31. August 2004 · Quelle: MAZ

Schimpftiraden gegen die SPD

(MAZ, Frank Schau­ka) POTSDAM Von seinem ihm offen­bar irgend­wie zuste­hen­den Anrecht, auch
ein­mal beherzt “Arschloch!” schreien zu dür­fen, machte das “Volk”
gestern Abend in Pots­dam vor der Lan­deszen­trale der Bran­den­burg­er SPD
mitunter gern Gebrauch — auch wenn das Gebäude erkennbar menschenleer
war. 500 Hartz IV-Geg­n­er hat­ten sich trillernd, rufend und
Protest­plakate reck­end vom Platz der Ein­heit zu dem etwa 500 Meter
ent­fer­n­ten Parteisitz aufgemacht, um — so der Plan — Vertretern der
Regierungspartei einen Forderungskat­a­log zu übergeben: “Stoppt Hartz IV
und “Keine Steuersenkung für Reiche” zählten dazu. Da sich jedoch kein
Adres­sat zeigte, wur­den die Trans­par­ente an den Zaun vor dem Gebäude
abgestellt. 

“Wir waren in Pren­zlau und sind jet­zt in Sen­ften­berg”, erklärte
SPD-Lan­des­geschäfts­führer Klaus Ness gestern Abend die Leere in der
Pots­damer SPD-Zen­trale. Die Demon­stra­tion am Nach­mit­tag in der
uck­er­märkischen Kreis­stadt Pren­zlau mit 600 Besuch­ern sei ohne Proteste
gegen Min­is­ter­präsi­dent Matthias Platzeck ver­laufen. “Die Rede wurde
nicht gestört”, so Ness. Bei der Mon­tags­de­mo gestern Abend auf dem
Mark­t­platz von Sen­ften­berg in Land­kreis Ober­spree­wald-Lausitz seien etwa
1000 Hartz-Geg­n­er ver­sam­melt — deut­lich weniger als vor ein­er Woche, als
sich 3000 Demon­stran­ten dort zusam­menge­fun­den hat­ten. “Der Höhep­unkt ist
über­schrit­ten”, ver­mutet Ness. 

Lan­desweit sind gestern aber­mals mehrere tausend Men­schen gegen die
beschlossene Arbeits­mark­tre­form auf die Straße gegan­gen — die die
rot-grüne Bun­desregierung unter Mitwirkung von CDU/CSU beschlossen
hat­te. In Cot­tbus demon­stri­erten 1500 Hartz IV-Geg­n­er, in Eberswalde,
Eisen­hüt­ten­stadt und Pren­zlau jew­eils 600. Nach Angaben der Polizei
waren Mon­tags­demon­stra­tio­nen an mehr als 20 Orten in Brandenburg
angekündigt. Am frühen Abend zählte die Polizei etwa 6500 Demonstranten
landesweit. 

“Wie soll ich mit meinem Geld klarkom­men?” rief eine rothaarige Frau vor
der SPD-Lan­deszen­trale in Pots­dam in die Menge. Mit ein­er Freundin
skandierten sie dann “Wir sind das Volk” so oft, bis auch andere sich
ange­sprochen fühlten. “Wo sind die Fei­glinge?” hieß es bald und “Komm
raus, du Arschloch!” “Heute ham se schiss.” Die meis­ten Demonstranten
standen jedoch schweigend vor dem Haus. 

Die Demo löste sich nach etwa ein­er Stunde wie auf Kom­man­do auf. “Wir
machen weit­er, bis sich was bewegt”, sagte ein älter­er Herr auf dem Weg
zurück. Sie werde auch bald keine Arbeit mehr haben, klagte seine
Ehe­frau. Ein junger Vater mit seinem Kind auf dem Arm wandte sich vom
SPD-Sitz ab und passierte die Straße. Der rote Opel Vec­tra der
Fam­i­lien­partei, die die Demon­stra­tion angemeldet hat­te, blieb noch ein
wenig vor der Parteizen­trale zurück. Von dem Schild der DKP mit dem
Slo­gan “Wacht auf, Ver­dammte dieser Erde” war rasch nichts mehr zu sehen.

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