25. September 2004 · Quelle: MAZ

Schalom heißt Frieden

“Ver­giss nie, wer du bist” sagte der Vater. “Du sollst leben!” set­zte
die Mut­ter hinzu. Für den 14-jähri­gen Sal­ly Perell wur­den diese Worte
zum elften und wichtig­sten Gebot. Ein Wieder­se­hen mit den Eltern sollte
es nicht geben. Knapp 70 Jahre später sitzt der in Peine bei
Braun­schweig geborene und heute in Israel lebende Autor des
Lebens­bericht­es “Ich war Hitler­junge Salomon” Rangs­dor­fer See-Schülern
gegenüber. Mit ihnen sprach Sal­ly Perell in dieser Woche über sein Leben.

“Zeitzeu­gen sind die besten Geschicht­slehrer, die Geschichte selb­st ist
deren Lehrerin” sagt Sal­ly Perell, dessen Schick­sal als jüdis­ch­er
Hitler­junge weltweit für Auf­se­hen sorgte. Mehr als vier Jahrzehnte hat
der Sohn jüdis­ch­er Eltern sein Über­leben im Nazi-Deutsch­land ver­drängt.
“Um nicht ver­rückt zu wer­den”, wie er heute sagt, schrieb er sich sein
Schick­sal von der Seele. Das half, aufges­taute Schuld‑, und nie
über­wun­dene Angst­ge­füh­le zu ver­ar­beit­en.

Die Machtüber­nahme der Nazis erschüt­terte den ger­ade mal Achtjähri­gen
wenig. Das Ver­bot, als Jude die Schule zu besuchen, wird die erste tiefe
Wunde seines Lebens. Das pol­nis­che Lodz, wohin die Fam­i­lie flieht, ist
bald in deutsch­er Hand. Während die Eltern ins Ghet­to getrieben wer­den,
gelingt Sal­ly und seinem Brud­er die Flucht ins rus­sisch beset­zte Ost­polen.

Der Aus­bruch des Zweit­en Weltkriegs über­rascht den inzwis­chen
16-Jähri­gen im Schlaf. Wenig später ste­ht er zusam­men mit anderen in
jen­er Rei­he, an deren Ende ein deutsch­er Sol­dat über Leben und Tod
entschei­det. Mit der Lüge, ein Volks­deutsch­er zu sein, ret­tet er sein
Leben. Vier Jahre bangt Sal­ly, nun als Schüler an ein­er Elite-Schule der
Hitler­ju­gend, ent­deckt zu wer­den. “Gelin­gen kon­nte dies nur, weil ich
mich ganz darauf ein­ließ”, weiß er heute. “Ich spielte nicht, son­dern
ich war Hitler­junge Josef.” Am Tag schrie er “Sieg heil” und übte
Marschieren, in der Nacht träumte er von Mama und Papa und malte
jüdis­che Sym­bole. Die Scham darüber währte 40 Jahre.

Dass es 60 Jahre nach Kriegsende wieder Deutsche gibt, die Nazis wählen,
besorge ihn sehr. Nicht gewusst zu haben, was damals wirk­lich geschah,
beze­ich­net Sal­ly Perell als Lüge. Auch wenn die Jugend von heute keine
Schuld am “Damals” trifft — sich über die Wahrheit informieren müsse sie
schon.

Nach mehr als zwei Stun­den Zuhören bestürmten die Schüler den Gast mit
ihren Fra­gen. “Was geschah mit nicht-arischen Kindern genau?”, “Wieso
spielte er seine Rolle als Hitler­junge so per­fekt?” “Warum haben die
Nazis aus­gerech­net die Juden zu ihren Fein­den gemacht?”

“Wohltuend” nan­nte Perell das Inter­esse sein­er Zuhör­er. “Schalom”, zu
deutsch: Frieden, schrieb er in die Exem­plare sein­er Biografie, die ihm
viele der Schüler nacheinan­der auf den Tisch legten. An diesem Tag
schwang Hoff­nung mit.

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