12. November 2004 · Quelle: Diverse

Rechte dürfen marschieren

Recht­sex­treme dür­fen in Halbe auf­marschieren

Gericht hebt Ver­bot auf / Genehmi­gung unter Aufla­gen / PDS will demon­stri­eren

(MAZ) POTSDAM In Halbe dür­fen am Sam­stag erneut Recht­sex­trem­is­ten auf­marschieren. Das
Ver­wal­tungs­gericht Cot­tbus hat am Mittwoch ein Ver­bot der Polizei aufge­hoben. Die
unter dem Mot­to “Ruhm und Ehre dem deutschen Frontsol­dat­en” angemeldete Ver­samm­lung
dürfe unter Aufla­gen ver­anstal­tet wer­den, teilte ein Gerichtssprech­er mit.

Die rechtlichen Voraus­set­zun­gen für ein voll­ständi­ges Ver­bot der Ver­samm­lung lägen
nicht vor, sagte der Sprech­er. Ein voll­ständi­ges Ver­bot komme als let­ztes Mit­tel nur
in Betra­cht, wenn es kein milderes Mit­tel zum Schutz der öffentlichen Ord­nung gebe.
Der Schutz könne jedoch durch Aufla­gen gewährleis­tet wer­den. Die Besorg­nis des
Polizeiprä­sid­i­ums Frank­furt (Oder), die Demon­stra­tion könne an
nation­al­sozial­is­tis­che Aufmärsche erin­nern, reiche für ein Ver­samm­lungsver­bot nicht
aus. Es sei nicht ersichtlich, dass aus der Kundge­bung her­aus Straftat­en began­gen
wür­den. Die Frank­furter Polizei hat­te zuvor ein Auf­marschver­bot erlassen. Dage­gen
hat­te der Anmelder, ein Ham­burg­er Neon­azi, Klage beim Ver­wal­tungs­gericht Cot­tbus
ein­gere­icht.

In Halbe befind­et sich ein Sol­daten­fried­hof. Dort sind rund 22 000 Men­schen
begraben. Die meis­ten waren in den let­zten Kriegsta­gen ums Leben gekom­men, als
eingekesselte SS-Divi­sio­nen, Wehrma­chtsver­bände und Ange­hörige des so genan­nten
Volkssturms gegen die Rote Armee kämpften.

Der Auflage der Polizei zur Ver­legung der Auf­takt- und Abschlusskundge­bung vom
Bahn­hof Halbe in die Kirch­straße stimmte das Gericht zu. Andern­falls sei eine
Kol­li­sion mit Gegen­demon­stra­tio­nen unauswe­ich­lich.

Innen­staatssekretär Eike Lan­celle hat­te noch am Mittwoch gehofft, dass der rechte
Auf­marsch ver­boten bleibt. Auch die PDS forderte ein Ver­bot des Auf­marsches. Der
PDS-Innen­poli­tik­er Hans-Jür­gen Schar­fen­berg kündigte eine friedliche
Gegen­demon­stra­tion in Halbe an. ddp/MAZ

Polizei schickt 1 600 Beamte nach Halbe

Rund 900 Neon­azis erwartet

(Berlin­er Zeitung, Katrin Bischoff) FRANKFURT (ODER). 1 600 Polizis­ten aus Bran­den­burg, Berlin, Hes­sen sowie BGS-Beamte
wer­den am Sonnabend in Halbe im Ein­satz sein. So viel wie nie zuvor bei Aufmärschen
rechts­gerichteter Grup­pierun­gen sowie ihrer Geg­n­er in dem kleinen Ort im Land­kreis
Dahme-Spree­wald. “Wir sind vor­bere­it­et, wer­den die Lager kon­se­quent voneinan­der
tren­nen”, sagte am Don­ner­stag Klaus Kandt, Vize-Präsi­dent des Polizeiprä­sid­i­ums
Frank­furt (Oder). Auch Schaulustige dürften sich nicht in dem Raum zwis­chen den
bei­den Lagern aufhal­ten.

Erst am Vortag hat­te das Ver­wal­tungs­gericht Cot­tbus das polizeiliche Ver­bot der von
einem Ham­burg­er Neon­azi angemelde­ten Demon­stra­tion zum “Heldenge­denken” an dem
größten deutschen Sol­daten­fried­hof aufge­hoben. “Wir haben dage­gen bere­its beim
Oberver­wal­tungs­gericht Frank­furt (Oder) Beschw­erde ein­gelegt, wollen noch immer ein
Ver­bot des recht­en Auf­marsches durch­set­zen”, sagte Kandt. Ver­mut­lich erst am
Sonnabend­mor­gen werde die endgültige Entschei­dung fall­en.

Rund 900 Recht­sex­trem­is­ten erwartet die Polizei in Halbe. “Bei den drei angemelde­ten
Gegen­demon­stra­tio­nen gehen wir von ins­ge­samt 2 600 Teil­nehmern aus”, sagte Kandt.
Davon seien etwa 400 so genan­nte Autonome, die ver­mut­lich mit allen Mit­teln
ver­suchen wür­den, den recht­en Auf­marsch zu stören. “Uns bekan­nten Ruh­estör­ern haben
wir schon Aufen­thaltsver­bote für Halbe aus­ge­sprochen oder so genan­nte
Gefährder­ansprachen zuge­sandt”, sagte der Polizei­di­rek­tor. Darin sei den Adres­sat­en
mit­geteilt wor­den, dass man sie am Sonnabend im Blick haben werde. Zudem sei
nochmals auf Para­graf 21 des Ver­samm­lungs­ge­set­zes hingewiesen wor­den. “Darin ste­ht,
dass Leute, die mit Gewalt nicht ver­botene Ver­samm­lun­gen stören, mit Haft­strafen von
bis zu drei Jahren oder Geld­strafen rech­nen müssen.”

Bleibt das Ver­wal­tungs­gericht­surteil auch in der näch­sten Instanz beste­hen, dür­fen
die Neon­azis ihre Kundge­bung auch auf dem ehe­ma­li­gen Park­platz vor dem Wald­fried­hof
abhal­ten. Die Polizei hat­te dies zuvor unter­sagt, da der Park­platz vor kurzem von
der Gemeinde zu einem Teil des Fried­hofes umgewid­met wor­den war — das Betreten des
Fried­hofes ist den Demon­stran­ten ver­boten. “Aber diese Umwid­mung ste­ht erst heute im
Amts­blatt und ist somit erst in 14 Tagen recht­skräftig”, sagte Kandt.

Bei Halbe fand im April 1945 eine Kesselschlacht statt, bei der mehr als 40 000
sow­jetis­che und deutsche Sol­dat­en fie­len. Auf dem Sol­daten­fried­hof sind rund 22 000
Gefal­l­ene beige­set­zt. Auch einige tausend gestor­bene Zwangsar­beit­er sowie 57 als
Deser­teure hin­gerichtete Sol­dat­en liegen in Halbe begraben.

Polizei legt Beschw­erde gegen geplanten

Neon­azi-Auf­marsch in Halbe ein

(RBB Online) Der geplante Neon­azi-Auf­marsch zum Sol­daten­fried­hof in Halbe (Dahme-Spree­wald) am
Sam­stag beschäftigt jet­zt das Oberver­wal­tungs­gericht in Frank­furt (Oder).
Das Frank­furter Polizeiprä­sid­i­um legte am Don­ner­stag Beschw­erde gegen die Aufhe­bung des
Demon­stra­tionsver­bots durch das Ver­wal­tungs­gericht Cot­tbus ein.
Die Polizei kündigte an, mit 1600 Beamten präsent zu sein. Zur Unter­stützung kämen
Kräfte
aus Hes­sen und Berlin. Auch Wasser­w­er­fer und Räumgerät stän­den bei Bedarf bere­it. Es
wür­den rund 1000 Neon­azis sowie zu drei Gegen­ver­anstal­tun­gen bis zu 2600 linke
Demon­stran­ten erwartet.
Unter­dessen haben märkische Poli­tik­er dazu aufgerufen, sich friedlich den
Recht­sex­trem­is­ten
ent­ge­gen­zustellen. SPD-Frak­tion­schef Gün­ter Baaske sagte, Bran­den­burg dürfe kein
Auf­marschge­bi­et der Recht­en sein — wed­er auf der Straße, noch in den Par­la­menten. “Wir
wollen dem bun­desweit­en Auf­marsch der Neon­azis den friedlichen Protest ent­ge­genset­zen”,
betonte PDS-Lan­deschef Ralf Christof­fers. Grü­nen-Lan­deschef Joachim Gessinger erk­lärte,
nach dem Einzug der Recht­sex­tremen in die Lan­despar­la­mente von Bran­den­burg und Sach­sen
sei “ziviles Engage­ment gegen braune Pro­pa­gan­da wichtiger denn je”. Für Neon­azis und
Recht­sex­treme sei in Bran­den­burg kein Platz.
In Halbe sind rund 22.000 Men­schen begraben. Die meis­ten waren in den let­zten
Kriegsta­gen
ums Leben gekom­men, als eingekesselte SS-Divi­sio­nen, Wehrma­chtsver­bände und
Volkssturm-Ange­hörige gegen die Rote Armee kämpften.

Was vom Sol­dat­en übrig blieb

(TAZ, Thomas Ger­lach) Nein, sie habe derzeit keine Knochen in der Waschküche liegen, wiegelt Erd­mute Labes
am Tele­fon ab. Die Pas­torin lebt im Pfar­rhaus von Märkisch Buch­holz, 50 Kilo­me­ter
südlich von Berlin, und bekommt von frem­den Leuten gele­gentlich Knochen hin­gelegt.
Men­schen­knochen. “Das ist eben noch nicht ver­gan­gen”, sagt sie etwas später in ihrem
Amt­sz­im­mer mit Blick auf Kirche und Mark­t­platz. Auf dem Tisch liegen ein
Umbet­tung­spro­tokoll und eine Erken­nungs­marke mit Durch­schuss. “Res. Flak­bat­terie”
ist eingeprägt.

Nein, da ist noch nichts ver­gan­gen, solange Erd­mute Labes von Mil­i­tari­asamm­lern, die
durch die Wälder streifen, immer wieder unauf­fäl­lig Knochen in die Waschküche gelegt
wer­den, die sie dann auf dem “Wald­fried­hof”, dem größten deutschen Sol­daten­fried­hof,
im Nach­bar­dorf Halbe bestat­tet.

Der Krieg ist noch nicht vor­bei. Es müsste noch aufgeräumt wer­den ring­sum. Waf­fen
und Muni­tion müssten einge­sam­melt und ver­nichtet wer­den. “Die Wald­brände im Som­mer,
das kommt alles von der Muni­tion”, sagt Erd­mute Labes. Die Feuer­wehr fährt da nicht
rein. Selb­st die Bäume sind kaum zu gebrauchen, die nimmt kein Sägew­erk ohne Prü­fung
durch Detek­toren. Eine Kugel im Holz kann das ganze Säge­gat­ter zer­fet­zen.

Woan­ders, in den ost­deutschen Städten, wer­den die let­zten Lück­en geschlossen, die
die Bomben geris­sen haben, im Berlin­er Reich­stag sind die In
schriften der rus­sis­chen
Sol­dat­en freigelegt und im Kino läuft der “Unter­gang”. In Märkisch Buch­holz genügt
ein Blick aus dem Pfar­rhaus­fen­ster.

Das war mal eine Stadt, eine kleine zwar, aber eine mit Kirche und artig angelegtem
Mark­t­platz, Rathaus, kleinen Läden. Bis zum 26. April 1945. Seit­dem ist die Stadt
ein zer­ris­sener Leib, not­dürftig geflickt mit Pflaster­steinen, Blu­menra­bat­ten und
Gras. Häuser ste­hen da, aber wie? Selb­st der Gasthof “Gold­en­er Hirsch” wirkt wie ein
Fremdling bei so viel Leere. Wer heute bauen will, muss zuerst den
Muni­tions­berge­di­enst rufen.

Als wolle sich die Haush­er­rin behaglichere Gedanken machen, ist das Amt­sz­im­mer fast
zu gut geheizt, wird das Teeser­vice hin­ter Glas präsen­tiert und eine weiße Tafel mit
aller­lei Glück­wün­schen erin­nert an den 60. Geburt­stag. Aber wie soll etwas verge­hen,
wenn in den Wäldern ring­sum zehn­tausende Men­schen seit fast 60 Jahren unter dem Moos
liegen wie abgek­nalltes, veren­detes Wild? Noch min­destens 40.000 Tote, heißt es,
müssten noch gebor­gen wer­den.
Mehr Tote als Lebende

Man kann nicht sagen, dass die Bergung der Toten ein drän­gen­des poli­tis­ches Ziel
wäre. Auch nicht nach dem Besuch Ger­hard Schröders am Grab seines Vaters im
rumänis­chen Ceanu Mare im August. Für Kriegs­gräber ist seit 1919 der Volks­bund
Deutsche Kriegs­gräber­für­sorge zuständig, deren Bran­den­burg­er Vizechefin Erd­mute
Labes nahezu zwangsläu­fig gewor­den ist.

Dafür inter­essiert sich die “Nationale Oppo­si­tion” um so mehr. Auch in diesem Jahr
soll es wieder zum “Ehre­nauf­marsch für den deutschen Frontsol­dat­en” kom­men. Und
damit sich alle langfristig darauf ein­stellen kön­nen, hat Neon­azi Chris­t­ian Worch
aus Ham­burg schon Heldenge­denk­feiern bis 2020 angemeldet — und an diesem Sonnabend
exakt 60 Kränze.

In den Wäldern ver­rot­ten weit mehr Tote, als Lebende in den Städten und Dör­fern
ring­sum wohnen — wegge­wor­fenes Men­schen­ma­te­r­i­al der let­zten Kesselschlacht des
Zweit­en Weltkrieges. Der Wehrma­chts­bericht log am 27. April 1945: “Im Raum südlich
Fürsten­walde stießen unsere Ver­bände im Angriff nach West­en in die tiefe Flanke der
im Süden von Berlin operieren­den Bolschewis­ten.” Der sow­jetis­che Befehlshaber,
Marschall Shukow, for­mulierte das in seinen Erin­nerun­gen so: “Der Ring um die
feindlichen Trup­pen südöstlich von Berlin … schloss sich fest.”

Das kam der Wahrheit schon weit näher. Die Reste der 9. Armee, die zu den
Amerikan­ern nach West­en durch­brechen woll­ten, wur­den hier im April 1945 von der 1.
Ukrainis­chen und der 1. Belorus­sis­chen Front in die Zange genom­men — und
“aufgerieben”. Gen­er­al Theodor Busse, der eine Kapit­u­la­tion abgelehnt hat­te, kon­nte
sich abset­zen, der Rest liegt seit­dem im Wald.

“So ver­schar­rt man noch nicht mal einen Hund!”, ereifert sich Pas­torin Labes ein
wenig. Das Früh­jahr 1945 war warm, wochen­lang habe es nach Ver­we­sung gerochen. Da,
wo die Toten ger­ade lagen, wur­den sie von den Ein­heimis­chen, meist Frauen, unter
Auf­sicht der Roten Armee ver­graben. So waren die Sol­dat­en aus den Augen. Nicht
unprak­tisch für die neuen Her­ren, die bald mit der “antifaschis­tisch-demokratis­chen
Umwälzung” began­nen und für die deutsche Sol­dat­en oft nur eines waren: faschis­tis­che
Hand­langer.

Die meis­ten rus­sis­chen Sol­dat­en wur­den auf den Sol­daten­fried­hof Seelow im Oder­bruch
gebracht, die deutschen lan­de­ten im Wald — bis auf die über 20.000 deutschen
Sol­dat­en, die die DDR dann in Halbe hat bestat­ten lassen. “Das ist ein
Ali­bi-Fried­hof”, sagt Erd­mute Labes. Warum? “Die DDR hat­te bei ihrer Grün­dung die
Gen­fer Kon­ven­tion anerkan­nt.” Die Kon­ven­tion sah auch Min­dest­stan­dards für die
Bestat­tung geg­ner­isch­er Gefal­l­en­er vor. Was waren die deutschen Sol­dat­en? Geg­n­er?
Das wohl nicht. Fre­unde? Erst recht nicht. Und das Wort Alt­las­ten gab es noch nicht.
Mehr Wald als Fried­hof

Der dama­lige Ort­sp­far­rer Ernst Teich­mann hat­te jahre­lang Druck gemacht, so dass man
ab 1951 ein paar Hek­tar kom­mu­nalen Wald zum Fried­hof umwid­mete, um wenig­stens einen
Teil der Toten aus den Wäldern zu holen: Wehrma­chtssol­dat­en, auch SS-Ange­hörige,
einige Zivilis­ten und Zwangsar­beit­er. Und da man ger­ade beim Umschaufeln war, fuhr
man 1952 auch die 4.500 Toten aus dem ehe­ma­li­gen sow­jetis­chen Internierungslagers
Ketschen­dorf bei Fürsten­walde nach Halbe und set­zte sie anonym bei. “April 1945” log
man als Todeszeit­punkt auf den Steinen. Ein Schädlings­bekämpfer hat die Umbet­tung
vorgenom­men, sagt Erd­mute Labes.

Dass sie zu dieser Auf­gabe gekom­men ist, war eigentlich Zufall. Als sie 1982 eine
neue Stelle suchte, um ihrer Heimat­stadt Berlin wieder näher zu sein, bot sich
Märkisch Buch­holz an, und zu deren Gemein­den gehörte das Nach­bar­dorf Halbe samt
Wald­fried­hof. Zur DDR-Zeit war die Betreu­ung der Pas­torin eher eine ideelle:
Beerdi­gen durfte sie auf dem kom­mu­nalen Fried­hof nicht. Wenn Knochen gefun­den
wur­den, etwa bei Schachtar­beit­en, wur­den die Gebeine ohne Zer­e­monie ver­schar­rt.

“Bis zur Wende dacht­en alle, das wird weniger”, erin­nert sie sich. Wurde es auch.
Bis nach dem Mauer­fall die ersten Wes­t­au­tos im Wald auf­taucht­en. “Am Anfang war das
ja alles ein rechts­freier Raum”, sagt sie. Für Mil­i­tari­asamm­ler muss es ein Paradies
gewe­sen sein. Im West­en war das meiste schon abge­grast und umge­graben. Hier im Osten
liefen sie durch den Wald mit Son­den und wühlten wie Trüf­felschweine im Boden. Und
1992 lagen dann die ersten Knochen in der Waschküche.

“Mil­i­tari­asamm­ler, das ist son Spek­trum.” Erd­mute Labes öffnet die Arme: Die einen
suchen nach Goldrin­gen und Zäh­nen, die anderen nach Muni­tion, wieder welche nach
Kop­pelschlössern und Orden, und wieder andere suchen Tage­büch­er und Briefe. “Der
Tote ist da nur eine unan­genehme Beiga­be.” Seit 1994 ist es nach dem
Bran­den­bur­gis­chen Kriegsstät­tenge­setz zwar ver­boten, nach Kriegs­gräbern zu graben,
aber es gibt genü­gend Samm­ler, die sich nicht drum scheren, und es gibt zu wenig
Polizei.

Und wenn die Samm­ler fündig gewor­den sind und ihre Trophäen einge­sackt haben,
sam­meln sie die Knochen in eine Tüte und brin­gen sie Erd­mute Labes in die
Waschküche, der Schlüs­sel hängt rechts neben der Tür. Jeden­falls die “besseren”
unter den Samm­lern. Es gibt auch andere. Ein Samm­ler habe ihr am Tele­fon drei
Fund­stellen genan­nt, doch bevor der Umbet­ter ein­traf, waren bei zweien die
Stahlhelme geklaut — inklu­sive Schädel. Das bringt Geld auf dem Schwarz­markt.

Wie ein Volk, das keine Heimat mehr hat, lagern die Toten im Wald. Die DDR wollte
sie aus ide­ol­o­gis­chen Grün­den nicht haben, und das vere­inte Deutsch­land redet lieber
über den Mauer­fall. Kriegs­gräber ste­hen da nicht auf dem Plan. “Bran­den­burg hat kein
Geld”, sagt Erd­mute Labes. Die Wälder müssten vorher von Muni­tion­sresten gesäu­bert
wer­den. Als der Volks­bund vor zehn Jahren ein 300 mal 200 Meter großes Wald­stück vom
Muni­tions­berge­di­enst räu­men ließ, hat das fünf Tage gedauert, und allein die
Sachkosten beliefen sich auf 36.000 Mark. Sechs Hek­tar, von tausenden. Doch ohne
Muni­tions­berge­di­enst geht kein Umbet­ter da rein. Nur die Mil­i­tari­asamm­ler.
Mehr Samm­ler als Nazis

“Mir ist es wichtig, dass die was brin­gen, um möglichst viele Schick­sale zu klären”,
sagt die Pas­torin. Deswe­gen deckt sie die Samm­ler und begrün­det das mit ihrem
Schweigerecht, als hätte sie denen die Beichte abgenom­men. Was sind das für
Men­schen? Erd­mute Labes redet sum­marisch von Leuten, die jung sind, die ein
per­sön­lich­es Inter­esse haben, die Vater oder Groß­vater im Krieg ver­loren haben, die
teil­weise aus der Bun­deswehr kom­men. Mehr nicht.

Woher wisse sie denn, dass die Gebeine auch tat­säch­lich alle von gefal­l­enen Sol­dat­en
stam­men? Erd­mute Labes fängt an: In der Art wie feine Wurzeln um die Knochen
gewach­sen sind, sieht man, dass die das entsprechende A
lter haben. Bei so viel
Anschau­ungs­ma­te­r­i­al ist eine gewisse Rou­tine nicht abzus­tre­it­en. Erd­mute Labes wird
wohl bis zur Rente weit­er so prak­tizieren, sollte sich die Aufmerk­samkeit für
Kriegstote nicht grundle­gend erhöhen. Hin­ten in der Waschküche wer­den immer wieder
Knochen auf­tauchen, als ob sich die Toten selb­st auf den Weg macht­en, um ordentlich
beerdigt zu wer­den. “Ein­er muss es ja machen”, sagt sie. Lei­den­schaft ist das nicht.

Die Helden liegen ander­swo

In Halbe sieht man dem Auf­marsch der Neon­azis mit Unbe­ha­gen ent­ge­gen

(MAZ, Frank Schau­ka) HALBE Der Landser kehrt ein­fach zurück, nachts, in den Alb­träu­men. (Aber das
ahnen die 1000 Neon­azis nicht, die mor­gen durch Halbe ziehen wollen.) Liegt
am Boden, wie vor 59 Jahren, von ein­er Panz­er­kette über­rollt. “Wis­sen Sie,
wie das aussieht? Das ist noch harm­los.” Am Bah­nüber­gang, über­all im Dorf
schreien im Traum die Ver­let­zten, denen nie­mand hil­ft, weil nie­mand mehr da
ist, der helfen kön­nte. “Es ging doch nicht”, sagt Siegfried Richter. Die
Leichen der Sol­dat­en lagen schon meter­hoch, “dass man sich dahin­ter
ver­steck­en kon­nte”. Das ist sein Halbe — der Teil, über den er sprechen
kann. “Was wirk­lich passiert ist, habe ich noch keinem erzählt und werde es
nie erzählen: mein­er Frau nicht, meinem Enkel nicht, meinem Sohn nicht.
Darüber kann man nur mit Leuten reden, die dabei waren. Andere wür­den
denken, der Alte spin­nt.” Wenn er reden würde, wenn er reden kön­nte, sagt
Richter, “fange ich an zu heulen”.

Ein Held? “Ich habe mich nie als Held gefühlt. Wir waren 16, 17 Jahre alt,
und wir hat­ten mehr Angst als alle anderen.” Flack­sol­dat Richter und seine
Kam­er­aden kamen von Osten, von der Oder­front nach Halbe. Ihre
Erken­nungs­marken, mit denen die Toten iden­ti­fizier­bar gewe­sen wären, hat­ten
sie schon vorher in einem Lauf­graben zwis­chen Bunker und Stel­lung ver­graben
müssen. Befehl. Die Rote Armee war turmhoch über­legen. “An Waf­fen 20 zu
eins”, sagt Richter. “Wir haben noch anderthalb Tage geschossen, bis wir
keine Patro­nen mehr hat­ten, dann war Ruhe.” Das war Sam­stag, der 28. April
1945, zehn Tage vor dem Ende des Zweit­en Weltkriegs.

“Wir wur­den sys­tem­a­tisch ver­heizt”, sagt Richter: der Unterof­fizier
Ober­län­der, der von Beruf Förster war, der “Uffz” Sieg, der Oberge­fre­ite
Schn­abel, der Kanon­ier Heinz Müller. Wie die übri­gen 22 000 — Sol­dat­en,
Deutsche, Russen, Müt­ter, Kinder, Ein­heimis­che, Flüchtlinge. Bei Halbe hat­te
Siegfried Richter seine Kam­er­aden aus den Augen ver­loren. “Ein Waldbeschuss
ist nicht so lustig.” Jed­er will sich ver­steck­en. Und dann die Dunkel­heit.
“Keine Ahnung, wo sie geblieben sind, ob sie kaputtgeschossen wur­den oder in
Gefan­gen­schaft kamen.”

Vielle­icht ruhen, liegen sie in der Erde bei Halbe. Als namen­lose Opfer.
“Held” würde Siegfried Richter nicht sagen. Er fährt “tur­nus­mäßig” nach
Halbe, seine Kam­er­aden zu suchen — und fand doch niemals einen. “Leben Sie
mal in so ein­er Sit­u­a­tion zusam­men, jed­er hat dieselbe Angst, jed­er hat dem
anderen geholfen.” Und deshalb hat er zwar “die Hoff­nung aufgegeben, noch
einen zu find­en”, den­noch er wird weit­er­suchen, in Halbe eben­so wie auf
Sol­daten­fried­höfen in der Umge­bung. (Aber das wis­sen die jun­gen Neon­azis
nicht, die meinen, unter dem Mot­to “Ruhm und Ehre dem deutschen
Frontsol­dat­en” für Män­ner wie Siegfried Richter die Stimme erheben zu
dür­fen.)

“Die Recht­en”, sagt ein junger Mann aus Halbe, der seinen Namen nicht nen­nt,
hät­ten “ihre eigene Ord­nung”, die seien “ganz human”. “Die sind gut
ange­zo­gen, richtig fes­tlich. Das muss man sich ankieken, das ist richtig
gut”, sagt der Mann im Arbeits­drillich. Auch wenn er selb­st kein Neon­azi
sei, die zur Schau gestellte Ord­nung der Recht­sex­tremen beein­druckt ihn. Die
linken Protestler, die im ver­gan­genen Jahr mit Laut­sprech­ern und
Trillerpfeifen durch Halbe zogen, wür­den hinge­gen bei der Bevölkerung nicht
gut ankom­men.

Dass sich Halbe ab Mit­ter­nacht bis Sam­stagabend im Aus­nah­mezu­s­tand befind­et,
miss­fällt den Dorf­be­wohn­ern eben­falls. Etliche Geschäfte wer­den geschlossen
bleiben. Die Bun­desstraße 179, die den Ort passiert, wird zudem von der
Polizei abgeriegelt. “Wie soll man dann da einkaufen?” empört sich ein
Händler, “das ist geschäftss­chädi­gend.” Alle 100 Meter kon­trol­liert zu
wer­den sei “nicht angenehm”. Am Bah­nüber­gang wür­den möglicher­weise die
Schranken geschlossen.

Herr D. aus Halbe war neun Jahre alt, als er die Kesselschlacht miter­lebte.
“Nen­nen Sie mich Zeitzeuge”, sagt der 68-Jährige. Er und Siegfried Richter
ken­nen und ver­ste­hen sich gut. Die Neon­azis, die jet­zt demon­stri­eren, “wären
damals weg­ger­an­nt”, sobald sie bemerkt hät­ten, dass nicht mit Zuck­er­wat­te
gewor­fen wurde, sagt Herr D. Das Gedenken dieser Toten “kön­nen nur die
nach­fühlen, die dem Tod von der Schippe gesprun­gen sind”. Scheiben­schießen
sei “eine wun­der­bare Sache”, sagt Richter. Die jun­gen Neon­azis, die jet­zt
von Kriegshelden­tum “faseln”, hät­ten jedoch “keine Ahnung vom Krieg”. Sie
soll­ten “mal in den Irak” — oder schweigen.

In der Nähe des Bahn­hofs, wo die Neon­azis mor­gen auf­brechen wollen, um ihre
Botschaft zu ver­bre­it­en, erscheinen Siegfried Richter oft­mals die Bilder von
einst. Dort, wo die Flak­bat­terie stand, lagen die Leichen meter­hoch. “Die
Helden”, sagt Herr D., “liegen ander­swo.”


Friedlich ent­ge­gen­stellen


Aufruf Baaskes zum Neon­azi-Auf­marsch / Kreistagserk­lärung “ein­deutig”

(MAZ) Die Erk­lärung des Kreistages gegen den Neon­azi-Auf­marsch mor­gen in Halbe ist
lan­desweit beachtet wor­den. Der Vor­sitzende der SPD-Land­tags­frak­tion dank­te
dem Kreistag für den “ein­deuti­gen” Text, der auch Hin­ter­gründe erk­läre und
damit helfen könne, “den Wahnsinn des Nation­al­sozial­is­mus und das Mor­den von
Halbe im April 1945 der jün­geren Gen­er­a­tion zu ver­mit­teln.”

Baaske rief gestern dazu auf, sich den Recht­sex­trem­is­ten in Halbe friedlich
ent­ge­gen­zustellen: “Dieser braune Auf­marsch ist obszön. Der Volk­strauertag
wird auf wider­wär­tige Weise miss­braucht.” Es sei bedauer­lich, dass es nicht
möglich war, “diese dumpfe Ver­anstal­tung gerichtlich zu stop­pen”, sagte
Baaske.

Der Kreistag hat­te diese Woche den Auf­marsch verurteilt und an die
Krieg­sopfer sowie an die Opfer des sow­jetis­chen Internierungslagers
Ketschen­dorf erin­nert (MAZ berichtete). “Für uns ist Halbe ein Ort der
Trauer und des Respek­ts”, heißt es in der Erk­lärung. “Wir lehnen
Kriegsver­her­rlichung ab. Wir wollen Eure dumpfen Parolen nicht. Die Men­schen
im Land­kreis Dahme-Spree­wald wollen Völk­erver­ständi­gung, gle­iche
Men­schen­rechte für alle, Demokratie und Frieden.”

Die FDP hat auf ein­er Kreis­mit­gliederver­samm­lung am Dien­stag eine eigene
Erk­lärung beschlossen. Darin heißt es, der “Miss­brauch des Wald­fried­hofs”
Halbe als Ort des “Heldenge­denkens” ver­fälsche die his­torische Wahrheit der
Ereignisse: “Unser Protest richtet sich gegen jeden Ver­such, poli­tis­ches
Kap­i­tal aus dem Schick­sal der in Halbe bestat­teten Opfer von Krieg und
Gewalt zu ziehen.” Die FDP will am Toten­son­ntag auf dem Wald­fried­hof der
Opfer gedenken. Kreisvor­sitzen­der Raimund Tom­czak sagte, die FDP trage die
Kreistagserk­lärung nicht mit. Dass sie als Mitun­terze­ich­n­er genan­nt wurde,
sei ein “Missver­ständ­nis” gewe­sen, sagte SPD-Frak­tion­schef Udo Effert.

In Halbe wer­den mor­gen bis zu 800 Recht­sex­treme erwartet. Die PDS
Dahme-Spree­wald und weit­ere Anmelder ver­anstal­ten eine Gegen­demon­stra­tion
mit 2600 erwarteten Teil­nehmern. Sie ver­sam­meln sich um 11 Uhr am
Bahn­hofsvor­platz, die Kundge­bung der Recht­en in der Lin­den­straße begin­nt um
12 Uhr. 1600 Polizis­ten und Bun­des­gren­zschützer begleit­en die
Ver­anstal­tun­gen.

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Cot­tbus — Vor der Stadthalle in Cot­tbus haben sich am Sam­sta­gnach­mit­tag etwa 50 Per­so­n­en syrisch­er, syrisch-kur­dis­ch­er und deutsch­er Herkun­ft ver­sam­melt, um gemein­sam gegen den Ein­marsch der türkischen Armee in Nordsyrien zu demon­stri­eren.
Frank­furt (Oder) — Vor dem Hin­ter­grund des Anschlags in Halle, der zwei Men­schen das Leben kostete, ruft das Bünd­nis „Kein Ort für Nazis in Frank­furt (Oder)“ zu ein­er Kundge­bung am Fre­itag den 11.10.2019 ab 18 Uhr auf dem oberen Brun­nen­platz auf
Der Flüchtlingsrat Bran­den­burg, Jugendliche ohne Gren­zen und die Flüchtlings­ber­atung des Ev. Kirchenkreis­es Oberes Havel­land kri­tisieren die Unter­bringungspoli­tik im Land­kreis Ober­hav­el.

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