25. April 2006 · Quelle: Junge Welt

Schönbohm beleidigt KZ-Häftlinge

(Mar­i­an Krüger) Gen­er­al a.D. Schön­bohm hat als Innen­min­is­ter des Lan­des Bran­den­burg auf ein­er inter­na­tionalen Gedenkver­anstal­tung Über­lebende des faschis­tis­chen Konzen­tra­tionslagers Sach­sen­hausen belei­digt. Dies ist nicht nur ein bis­lang ein­ma­liger Vor­gang, son­dern auch eine Schande für die gesamte bran­den­bur­gis­che Lan­desregierung. Denn in welch­er Eigen­schaft hat Schön­bohm dort gesprochen, vielle­icht als Hob­by­his­torik­er oder als geschätzter Inter­view­part­ner der Jun­gen Frei­heit? Seine Posi­tion, die Insassen des auf dem Gelände des KZ nach 1945 betriebe­nen Spezial­lagers der sow­jetis­chen Besatzungs­macht kollek­tiv zu Opfern zu erk­lären und damit auch die Täter moralisch auf eine Stufe mit den KZ-Häftlin­gen zu stellen, ist eine bewußte Verk­lärung und Ver­harm­lo­sung der von den Nazis in Sach­sen­hausen began­genen Ver­brechen. Eine Ver­harm­lo­sung der Massen­er­schießun­gen sow­jetis­ch­er Kriegs­ge­fan­gener, eine Ver­harm­lo­sung der Exper­i­mente an wehrlosen Häftlin­gen und eine Gle­ich­set­zung der Roten Armee mit den Scher­gen der SS. Während die SS durch das Pots­damer Abkom­men zur ver­brecherischen Organ­i­sa­tion erk­lärt wor­den ist, kann sich die Internierung von Naz­i­funk­tion­strägern auf Alli­ierte Kon­troll­rats­beschlüsse stützen. Der Mißbrauch, den die Besatzungsmächte und in einem beson­deren Maße auch die Sow­je­tu­nion mit den weitre­ichen Möglichkeit­en zur Internierung der ehe­ma­li­gen Naziss­cher­gen auch zur Ver­fol­gung Unschuldiger getrieben haben, ändert nichts an dem Umstand, daß KZ und Spezial­lager nicht gle­ichge­set­zt wer­den kön­nen und dür­fen. Es ist beze­ich­nend, daß nicht die Vertreter deutsch­er Insti­tu­tio­nen zuerst gegen Schön­bohm protestierten, son­dern die ehe­ma­li­gen KZ-Häftlinge. Diese Men­schen mußten sich von Schön­bohm auch noch darüber belehren lassen, daß Geschichte »doch auch heil­sam sein« kann, »selb­st wenn sie grausam ist«. Und so belehrt im Jahre 2006 ein deutsch­er Innen­min­is­ter ehe­ma­lige KZ-Häftlinge darüber, was geistige Gesund­heit ist.

Schön­bohm kann sich der offe­nen oder klammheim­lichen Sym­pa­thie des kon­ser­v­a­tiv-bürg­er­lichen Spek­trums sich­er sein. Insofern ist er nur ein Symp­tom ein­er geistig-poli­tis­chen Entwick­lung, der Umw­er­tung der deutschen Geschichte. Diese Entwick­lung läuft immer mehr darauf hin­aus, daß sich das Erin­nern an die Ver­brechen des Naziregimes und ihre Ursachen fak­tisch über einen kon­stru­ierten Zusam­men­hang zu tat­säch­lichen und ver­meintlichen Ver­brechen des Stal­in­is­mus zu legit­imieren habe. Die Glaub­würdigkeit und Berech­ti­gung der Ehrung der Opfer wird so von dem Gedenken an die Täter abhängig gemacht. Ist dies ver­acht­enswert? Mehr als das. Offen­sichtlich ist es Teil ein­er soge­nan­nten »Erin­nerungskul­tur«, wie sie nicht nur von Schön­bohm prak­tiziert wird.

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