31. August 2004 · Quelle: Berliner Zeitung

Vorwürfe gegen KZ-Gedenkstättenstiftung


Staat­san­waltschaft ermit­telt wegen Untreuever­dachts / Stre­it um
geplatzte Theateraufführung

(Berlin­er Zeitung, Mar­tin Kles­mann) RAVENSBRÜCK. Das gab es noch nie: Eigentlich hält die Stiftung
Bran­den­bur­gis­che Gedenkstät­ten in den ein­sti­gen Konzentrationslagern
Sach­sen­hausen und Ravens­brück die Erin­nerung an die na-
tion­al­sozial­is­tis­chen Ver­brechen wach. Doch nun ermit­telt die
Staat­san­waltschaft Berlin gegen die Gedenkstät­ten-Stiftung wegen
Betrugs- und Untreuever­dachts. Pro­jek­t­ge­bun­dene För­der­mit­tel sollen in
den Etat der Stiftung umgeleit­et wor­den sein. “Es liegt eine Anzeige
vor”, sagte Michael Grun­wald, Sprech­er der Staat­san­waltschaft. Die
Anzeige stammt vom Geschäfts­führer und vom kün­st­lerischen Leit­er der
Freien The­at­er­anstalt Berlin — Josef Vollmer und Her­mann van Harten.
Let­zter­er insze­nierte in dem Berlin­er Hin­ter­hof-The­ater am Klausener
Platz das Stück “Ich bin es nicht, Adolf Hitler ist es gewe­sen”, das
dort lange Jahre lief. 

Zum Jahrestag der Befreiung des Frauen-KZ Ravens­brück nun sollte Hermann
van Harten das The­ater­stück “König­in­nen” in der Gedenkstätte aufführen.
Doch nach etlichen Quere­len mit der Gedenkstät­ten-Stiftung ent­zog diese
schließlich Mitte Mai den The­ater­leuten und der kata­lanis­chen Autorin
des Stück­es, Marisa Este­ban, den Auf­trag. “Die Vor­wüfe sind völ­lig aus
der Luft gegrif­f­en”, sagte Stiftungssprech­er Horst Sef­er­ens. “Die
Auf­trag­nehmer waren ihren ver­traglichen Verpflich­tun­gen wieder­holt nich
nachgekom­men.” Offen­bar lag wed­er ein fer­tiges Manuskript vor noch war
sichergestellt, dass der bere­its ein­mal ver­schobene Aufführungstermin
gehal­ten wer­den kann. 

Auch Kata­la­nen gaben Geld

Das The­ater­stück “König­in­nen” wurde mit ins­ge­samt 230 000 Euro
gefördert, allein 100 000 Euro stellte die Wup­per­taler Ertomis-Stiftung.
Das Bun­des­frauen­min­is­teri­um gab 50 000 Euro, auch die katalanische
Region­al­regierung, die Siemens-Stiftung und das Potsdamer
Kul­tur­min­is­teri­um beteiligten sich. Vollmer und van Harten behaupten
nun, dass mehr als die Hälfte der För­der­mit­tel gar nicht für das
The­ater­stück an sich, son­dern für andere Posten ver­wen­det wor­den sein
sollen. So seien der Wer­bee­tat, aber auch der Etat der Pro­duzen­ten aus
ihrer Sicht über­höht gewe­sen “Und allein 15 000 Euro der Fördermittel
sind für Recht­san­walt­skosten aufge­bracht wor­den, was über­haupt nicht
nachvol­lziehbar ist”, sagt Her­mann van Harten. Da die Off-Theater-Macher
hierin eine Verun­treu­ung Pro­jekt-bezo­gen­er För­der­mit­tel sehen, haben sie
die Anzeige erstattet. 

Die Gedenkstät­ten-Stiftung ist nun um ihren guten Ruf besorgt, zumal der
Großteil der För­der­mit­tel bere­its aus­gegeben ist. Die Stiftung teilte am
Mon­tag mit, dass dies mit den Geldge­bern aber bere­its abgerech­net worden
sei. Mehrere Spon­soren hät­ten darüber hin­aus zuges­timmt, dass Restmittel
für andere Pro­jek­te der Stiftung zur Ver­fü­gung stün­den. Das Land
Bran­den­burg aber wird von den 10 000 Euro För­der­mit­teln ohne­hin nichts
mehr wieder­se­hen. “Diese 10 000 Euro Vor­laufkosten sind weg”, sagte
Hol­ger Drews, Sprech­er des Pots­damer Kul­tur­min­is­teri­ums am Montag. 

Die kata­lanis­che Autoren Marisa Este­ban wollte das The­ater­stück in
Ravens­brück ursprünglich selb­st insze­nieren. Dabei soll­ten Schicksale
von Frauen im Mit­telpunkt ste­hen, die sein­erzeit in Ravensbrück
inhaftiert waren. Die geplante Insze­nierung war groß angelegt: Auch jene
Orig­i­nal­busse des Schwedis­chen Roten Kreuzes soll­ten zum Ein­satz kommen,
mit denen sein­erzeit skan­di­navis­che KZ-Häftlinge nach
Geheimver­hand­lun­gen aus dem Lager gebracht wor­den sind. Das Theaterstück
“König­in­nen” sollte zunächst nur fünf Mal in Ravens­brück aufgeführt
wer­den, und das Ensem­ble dann an anderen Orten gastieren. So waren auch
Auf­führun­gen in Barcelona, der Heimat der Autorin, geplant. 

Schließlich aber gab die Autorin die Regie ab und beauf­tragte Hermann
van Harten damit. Dieser legte sich dann offen­sichtlich mit der Stiftung
an, weil er mehr Geld für sein Ensem­ble haben wollte. Die
Gedenkstät­ten-Lei­t­erin von Ravens­brück, Sigrid Jacobeit, wollte das
Stück daraufhin lediglich als Lesung zur Auf­führung kom­men lassen. Der
Stre­it eskalierte.

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