4. Mai 2005 · Quelle: LR

Rechte Ideologie schleicht sich durch die Hintertür ein

Der klas­sis­che Neon­azi mit Springer­stiefeln und Bomber­jacke ver­schwindet aus
dem Stadt­bild von Cot­tbus. Kein Grund zum Aufat­men: Die recht­sex­treme
Ide­olo­gie schle­icht sich bei den Jugendlichen der Stadt mehr und mehr durch
die Hin­tertür ein, wie Sozialar­beit­er und Poli­tik­er beobacht­en.

Schock­iert zeigte sich Mar­ti­na Münch, Vor­sitzende des Vere­ins «Cot­tbuser
Auf­bruch» , nach dem Besuch ein­er 10. Klasse der Sandow­er Realschule.
«Manche Schüler erk­lärten, es gäbe zu viele Aus­län­der in Cot­tbus, die uns
die Arbeit weg­nehmen wür­den. Im gle­ichen Atemzug beteuerten sie, Nazis zu
ver­ab­scheuen.» Ihr pflichtet Rose­marie Effen­berg­er vom Jugen­damt bei, die
sich mit Jugendlichen der Stadt unter­hielt. «Auch dort hörte ich die
Ansicht, in Cot­tbus wür­den zu viele Aus­län­der leben.» Dies sei aus­gerech­net
nach ein­er Vor­führung des Films «Die Frau des let­zten Juden — eine
Spuren­suche in Cot­tbus» passiert.

Tat­säch­lich schätzen viele junge Cot­tbuser den Aus­län­der­an­teil zu hoch ein.
Sabine Rack (21) sagt: «Es sind wohl um die zehn Prozent.» Alexan­der Deck­ert
(18) erk­lärt: «Ich nehme an, es sind 12 bis 13 Prozent.» Und Robert Ziebe
(17) glaubt: «30 bis 40 Prozent der Ein­wohn­er in Cot­tbus stam­men aus dem
Aus­land.» Kon­fron­tiert mit den wirk­lichen Zahlen, reagieren sie alle
verblüfft: Nach Auskun­ft von Hei­di Gilis, Lei­t­erin der Sta­tis­tik­stelle der
Kom­mune, beträgt der Aus­län­der­an­teil derzeit 3,6 Prozent — die meis­ten von
ihnen leben in Ströb­itz, in der Nähe der Bran­den­bur­gis­chen Tech­nis­chen
Uni­ver­sität (BTU). Doch sie ver­lassen ihre gewohnte Umge­bung kaum, wie
Sozialar­beit­er Roman Frank beobachtet: «Man sieht sie ja höch­stens mal beim
Einkaufen in der Spree Galerie.» Deshalb hält er es für nötig, dass Lehrer
ihre Schüler mit der Real­ität kon­fron­tieren: «Viele Jugendliche sind sich­er
ein biss­chen welt­fremd, weil sie zu wenig in anderen Gegen­den Deutsch­lands
herumkom­men.»

Damit nicht genug: Die Zahl recht­sradikaler Straftat­en in Cot­tbus nimmt
weit­er zu (siehe Hin­ter­grund). So meldete Toralf Rein­hardt vom
Lan­deskrim­i­nalamt für 2003 noch 36 Pro­pa­gan­da-Delik­te: «2004 waren es
bere­its 39.» Und das, obwohl Frank Töpfer, Sozialar­beit­er in Schmell­witz,
fest­stellt: «Es gibt immer weniger klas­sis­che Neon­azis in Cot­tbus.»

Wie passt bei­des zusam­men« Nach Töpfers Worten passen sich Recht­sradikale
seit eini­gen Jahren in ihrem äußeren Erschei­n­ungs­bild an, sie ver­suchen,
weniger aufz­u­fall­en — und greifen zugle­ich Reizthe­men auf, von denen sie
wis­sen, dass Fam­i­lien sie beim Aben­dessen disku­tieren. Aktuelles Beispiel:
«Hartz IV» . Als die Gew­erkschaft «Ver­di» im ver­gan­genen Herb­st am
Oberkirch­platz zu Demon­stra­tio­nen gegen die neuen Geset­ze aufrief, sprang
die Deutsche Volk­sunion (DVU) auf den Zug auf — mit Wahlplakat­en wie
«Schnau­ze voll» Dies­mal DVU — die Quit­tung für die Bonzen» . «Die rechte
Szene hat sich geän­dert» , urteilt Töpfer. «Das geht so weit, dass sie
Sym­bole ver­wen­det, die ursprünglich aus der Antifa-Ecke kom­men.» Mit
ver­wirren­den Fol­gen: Neon­azis tra­gen Palästi­nensertüch­er, sie schmück­en ihre
T‑Shirts mit Porträts des Befreiungskämpfers Che Gue­vara, und sie hören
Bands wie «Ton, Steine, Scher­ben» , als deren Man­agerin einst die
Grü­nen-Poli­tik­erin Clau­dia Roth arbeit­ete. «Ich halte dabei eine Frage für
wichtig» , erk­lärt Töpfer: «Han­delt es sich um eine Strate­gie?»

Falls dies der Fall ist, muss sie nicht in jedem Fall ver­fan­gen. So
schilderten Mit­glieder des Vere­ins «Cot­tbuser Auf­bruch» bei ihrer Sitzung in
der vorigen Woche, wie Jugendliche am Brun­schwig­park zwei aus­ländis­che
Stu­den­ten beschimpften und bis in einen benach­barten Super­markt ver­fol­gten.
Dort stießen die Recht­sradikalen jedoch auf klaren Wider­stand: Mehrere
Kun­den des Mark­tes protestierten laut­stark gegen ihre Pöbeleien, die
Jugendlichen zogen wieder ab. Reak­tion der Vere­insvor­sitzen­den Mar­ti­na
Münch: «Das nenne ich echte Zivil­courage.»

Hin­ter­grund Straftat­en-Sta­tis­tik

Für das Jahr 2004 meldet das Lan­deskrim­i­nalamt 60 rechts motivierte
Straftat­en aus Cot­tbus, eine mehr als im Jahr zuvor. Im Detail heißt das:
elf Gewalt­de­lik­te, 39 Pro­pa­gan­dade­lik­te, zehn son­stige.

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