15. November 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

Sachsenhausens Gedenkstättenleiter zu den jüngsten Vorfällen befragt

Vor zwei Wochen schän­de­ten Unbekan­nte in Oranien­burg eine Gedenk­tafel für den Todes­marsch. Am Fre­itag nun verübten zwei Recht­sradikale in der Gedenkstätte Sach­sen­hausen einen Anschlag und wur­den von der Polizei gestellt. Mit dem Gedenkstät­ten­leit­er Gün­ter Morsch sprach MAZ-Volon­tär Welf Grom­bach­er über die Anschläge. 

Die Täter schmierten ein Hak­enkreuz in das Gästebuch?

Gün­ter Morsch: Das ist kein Gäste­buch im üblichen Sinn. Wir haben in der bere­its 1992 durch einen anti­semi­tis­chen Bran­dan­schlag teil­weise zer­störten Baracke ein ” Besucher­bord” ein­gerichtet. Da kön­nen die Men­schen ihre Gedanken auf einen Zettel schreiben und diesen dann an eine Wand steck­en. Hier sagen die Besuch­er konkret ihre Mei­n­ung über das Muse­um und es kommt zu regel­recht­en Dialogen. 

Deshalb ent­deck­te die Auf­sicht auch sofort die Schmier­erei und kon­nte umge­hend die Polizei alarmieren?

Morsch: Ja, unsere Angestell­ten sind dazu ange­hal­ten, die Wand regelmäßig zu kon­trol­lieren. Auf­grund der Hin­weise unser­er Mitar­bei­t­erin kon­nte die Polizei die bei­den Täter noch auf dem Gedenkstät­ten­gelände festnehmen. 

Gehen Sie davon aus, dass es sich bei den Anschlä­gen in Oranien­burg um organ­isierte Pro­pa­gan­dade­lik­te handelt?

Morsch: Bei einem großen Teil dieser Tat­en han­delt es sich sicher­lich um spon­tane Aktio­nen. Doch die Häu­fung bes­timmter For­men recht­sradikal-motiviert­er Delik­te in diesem Jahr lässt uns befürcht­en, dass zumin­d­est einige der recht­sex­trem­istis­chen Anschläge länger­fristig geplant waren oder vielle­icht sog­ar in einem Zusam­men­hang ste­hen. So sind die Täter extra aus Ham­burg und Meck­len­burg-Vor­pom­mern angereist. 

Hat es denn noch mehrere Anschläge in der Region gegeben?

Morsch: Das ging Anfang des Jahres mit der Zer­störung der Gedenk­tafel in Raben-Ste­in­feld los und kam sukzes­sive immer näher an Oranien­burg her­an. Der Gedenkstein in Wöbbe­lin wurde im März, die Mahn­säule in Below im Sep­tem­ber ver­wüstet. Der vor­läu­fige Höhep­unkt war der Bran­dan­schlag auf das Muse­um des Todeslagers Anfang Sep­tem­ber. Schließlich fol­gten die Schän­dung der Todes­marschtafel in Oranien­burg und die Hak­enkreuzschmier­erei auf dem Gedenkstät­ten­gelände am Jahrestag des Novem­ber­pogrom. Eine Rei­he von Anschlä­gen nimmt ihren Lauf, die sich von dem End­punkt des Todes­marsches in Meck­len­burg-Vor­pom­mern bis zu seinem Aus­gangspunkt hier in Sach­sen­hausen erstreckt. Das mag ja alles Zufall sein. Ich glaube allerd­ings nicht daran. 

Gibt es ein Bekennerschreiben?

Morsch: Nein, gibt es nicht. 

Welche Kon­se­quen­zen gibt es?

Morsch: Die Sicher­heits­maß­nah­men wur­den nach dem Bran­dan­schlag auf das Todeslager­mu­se­um in allen Gedenkstät­ten verstärkt.

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