6. Februar 2004 · Quelle: LR

Rockerkrieg zwischen Cottbus und Berlin droht

Ermit­tler: Lausitzer Motor­rad-Club “Gremi­um” denkt über Racheakt an den “Ban­di­dos” in der Haupt­stadt nach

Ihr Aufnäher ist ihr Marken­ze­ichen: Eine geballte Faust hin zur Sonne, die die Wolken durch­bricht. Für die Rock­er des “MC Gremi­um” scheint diese Sonne derzeit Berlin zu sein. Nach Erken­nt­nis­sen des Lan­deskrim­i­nalamtes wollen
sie dort einen Ableger ihres Clubs auf­bauen. Doch da sind ihre Rivalen vor: die “Ban­di­dos”. Deren Anhänger sollen den desig­nierten Berlin­er Präsi­den­ten vom “Gremi­um Motor­rad­club Cot­tbus” bewusst­los geschla­gen haben — als
War­nung. Die Polizei befürchtet nun einen Rock­erkrieg.

Die Bik­er des “MC Gremi­um” nen­nen sich die “Auser­wählten”. Mit Stolz tra­gen sie einen 1-%-Aufnäher: Erken­nungsze­ichen für die Raubeinig­sten in der Szene. Wie ein Netz hat sich die Organ­i­sa­tion, die in Süd­deutsch­land ihre Wurzeln hat, in den let­zten Jahren über ganz Deutsch­land aus­ge­bre­it­et. Auch in Thai­land, Griechen­land und Polen hat “Gremi­um” Ableger. Sieben Rats-Grup­pen leg­en die Marschrich­tung der etwa 400 Mit­glieder fest.

Die Cot­tbuser haben sich offen­sichtlich inzwis­chen bewährt. Nach der Fusion mit dem “Berserk­er MC Sprem­berg” hat sich ihre Schlagkraft erhöht. Die Polizei zählt derzeit 30 bis 40 “Brüder” zu dem Club-Ableger, der von einem “Anwärter” zu einem Vollmit­glied der streng hier­ar­chisch organ­isierten Vere­ini­gung aufgestiegen ist.

Bei der Cot­tbuser Polizei waren deren Mit­glieder lange Zeit ein völ­lig unbeschriebenes Blatt. Die meis­ten von ihnen sollen sich als Türste­her in ost­säch­sis­chen Dis­cotheken und Nacht­clubs verd­ingt haben. Das Bun­deskrim­i­nalamt rech­net “Gremi­um” indes den “geset­zlosen Motor­rad-Ban­den” zu.

Kür­zlich sprengten Beamte des bran­den­bur­gis­chen Lan­deskrim­i­nalamtes bei ein­er Razz­ia im Sprem­berg­er Club-Heim offen­bar ein Deutsch­land-Tre­f­fen führen­der “Gremium”-Köpfe (die RUNDSCHAU berichtete). Dort soll es dem Vernehmen nach auch um Strate­gien und die Aufteilung kün­ftiger Reviere gegan­gen sein. Berlin­er Ermit­tler kamen zu der Erken­nt­nis, dass der Club einen Ableger in Berlin plant.

Den ver­fein­de­ten, in der Haupt­stadt agieren­den “Ban­di­dos” passt diese neue Konkur­renz aber augen­schein­lich nicht. Was sie von ihr hal­ten, haben sie nach Ein­schätzung des Lan­deskrim­i­nalamtes schon einen Tag vor der Razz­ia deut­lich gemacht. Da sollen sie den desig­nierten Berlin­er Präsi­den­ten des “Gremi­um MC Cot­tbus” in dessen Tat­too-Stu­dio in Berlin-Reinick­endorf über­fall­en haben. Mask­ierte Män­ner hät­ten den 39-Jähri­gen bewusst­los geschla­gen, nach­dem sie ihm mit vorge­hal­tener Waffe ange­dro­ht haben sollen, ihn umzubrin­gen, falls es zur Grün­dung eines “Gremium”-Ablegers in Berlin komme, so die Ermit­tler.

“Gremi­um” soll für diese Aktion Rache geschworen haben. Dem
Lan­deskrim­i­nalamt liegen Hin­weise vor, dass die Organ­i­sa­tion darüber nach­denkt, die “Ban­di­dos” zu bestrafen. Die Beamten nehmen diese Hin­weise ernst.

Schon ein­mal hat­te “Gremi­um” auf eine Auseinan­der­set­zung mit ein­er ver­fein­de­ten Rock­er-Gruppe mit Gewalt geant­wortet. Damals hat­ten die Döbel­ner “High­way Wolves” (Auto­bahn-Wölfe) die Motor­rad­w­erk­statt eines “Gremium”-Bruders auseinan­dergenom­men. Etwa ein Dutzend Mask­iert­er marschierte daraufhin in das Club­heim der “Wölfe” und drosch mit Base­ball-Keulen auf die säch­sis­chen Prov­inzrock­er ein. Sechs schw­er Ver­let­zte und einen Toten ließen sie zurück. Der Dres­d­ner “Gremium”-Präsident Heiko R. hat­te dem “Wölfe”-Chef mit ein­er Schrot­flinte in den Bauch geschossen. Er verblutete.

Das dama­lige Rol­lkom­man­do rekru­tierte sich aus ost­deutschen
“Gremium”-Ablegern. 25 Rock­er nahm die Polizei in Dres­den, Zwick­au, Bautzen, Cot­tbus und Neubran­den­burg fest. Zunächst sagten sie vor Gericht kein Wort — bis der Dres­d­ner Präsi­dent Heiko R. den Schuss­waf­fenge­brauch auf seine Kappe nahm. Immer wieder stoßen die Beamten bei ihren Ermit­tlun­gen in der Rock­er-Szene auf eine Mauer des Schweigens.

Auch dem desig­nierten Berlin­er “Gremium”-Präsidenten soll bei der Vor­war­nung eingeprügelt wor­den sein, unter allen Umstän­den den Mund zu hal­ten. Er hielt sich eis­ern daran, als ihn die Polizei ver­hörte. Die Spuren seines Mar­tyri­ums an seinem Kopf und Kör­p­er waren aber unüberse­hbar. Und da die Rock­er-Experten des LKA schon bei der Razz­ia in Sprem­berg auf Hin­weise zu den “Ban­di­dos” gestoßen waren, ermit­tel­ten sie die Schläger schnell.

Ende Jan­u­ar schlug das Son­dere­in­satzkom­man­do zu, durch­suchte elf Woh­nun­gen der “Ban­di­dos”, nahm fünf Mit­glieder, darunter den Präsi­den­ten und den Vize-Präsi­den­ten, fest. Beamte beschlagnahmten zudem Schlag- und Stich­waf­fen, eine Schreckschusspis­tole, Rauschgift, unver­zollte Zigaret­ten und einen Scan­ner zum Abhören des Polizei­funks. Die Behör­den hof­fen, einem Rock­erkrieg zwis­chen Berlin und Cot­tbus zuvorgekom­men zu sein.

Ein Ermit­tler sagte indes der “Berlin­er Mor­gen­post”: “Die lassen das nicht auf sich beruhen, schließlich geht es darum, das Gesicht zu wahren und Stärke zu zeigen.” Vor allem soll aber auch die Vor­ma­cht­stel­lung im krim­inellen Milieu eine Rolle spie­len.

Nach Angaben der Polizei betäti­gen sich Ange­hörige von Rock­er­grup­pen inzwis­chen ver­stärkt als Schuldenein­treiber, im ille­galen Waf­fen- und Dro­gen­han­del, stellen Räum­lichkeit­en für Skin­head-Konz­erte zur Ver­fü­gung. Auch der “MC Gremi­um” ist schon mehrfach mit Recht­sex­tremen in Verbindung
gebracht wor­den.

So ver­merkt der bran­den­bur­gis­che Ver­fas­sungss­chutz, dass im Sprem­berg­er Club­haus des “MC Berserk­er” vor dessen Fusion mit den “Gremium”-Rockern ver­schiedene NS-Met­al-Bands aufge­treten seien. Zum Abschluss sei auf vielfachen Wun­sch der Front­mann von “Frontalkraft” auf die Bühne getreten und habe gemein­sam mit anderen Band­mit­gliedern gespielt. “Bei dem Konz­ert waren 200 Ange­hörige der recht­sex­trem­istis­chen Szene anwe­send”, schreiben die Ver­fas­sungss­chützer. “Es wurde der Hit­ler­gruß gezeigt und Sieg Heil skandiert.”

Insid­er bericht­en, der Club in Sprem­berg sei aus der Glatzen­szene der frühen 90er-Jahre ent­standen. Der Cot­tbuser und der Dres­d­ner “Gremium”-Ableger sollen Kon­tak­te pfle­gen. Und hin­ter dem Pseu­do­nym “Oswald” des amtieren­den Dres­d­ner Club-Präsi­den­ten soll kein Gerin­ger­er als Andreas Pohl steck­en.

Pohl war ein­er der Anführer der später ver­bote­nen neon­azis­tis­chen Nation­al­is­tis­chen Front (NF). Seinen Tarn­na­men wählte er wohl nicht von unge­fähr: Oswald Pohl war ein SS-Offizier und Kriegsver­brech­er, den die Alli­ierten 1951 hin­richteten.

Andreas Pohl soll aus Berlin­er Skin­head­kreisen stam­men, war Band­mit­glied bei “Kraft durch Froide” und tauchte spätestens Ende der 90er-Jahre beim “Clan MC” in Dres­den auf, aus dem der “Gremium”-Ableger her­vorge­gan­gen ist. Die Polizei hat­te die berüchtigten Clan-Rock­er damals schnell mit Rotlichtkrim­i­nal­ität, aber auch mit “Neon­azi-Konz­erten” in Verbindung
gebracht.

Der Berlin­er Ver­fas­sungss­chutz warnt vor unheili­gen Allianzen, die durch diese Kon­tak­te entste­hen kön­nten. Mil­i­tante Recht­sex­treme kön­nten durch die Rock­er-Ban­den möglicher­weise leichter an Waf­fen kom­men, heißt es. Bei “Freien Kam­er­ad­schaften” sind in den let­zten Monat­en ver­mehrt Waf­fen und Sprengstoffe gefun­den wor­den.

In Berlin soll “Gremi­um” der berüchtigten Rock­er­gruppe “Hells Angels” nahe ste­hen. Die “Ban­di­dos” hat­ten sich mit den “Höl­lenen­geln” in den 90er-Jahren schon ein­mal einen bluti­gen Krieg in Skan­di­navien geliefert: Selb­st Panz­er­faus­traketen set­zten sie dabei ein. Die Bilanz: Mehr als 80 Mor­dan­schläge mit elf Toten und 96 Ver­let­zten.

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