14. März 2005 · Quelle: LR

Schicksal der Dresdner Juden lässt ihn nicht los

Alles stockt. Ich kann nicht mehr arbeit­en” , notiert der Jude Vic­tor
Klem­per­er am 11. Juni 1942 in sein Tage­buch. Es ist wohl das Schlimm­ste, was
die Nazis dem renom­mierten Roman­is­ten, Sprach- und Lit­er­atur­wis­senschaftler
antun kon­nten. Mehr als ein­hun­dert Zuhör­er lauschen während der gemein­samen
Ver­anstal­tung mit der Akademie der Kün­ste im Fin­ster­walder Kreis­mu­se­um dem
Vor­trag von Wal­ter Nowo­js­ki, dem ver­di­en­stvollen Her­aus­ge­ber der Tage­büch­er
Klem­per­ers.

Man hätte eine Steck­nadel zu Boden fall­en hören, als Nowo­js­ki aus den
Aufze­ich­nun­gen des «man­is­chen Tage­buch­schreibers» liest. «Immer­hin war ich
frei, was man hier so nen­nt» , schildert Klem­per­er am 12. Jan­u­ar 1942, im
«schlimm­sten Jahr für die Juden in Deutsch­land» , seine Äng­ste nach einem
entwürdi­gen­den Ver­hör in der Dres­d­ner Gestapo-Zen­trale. Die bedrück­ende
Atmo­sphäre ist im Zuhör­erraum greif­bar. Auch die vie­len jun­gen Zuhör­er sind
von dem mit authen­tis­chem Mate­r­i­al erleb­bar gemacht­en «nor­malen» Schick­sal
eines Juden im nation­al­sozial­is­tis­chen Deutsch­land berührt. Sie haben ger­ade
etlich­es im Deutschunter­richt über Klem­per­er und seine einzi­gar­tige
Sprachkri­tik des Drit­ten Reich­es «LTI» gehört, hier sitzt mit Nowo­js­ki ein­er
vor ihnen, der den renom­mierten Roman­is­ten gekan­nt hat und dessen eigene
wis­senschaftliche Arbeit «ein Leben mit Vic­tor Klem­per­er» gewor­den ist.

Als 16-Jähriger macht der Nieder­lausitzer Wal­ter Nowo­js­ki in ein­er
Sen­ften­berg­er Buch­hand­lung die Bekan­ntschaft mit «LTI» . Das Buch lässt ihn
nicht mehr los. «Ich habe erst bei der Lek­türe begrif­f­en, wie wir mit
zynis­chen und ver­lo­ge­nen Vok­a­beln wie ‚fanatis­ch­er Kampf , ‚arteigen oder
‚Rassen­schande groß gewor­den sind und sie gedanken­los ver­wen­det haben.
Klem­per­er hat uns den Weg frei gemacht für ein besseres Denken.»

Deshalb gehört Nowo­js­ki zu denen, die Klem­per­ers Vor­lesun­gen in Berlin 1952
begeis­tert erleben. «Ihr Jun­gen seid die einzi­gen, die unschuldig sind» ,
ver­mit­telt Klem­per­er der neuen Wis­senschaftler-Gen­er­a­tion ein human­is­tis­ches
Welt­bild und sitzt damit «Zwis­chen allen Stühlen» . In der DDR gerät er
wegen sein­er Ger­adlin­igkeit in Schwierigkeit­en und im West­en wird er
gemieden, weil er als bürg­er­lich­er Wis­senschaftler in der DDR bleibt. «Ein
solch­er Lehrer hin­ter­lässt Spuren.»

Und was für welche bei Nowo­js­ki! Als er 1978 von dem riesi­gen
hand­schriftlichen Nach­lass Klem­per­ers erfährt, ist er nicht zu hal­ten. Er
erhält die Erlaub­nis, das Mate­r­i­al zu sicht­en, kämpft sich jahre­lang durch
tausende Tage­buch­seit­en in zum Teil kaum les­bar­er Hand­schrift, erstre­it­et
die Genehmi­gung zur Veröf­fentlichung beim Auf­bau-Ver­lag. Als es soweit ist,
gibt es die DDR nicht mehr und Nowo­js­ki bangt um seine Leser. Aber es wurde
«der schön­ste Irrtum meines Lebens» , die Tage­büch­er avancieren zum riesi­gen
Erfolg. Klem­per­er wurde pos­tum zum Star, auch durch den mehrteili­gen
Fernse­hfilm.

«Ich zit­terte um mein Tage­buch» , schreibt Klem­per­er nach ein­er Durch­suchung
im Juden­haus, in dem die Klem­per­ers leben mussten. Die Zuhör­er im Muse­um
lassen sich von den Tage­buch­no­ti­zen Klem­per­ers in den Bann ziehen, sie
spüren, welch ein Gewinn die Tage­büch­er für die deutsche
Geschichtss­chrei­bung sind. 153 Juden von 4500 leben 1945 noch in Dres­den.
Klem­per­er muss den meis­ten von ihnen am 13. Feb­ru­ar 1945 Briefe mit dem
Befehl zum Abtrans­port über­brin­gen. Klem­per­ers Beschrei­bun­gen machen die
schlimme Sit­u­a­tion nacher­leb­bar. Ironie der Geschichte: Der Brief ret­tete
die meis­ten von ihnen vor dem Bomben­hagel Stun­den später auf die Stadt.

Die Zuhör­er erfahren an diesem Abend viel aus dem Leben eines Juden, der
kein Held sein wollte, und vom Schick­sal der Juden in Dres­den. Das lässt den
1931 in Annahütte gebore­nen Ger­man­is­ten Wal­ter Nowo­js­ki nicht los. 320
Lei­dens­ge­fährten von Klem­per­er spürt er seit Jahren nach, hat schon etliche
Schick­sale öffentlich machen kön­nen.

Muse­um­sleit­er Dr. Rain­er Ernst freut sich auf die Mitar­beit Nowo­jskis an dem
Fin­ster­walder Kul­tur­Land-Pro­jekt «Juden in der Nieder­lausitz» , das am 9.
Novem­ber im Kreis­mu­se­um mit ein­er großen Ausstel­lung eröffnet wird.

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