1. Oktober 2003 · Quelle: SZ

Rechtsextremisten auf dem Marsch in die Institutionen

Die Erken­nt­nis nach dem ver­sucht­en Anschlag in München: Neon­azis in den alten und neuen Bun­deslän­dern arbeit­en eng zusam­men

(Süd­deutsche Zeitung, 26.09.03) Es ste­hen selt­same Kreuze an den Straßen Vor­pom­merns. Die Quer­balken weisen schräg nach unten, und nach oben laufen sie spitz wie Pfeile zu. Die Kreuze erin­nern an Ver­stor­bene, die hier an den Bäu­men zer­schell­ten – sehr spezielle Ver­stor­bene: Recht­sradikale, die alles Christliche ablehn­ten und nun auch im Tod nicht mit einem christlichen Sym­bol belästigt wer­den sollen. An den Bäu­men Vor­pom­merns ste­hen immer öfter solche hölz­er­nen Runen. Und im Tele­fon­buch des Städtchens Anklam wirbt der Dachdeck­er Mirko Gudath mit ein­er Leben­srune für seine Dien­ste – für jeden Neon­azi sofort als Zeichen der eige­nen Szene erkennbar. Gudath ist ein­er der Anführer der recht­sradikalen Kam­er­ad­schaft Anklam, im örtlichen Anzeigen­blättchen darf „der Jun­gun­ternehmer“ für seine Heimatver­bun­den­heit wer­ben und erzählen, dass er „geschichtlich sehr inter­essiert“ sei – dur­chaus, an der Hero­isierung des Nation­al­sozial­is­mus näm­lich.

Was sich in Anklam zeigt, ist Teil ein­er Strate­gie, die „kul­turelle Sub­ver­sion“ heißt und nur eines bedeutet: Recht­sex­trem­is­ten wollen Ein­fluss auf die Gesellschaft, auf die Kul­tur gewin­nen – nicht nur Trom­mel schla­gend und mit Kop­pel und schwarzem Hemd marschierend, son­dern auf dem leisen Weg durch die Insti­tu­tio­nen. Vor zwei Wochen rief das recht­sradikale Inter­net­fo­rum „Stör­te­bek­er-Netz“ seine Anhänger dazu auf, sich als Schöf­fen zur Ver­fü­gung zu stellen. Damit könne jed­er Bürg­er „sein indi­vidu­elles Recht­sempfind­en zumin­d­est teil­weise in einen Gerichts­beschluss ein­fließen lassen“. Im Klar­text heißt das: Neon­azis, unter­wan­dert die Gerichte! Und wenn wieder ein Skin­head vor Gericht ste­ht, kön­nt Ihr dann auf Bewährung und Milde hin­wirken. Mit­tler­weile befürcht­en die Eltern in Vor­pom­mern, dass Neon­azis dem­nächst in den Schulen mitbes­tim­men. Viele der recht­en Kad­er haben Kinder, die dem­nächst in die Schule kom­men, und sie wer­den in die Eltern­vertre­tun­gen streben.

Vor­pom­mern ist nah

Vor­pom­mern ist sehr weit weg von München. Und doch sehr nah. Denn von hier kommt der Anführer der recht­sradikalen Kam­er­ad­schaft Süd, der 27 Jahre alte Mar­tin Wiese, der in München die Baustelle des jüdis­chen Gemein­dezen­trums in die Luft spren­gen wollte. Gegen ihn und sechs weit­ere Beschuldigte ermit­telt der Gen­er­al­bun­de­san­walt in Karl­sruhe wegen Bil­dung ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung. In Anklam ist Wiese geboren, im nahen Pase­walk aufgewach­sen. Hier­her und in die nord­bran­den­bur­gis­che Uck­er­mark fuhr Wiese immer wieder zu Besuchen – etwa zur Geburt­stags­feier seines Kumpels Andreas J., gegen den nun von der Gen­er­al­bun­de­san­waltschaft wegen Unter­stützung ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung ein Haft­be­fehl erwirkt wurde. Hier, im Nor­dosten der Repub­lik, leben die Verdächti­gen, die als Wieses Unter­stützer bei dem geplanten Bombe­nan­schlag gelten.Von hier kommt das, was bay­erische Polizis­ten „importierte Neon­azis“ nen­nen, die die eher ruhige Szene in München aufgeputscht hät­ten. Im bay­erischen Ver­fas­sungss­chutzbericht 2002 ste­ht, die „Kam­er­ad­schaft Süd“ mit ihrem Anführer aus dem Osten strebe nach ein­er „Vor­re­it­er­rolle im neon­azis­tis­chen Spek­trum“. Wer genau hin­sieht, erken­nt, dass die Recht­sradikalen ein dicht­es Netz per­sön­lich­er Beziehun­gen über ganz Deutsch­land gespon­nen haben. Nur zufäl­lig saß die Spinne dieses Net­zes in München.

Leute aus Wieses Gruppe schlu­gen bere­its in Thürin­gen zu. Ein­er sein­er mut­maßlichen Waf­fen­liefer­an­ten war Mit­glied der NPD und viele in seinem Umkreis standen recht­en Bünd­nis­sen wie dem „Märkischem Heimatschutz“ oder der „Pom­mer­schen Aktions­front“ nahe. In München lebten Wiese und sein Fre­und Alexan­der Met­z­ing, eben­falls 27, in ein­er Woh­nung an der Lands­berg­er Straße 106. Met­z­ing kam auch aus dem Osten, aus Luck­en­walde in Bran­den­burg. Die bei­den Män­ner hat­ten sich hier zwei Mäd­chen angelacht, die 18 Jahre alte Ramona Sch. aus München und die 17-jährige Moni­ka S. aus Bald­ham. Die war sog­ar die Chefin des „Frauen­bun­des“ der Kam­er­ad­schaft: Die völkischen Mädels trafen sich regelmäßig in ein­er Schwabinger Kneipe. Außer den bei­den Paaren zählt der Gen­er­al­bun­de­san­walt noch drei junge bay­erische Män­ner zum harten Kern der ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung: Karl-Heinz St., 23, David Sch., 20, und Johannes Thomas Sch. – der Mann, der den bay­erischen SPD-Poli­tik­er Franz Maget auss­pi­oniert hat­te. Zumin­d­est Karl-Heinz St. und David Sch. hat­ten inten­sive Kon­tak­te in die neuen Bun­deslän­der. Die bei­den scheinen ein einge­spieltes Team zu sein. Sie haben offen­sichtlich — so fan­den der MDR Thürin­gen und die Süd­deutsche Zeitung her­aus ‑bere­its vor drei Jahren zwei Afrikan­er im thüringis­chen Eise­nach über­fall­en. Karl-Heinz S. war damals zu einem Jahr und zwei Monat­en Haft verurteilt wor­den, David Sch. zu sieben Monat­en auf Bewährung. Im Urteil gegen S. hieß es damals: Der Verurteilte werde „mit hoher Wahrschein­lichkeit wieder gewalt­tätig und aus sein­er Gesin­nung her­aus weit­ere Straftat­en bege­hen“.

Inter­es­sant ist auch, wen der Gen­er­al­bun­de­san­walt als Unter­stützer der Münch­n­er Neon­azis im Auge hat: Steven Z. und Andreas J. aus dem kleinen Ort Menkin sowie Mar­cel K. aus dem Örtchen Brüs­sow. Sie alle sollen Sprengstoff und Waf­fen nach München geliefert haben. Mar­cel K. war einige Jahre NPD-Mit­glied, wurde aber aus der Kartei gestrichen – er hat­te die Mit­glieds­beiträge nicht bezahlt. Steven Z. fällt dadurch auf, dass ihm der linke Unter­arm fehlt – er hat­te sich beim Basteln an selb­st gesam­meltem Sprengstoff den Arm wegge­sprengt. Zu diesen Waf­fen­nar­ren gehört auch noch ein Mann aus Güstrow, der schon Mitte 50 ist.

Am Dien­stagabend berichtete der Fernsehsender RBB in Berlin, Wiese habe am 3. Mai auf ein­er Geburt­stagspar­ty bere­its angedeutet, er wolle den Bau des jüdis­chen Gemein­dezen­trums in München mit allen Mit­teln ver­hin­dern. Seine mut­maßlichen Waf­fen­liefer­an­ten Steven Z. und Mar­cel K. sollen in einem Bunkerge­bi­et an der pol­nis­chen Gren­ze nach altem Sprengstoff aus dem Zweit­en Weltkrieg gebud­delt haben.

Doch es ist nicht das Weltkrieg-II-Mate­r­i­al, das die Fah­n­der so auf­schreckt. Es sind die 1,7 Kilo­gramm TNT, das sich Wiese in Polen besorgt hat. Die Neon­azis erzählen in den Vernehmungen zwar, sie hät­ten das TNT „im Wald gefun­den“, doch die Ermit­tler gehen anderen Spuren nach. Es scheint Verbindun­gen zu ein­er krim­inellen Szene in Polen zu geben. „Die Nach­schublin­ie ist nicht unter­brochen“, sagt ein hochrangiger Ermit­tler. „Das ist weit­er­hin brandge­fährlich.“ Denn die Fah­n­der befürcht­en, dass aus der Quelle auch noch andere Recht­sex­trem­is­ten beliefert wer­den soll­ten.

„Bunt statt Braun“

Vor allem treibt die Fah­n­der die Frage um, woher die Neon­azis um Wiese das Geld für das TNT hat­ten. Als Hil­f­sar­beit­er wie Wiese oder als Zim­mer­er wie sein Kom­pagnon Met­z­ing ver­di­enen die Neon­azis aber auch nicht so viel, um für Tausende von Euro Sprengstoff einkaufen zu kön­nen. Am gefährlich­sten wäre es, räsonieren Sicher­heit­sex­perten, wenn die Gruppe für jemand anderen die Schmutzarbeit ver­richt­en sollte, der sich selb­st die Fin­ger nicht dreck­ig machen wollte – so jemand kön­nte dann das TNT kosten­frei zur Ver­fü­gung gestellt haben. Die Pläne für den Anschlag waren weit gediehen – offen­bar wollte die Gruppe
durch die Münch­n­er Kanal­i­sa­tion an den Ort des geplanten Atten­tats her­ankom­men.

In Bay­ern schlu­gen die staatlichen Stellen auf jeden Fall Alarm. Wiese stand seit Monat­en unter genauer Beobach­tung. Im Nor­dosten ist das etwas anders. Dem Ver­fas­sungss­chutz in Meck­len­burg war Wiese nicht bekan­nt, auch die anderen Unter­stützer gel­ten als unbeschriebene Blät­ter. In Bran­den­burg hat­te der Ver­fas­sungss­chutz lediglich von Mar­cel K., dem ehe­ma­li­gen NPD-Mit­glied, Ken­nt­nis.

Für Gün­ther Hoff­mann vom anti-nazis­tis­chen Bünd­nis „Bunt statt Braun“ in Anklam ist das kein Wun­der. „Hier gel­ten Leute erst als Mit­glieder der recht­en Szene, wenn sie so etwas wie einen Mit­glied­sausweis und eine entsprechende Home­page haben“, sagt Hoff­mann. In Vor­pom­mern wer­den Kam­er­ad­schaften ja auch gerne als Ord­nungs­fak­tor betra­chtet. Wo sie sind, geschehen wirk­lich weniger Straftat­en. Hoff­mann: „Da entschuldigt sich der Kam­er­ad­schafts­führer sog­ar beim Kneipen­wirt, wenn seine Leute am Abend davor etwas zerdep­pert haben.“ Kam­er­ad­schaften in Vor­pom­mern ver­anstal­ten mit­tler­weile Kinder­feste und neuerd­ings sog­ar Vol­ley­ball­turniere, dazu gibts Bratwurst. „Es wird um gepflegtes Äußeres gebeten (kein Skin­head-Look)“, ste­ht in der Ein­ladung zum Spiel für den 11. Okto­ber. „Ver­botene Sym­bole und Parolen sind uner­wün­scht.“ Ver­mut­lich ist das in Vor­pom­mern dann auch wieder kein Fall für den Ver­fas­sungss­chutz.

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