nur 69 und im ver­gan­genen Jahr 47 — “Ten­denz weiter
fal­l­end”, so Sielaff. Aber: “Klar ist uns auch, dass die Gewalt der
Rechten
wieder zunähme, wür­den wir das Feld räu­men”, ergänzt der Sprech­er der
Pots­damer Polizei, Rudi Son­ntag. An eine Auflö­sung des Kommissariats
wird
derzeit allerd­ings nicht gedacht. 

Am ver­gan­genen Woch­enende kam es erneut zu Gewal­texzessen in Rathenow.
Nach
ein­er Demo von meist jugendlichen Antifaschis­ten anlässlich des
Kriegsendes
vor 58 Jahren schlu­gen Stun­den nach Ende der Demon­stra­tion am
Samstagabend
mehr als 30 Linke und Rechte aufeinan­der ein. Bilanz der politisch
motivierten Krawall­nacht: drei Ver­let­zte und 19 festgenommene
Jugendliche
aus der recht­en Szene wegen Land­friedens­bruchs. Gegen einige werden
Ermit­tlungsver­fahren gestartet.

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