9. Juli 2003 · Quelle: Berliner Zeitung

Religiöses Zentrum im Plattenbau

Mikhail Chvartz leit­et die Jüdis­che Gemeinde Pots­dam — ihr fehlt es an Geld

POTSDAM. Der Plat­ten­bau fast im Zen­trum von Pots­dam ist nicht ger­ade schön.
Doch Mikhail Chvartz ist ganz zufrieden, dass die Jüdis­che Gemeinde Potsdam
seit Anfang März endlich in eini­gen Räu­men in der Schlossstraße ein neues
Zuhause gefun­den hat. Seit Anfang dieses Monats hat sich die Landesregierung
von Bran­den­burg auch bere­it erk­lärt, die zuvor von der Stadt Potsdam
getra­gene Miete zu übernehmen. Deshalb find­et der Vor­sitzende der Potsdamer
Gemeinde plöt­zlich sog­ar gute Worte für Johan­na Wan­ka (CDU): “Die
Kul­tur­min­is­terin ist eine große Hil­fe auf Schritt und Tritt, find­et immer
Zeit, hat keine Prob­leme mit Ter­mi­nen.” Vom nicht vorhan­de­nen Geld in den
Staatskassen spricht Chvartz nicht direkt. Der 73-Jährige, der seit Anfang
dieses Jahres auch an der Spitze aller sieben jüdis­chen Gemein­den in
Bran­den­burg ste­ht, möchte vielmehr wis­sen, was aus den drei Mil­lio­nen Euro
gewor­den ist, die der Zen­tral­rat der Juden in Deutsch­land als zusätzliche
Bun­deshil­fe für ost€päische Zuwan­der­er bekom­men hat. 

Ver­mächt­nis des Vaters

Chvartz kam 1999 nach Deutsch­land, um das Ver­mächt­nis sein­er Vor­fahren zu
erfüllen. Der Vater war 1925 aus dem Bran­den­bur­gis­chen zunächst in die
Ukraine aus­ge­wan­dert, um in Belice die erste jüdis­che deutsch-ukrainische
Genossen­schaft zu grün­den. Wegen des dor­ti­gen Anti­semitismus zog es ihn bald
nach Moskau, wo es der Sohn später zum Pro­fes­sor für Erdöl­tech­nik sowie zum
Mit­plan­er und als Gen­eraldirek­tor der zuständi­gen Fir­ma zum Miter­bauer der
leg­endären Drush­ba-Trasse brachte. Dem Vater ver­sprach Chvartz, die Gemeinde
in Bran­den­burg wieder aufzubauen. 

Die Auf­gabe an der Spitze der fast 800 Mit­glieder starken Gemeinde wird
nicht leicht. Bish­er sitzt Chvartz in mehr als schlecht ausgestatteten
Zim­mern — eine Etage über dem Amts­gericht, und gle­ich neben zahlreichen
Pro­jek­t­grup­pen und ein­er Fis­chereior­gan­i­sa­tion. Sprech­stun­den für die — mit
zwei Aus­nah­men — rus­sis­chstäm­mi­gen Juden gibt es nur zwei Mal wöchentlich.
Und sein Ver­sprechen, schon bald den Gläu­bi­gen fre­itags und sonnabends zum
Shab­bat regelmäßig Gottes­di­en­ste anzu­bi­eten, kann der Vor­sitzende bislang
nicht hal­ten. Nur gele­gentlich kommt Rab­bin­er Pres­mann, vom Zen­tral­rat der
Juden aus Geld­man­gel ent­lassen, vor­bei und hil­ft aus. In ganz Brandenburg,
sagt Chvartz, existiert nicht eine einzige richtige Syn­a­goge. Am meisten
stört Chvartz das Pro­vi­so­ri­um in Pots­dam. Dort, wo eigentlich 60 Leute
sitzen kön­nen, stören zwei Wände. So hängt der Tho­ra-Vorhang in einem
winzi­gen Raum für ger­ade zwölf Gäste. “Ich suche Leute, die die Mauern
ein­reißen”, sagt Chvartz, lacht und hofft auf tätige Hil­fe. Und dann zählt
er seine Pri­or­itäten­liste auf: endlich das Grund­stück Am Kanal 1 für einen
Syn­a­gogen­neubau kaufen, ein Gemein­dezen­trum auf­bauen und sich um die
jüdis­che Erziehung des Nach­wuch­ses küm­mern. Für den Fördervere­in Neue
Syn­a­goge set­zt Chvartz auf Finanzspritzen alter Fre­unde, die als reiche
Leute in den USA oder in Moskau leben. “Wir brauchen nur vom Eigentümer
endlich einen fes­ten Preis”, sagt der Gemeindevorsitzende. 

Lange Zeit sah es weit düster­er für das jüdis­che Leben in Bran­den­burg aus:
Wegen per­sön­lich­er Ver­fehlun­gen früher­er, inzwis­chen abgesetzter
Vor­standsmit­glieder ste­ht Chvartz vor einem Schulden­berg von rund einer
Mil­lion Euro. Der Sanierungs­beauf­tragte des Zen­tral­rates versuchte
verge­blich, die ver­schwun­de­nen Sum­men zu find­en und Verantwortliche
aufzutreiben. Die Regierung stoppte ihrer­seits die Zuschüsse von rund 150
000 Euro jährlich. Diese Quere­len scheinen kurz vor dem Ende: Nur am Rande
erwäh­nt Chvartz, dass das Land ger­ade den Entwurf eines Staatsvertrages
geschickt habe. Noch im Herb­st wollen die Jüdis­chen Gemein­den in Brandenburg
unter­schreiben. Dann ist auch die end­lose Finanzmis­ere ein Stück
Vergangenheit. 

In einem Punkt unter­schei­den sich die Pots­damer übri­gens ganz und gar von
der Jüdis­chen Gemeinde zu Berlin und anderen Gemein­den in Deutsch­land: “Wir
sind ein offenes Haus”, sagt Chvartz. Zwar macht die Polizei in dem Haus in
der Schlossstraße Kon­trollbe­suche. Doch anson­sten will man so weit irgend
möglich ver­mei­den, dass Sicher­heits­maß­nah­men die Atmo­sphäre der Gemeinde
beein­trächti­gen. Chvartz: “Glück­licher­weise ist noch nichts passiert.” Er
ver­gisst dabei, den Anschlag auf den jüdis­chen Fried­hof im Jahr 2001 zu
erwähnen.

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