19. Mai 2005 · Quelle: LR

Rechte Straftaten in einer neuen Dimension

Die Polizei hat gestern in der Nach­barschaft des Jugend­clubs «Frageze­ichen
e.V.» in Sach­sendorf Handzettel verteilt, um Zeu­gen für den Neon­azi-
Über­fall am Sam­stag zu find­en. Die Polizei erhofft sich Aus­sagen über
Beobach­tun­gen der Zusam­men­rot­tung von 20 bis 30 Per­so­n­en auf der Frei­fläche
in der Nähe des Jugend­clubs. Die Tatverdächti­gen tru­gen Bomber­jack­en,
Tarn­ho­sen, Springer­stiefel und waren teil­weise ver­mummt. Von ein­er «neuen
Qual­ität» der recht­en Aktiv­itäten in Cot­tbus spricht Amts­gerichts­di­rek­tor
Wolf­gang Rupieper.

Kurz nach 17 Uhr waren die Män­ner in Bomber­jack­en am Sam­stag — wie
berichtet — in den Club einge­drun­gen, wo zu dieser Zeit eine Ver­anstal­tung
«Des Nazis neue Klei­der» stat­tfind­en sollte. Drei Teil­nehmer wur­den
ver­let­zt, die Ein­rich­tungs­ge­gen­stände erhe­blich zer­stört. Nun ermit­telt die
Polizei wegen Ver­dachts des Land­friedens­bruch­es.

Der Über­fall teil­weise mask­iert­er Neon­azis auf einen Jugend­club in
Sach­sendorf ist nach Überzeu­gung von Amts­gerichts­di­rek­tor Wolf­gang Rupieper
ein Anhalt­spunkt dafür, dass sich in der recht­en Szene gefährliche
Änderun­gen vol­lziehen. Rupieper: «Die Phase der blö­den Recht­en ist vor­bei.
Heute gibt es dur­chaus intel­li­gente Vertreter in der recht­en Szene, die den
anderen die Schmutzarbeit über­lassen.» Der Cot­tbuser Amts­gerichts­di­rek­tor
hat per­sön­liche Erfahrun­gen über Ein­flüsse der Recht­en auf die Jugend durch
regelmäßige Besuche von Schulk­lassen im Rah­men des Pro­jek­ts «Richter,
Recht­san­wälte und Staat­san­wälte gehen in die Schulen» . Es han­delt sich um
ein Gemein­schafts pro­gramm des Bran­den­bur­gis­chen Anwaltsvere­ins, des
Richter­bun­des und der Jugen­drecht­shäuser.

Nach Rupiepers Erken­nt­nis gibt es fast in jed­er Klasse Schüler, die von der
recht­en Szene bevorzugte Klei­dungsstücke tra­gen. «Die Eltern wis­sen oft gar
nicht, welche Klam­ot­ten ihre Kinder besitzen.»

Als gefährliche «Ein­stiegs­droge» für die Neon­azi-Szene wertet der
Amts­gerichts­di­rek­tor auch die Skin­head-Musik. Längst beschränke sie sich
nicht mehr auf den Sound der häm­mern­den Bässe, son­dern trans­portiere über
weiche Töne rechte Ide­olo­gie. Rupieper: «Die jugendlichen Zuhör­er merken oft
gar­nicht, dass es die Sprache des Drit­ten Reich­es ist, wenn von der
“deutschen Rasse” gesun­gen wird.»

Die Gefährdung beginne im Alter von zwölf, 13 Jahren — «wenn sich das bis
zum 16. Leben­s­jahr ver­fes­tigt, dann ist es oft schon zu spät» . Der
Amts­gerichts­di­rek­tor: «Ich spüre es in den Klassen, dass die Jugen­dar­beit
noch forciert wer­den muss. Man darf nicht ohn­mächtig sagen: “Das ist eben
so, das legt sich auch wieder.”»

Das Inter­esse der Schüler an der Geschichte des Drit­ten Reich­es sei größer,
als heute all­ge­mein behauptet werde. Rupieper: «Vor allem müssen die Schüler
erken­nen, dass es in diesen recht­en Kam­er­ad­schaften heute keine Wärme gibt,
keine Lager­feuer­at­mo­sphäre, son­dern Eis­eskälte. Das zeigt sich immer dann
beson­ders, wenn jemand aus der Szene wieder aussteigen will» . Der Direk­tor
des Cot­tbuser Amts­gerichts sagt zu, «zeit­nah» in Schulen zu kom­men, wenn
Gespräche über das The­ma gewün­scht wer­den oder wenn es Vor­fälle mit
neon­azis­tis­chem Hin­ter­grund gegeben hat.

Nach Mit­teilung des Jugend­clubs Frageze­ichen wur­den bei dem Über­fall
Mobil­iar und Ver­anstal­tung­stech­nik zer­stört, Stüh­le und Lam­p­en zertrüm­mert,
Instru­mente, Laut­sprech­er und ein Mis­ch­pult ruiniert — auf rund 3500 Euro
schätzt der Vere­in den Schaden. Um weit­er arbeit­en zu kön­nen, müssten
Neuan­schaf­fun­gen und Repara­turen finanziert wer­den, sagt der Vere­in, der in
Sach­sendorf für Jugendliche ehre­namtlich Konz­erte, Tis­chten­nis­turniere und
andere Freizeitak­tiv­itäten organ­isiert. Ein Spendenkon­to wurde bei der
Spar­da Bank, Ken­nwort Frageze­ichen e.V., Kon­to 3131076, Ban­kleitzahl
12096597, ein­gerichtet.

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