10. März 2008 · Quelle: TAZ

Rudi Dutschke gibt Halt

Ein bran­den­bur­gis­ches Dorf ehrt seinen berühmtesten Sohn mit einem Platz am Bahn­hof. Eine Straße für einen Westrev­oluzzer woll­ten die Schöne­felder 14 Jahre lang nicht. 

SCHÖNEFELD taz Zwei Wochen vor dem großen Tag schreibt ihn sein Ver­mi­eter an. Es geht um den Platz vor dem still­gelegten Bahn­hof im süd­bran­den­bur­gis­chen Dorf Schöne­feld. Nor­bert Boenigk hat den schö­nen Klink­er­bau seit einem Jahr gepachtet und einen Imbis­s­wa­gen davorgestellt. Der Vor­platz aber: Unkraut und Sand. So kann doch kein Platz ausse­hen, der nach Rudi Dutschke benan­nt wer­den soll, dem bekan­ntesten gebür­ti­gen Schöne­felder. Boenigk besorgt sich grobe Holzspäne, schüt­tet sie auf dem Platz aus, 100 Schubkar­ren. Schon bess­er. Alles bere­it für den ver­gan­genen Fre­itag. Für die Ein­wei­hung des Rudi-Dutschke-Platzes. Am 68. Geburt­stag des 68ers. Das passt.

Wien­and Jansen, Bürg­er­meis­ter der Gemeinde Nuthe-Urstrom­tal, zu der Schöne­feld gehört, ist hocher­freut, dass Dutschkes Brüder gekom­men sind. Hel­mut (71) aus Pots­dam, Man­fred (75) aus Luck­en­walde. Und Rud­is jüng­ster Sohn aus Berlin. Jansen blickt sich suchend um. “Man ken­nt nicht alle.” Marek Dutschke ste­ht direkt vor ihm. Er sieht seinem Vater ziem­lich ähn­lich. Einige lachen. Boenigk hat ein Schild aufgestellt: “Heute Bier vom Fass.” Doch die Leute wollen lieber Flaschen­bier. Das ist bil­liger. Manch­mal kommt die Wirk­lichkeit bei Boenigks vie­len Ideen ein­fach nicht hinterher.

Wie mit dem 111 Jahre alten Bahn­hof­s­ge­bäude, wo seit 1996 kein Zug mehr hält, nur Aus­flugs­draisi­nen, gele­gentlich. Boenigk stammt aus West­ber­lin, war früher Medi­z­in­tech­nikvertreter, Kernkom­pe­tenz Kranken­haus­fäkalien. Jet­zt will er einen Erleb­nis­bahn­hof aufziehen. Der Bratwurst­wa­gen ist gewis­ser­maßen das Aufwärm­pro­gramm. Und Rudi Dutschke, wenn man so will, der Anheizer.

Die Idee, eine Straße in Schöne­feld nach Rudi Dutschke zu benen­nen, ist 14 Jahre alt. Es sollte zuerst die frühere Feld­straße sein, in der er am 7. März 1940 geboren wurde. Die Gemein­de­v­ertreter hat­ten viel dage­gen. Eine Straße für den Westrev­oluzzer, der in der DDR nie The­ma war? Nein, danke.

Rudi Dutschkes Eltern waren kurz vor sein­er Geburt aus Koblenz herge­zo­gen. Der Vater Alfred, ein Post­beamter, hat­te sich nach Luck­en­walde ver­set­zen lassen. Weil dort ihr Haus nicht rechtzeit­ig fer­tig wurde, kamen sie im nahen Schöne­feld unter, für wenige Monate nur, bei Rud­is Cou­sine Ruth Dreßler.

Die kleine, agile Frau (76) lebt immer noch in dem Haus in der Straße, die jet­zt Bahn­straße heißt. Alle nen­nen sie Ruthchen. “Finde ick schon jut, den Platz”, sagt sie. “Bloß ist das so lange her. Wer weiß das alles schon noch? Wir Alten. Aber langsam ster­ben die Alten aus. Wer kommt schon hierher?”

Gegenüber vom Bahn­hof gab zu DDR-Zeit­en der Forst­be­trieb den meis­ten Leuten Arbeit. Davon ste­ht noch eine Fab­rikhal­len­ruine. Einst wur­den dort Baum­stämme entrindet, Dünnholz für Hackschnitzel. Das hiel­ten die Schöne­felder für ihren größten Exportschlager nach West­deutsch­land. Nicht Dutschke. So denken viele bis heute. Dabei lebte er 21 Jahre lang in Bran­den­burg. Das sagt sein ältester Brud­er. Man­fred Dutschke ist CDU-Stadtverord­neter in Luck­en­walde, wo nach einigem Stre­it in dieser Woche für Rudi eine Gedenkstele aufgestellt wer­den soll. Weil er dort aufwuchs, den Wehr­di­enst ablehnte, deshalb in der DDR nicht Sportjour­nal­ist wer­den durfte. So studierte er in West­ber­lin. Dann wurde die Mauer gebaut.

Der Rest: deutsche Geschichte. Rudi Dutschkes Auf­stieg zum Stu­den­ten­führer. Das Atten­tat im April 1968. Sein Tod am Wei­h­nacht­stag 1979 mit 39 Jahren. Für viele Schöne­felder bleibt es west­deutsche Geschichte. Nicht ihre.

So war es auch im ver­gan­genen Herb­st. Näch­ster Anlauf von Gemein­de­bürg­er­meis­ter Jansen für eine Dutschkestraße. Boenigk merkt bei der Feuer­wehrver­samm­lung: Das wird wieder nichts. Da tüftelt er mit dem Schöne­felder Orts­bürg­er­meis­ter Klaus Klein einen Kom­pro­miss aus. Der Bahn­hofsvor­platz. Der hat sowieso noch keinen Namen. Im Dezem­ber stim­men die Gemein­de­v­ertreter zu. Seit­dem ist Boenigk so richtig in Schwung. Für den Fre­itag besorgt er sich ein Hal­testel­len­schild, druckt am Com­put­er kurz­er­hand einige Seit­en aus, heftet sie zusam­men. “Pfer­dekutsche-Hal­testelle Draisi­nen-Bahn­hof Schöne­feld. Rudi-Dutschke-Platz”. So wer­den an diesem Tag gle­ich zwei Schilder von blauen Mülltüten befre­it. Imbiss­mann Boenigk sieht sehr zufrieden aus.

Jet­zt kön­nen die Touris­ten kom­men. Sie müssen.

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