14. Juni 2005 · Quelle: BZ

Schüler streiken, um ihren Lehrer zu behalten

(Tim Karbe, Mar­tin Kles­mann und Pauline Schindler, Berlin­er Zeitung) NEUENHAGEN. Die Schüler des Ein­stein-Gym­na­si­ums in Neuen­hagen haben am Mon­tag­mit­tag ihre Schule bestreikt. Um elf Uhr ver­ließen vor allem die älteren Schüler ihre Klassen­z­im­mer und forderten auf dem Schul­hof laut­stark die Weit­erbeschäf­ti­gung ihres Englisch- und Geografielehrers Sig­urd Eyrich. Dazu hängten sie Plakate aus den Fen­stern: “Pisa — Poli­tik­er im Spa­rauf­trag” war darauf zu lesen. Der offen­bar beliebte Lehrer Eyrich, 36, soll näm­lich nach ein­er Entschei­dung des Schu­lamtes im näch­sten Schul­jahr nicht mehr an dem Gym­na­si­um östlich von Berlin beschäftigt wer­den. Sein Zwei-Jahres-Ver­trag läuft aus. Da das Land Bran­den­burg immer weniger Schüler hat, wer­den auch immer weniger Lehrer gebraucht. Gehen müssen die jun­gen Lehrer, die befris­tet eingestellt sind. Die älteren Lehrer mit unbe­fris­teten Festverträ­gen haben gewis­ser­maßen Bestandss­chutz — im Gegen­satz zu Sig­urd Eyrich, der immer­hin den Geografie­un­ter­richt auf Englisch dar­bi­etet. “Dabei ist Herr Eyrich ein sehr guter Lehrer, er hat eine bilin­guale Zusatzaus­bil­dung und er hat den Schüler­aus­tausch mit den USA ini­ti­iert”, sagt der Schüler Fred­erik Bla­chet­ta, der den wilden Streik organ­isiert hat. 

Die anderen Lehrer, häu­fig ver­beamtet, standen während des Streiks ein wenig abseits, denn offiziell dür­fen sie nicht streiken. Doch viele unter­stützten den Schüler­protest — klammheim­lich. “Es liegt im Ermessen jedes Lehrers, ob die Schüler für ihre Protes­tak­tion eine Fehlstunde erhal­ten”, sagt die Schullei­t­erin Edel­gard Pech­er. Die Mei­n­un­gen gin­gen da inner­halb des Lehrerkol­legiums auseinander. 

Sig­urd Eyrich, der ruhige Mann im blauen Pullover, hält sich während der Protes­tak­tion abseits. Er sagt, dass er sich über die Unter­stützung sehr freue. Doch nun müsse er sich wohl in den alten Bun­deslän­dern um eine Stelle bewerben.

Die Zahl der Schüler in Bran­den­burg ver­ringert sich in den kom­menden fünf Jahren von 360 000 auf 240 000, jede zweite weit­er­führende Schule wird geschlossen. Da fällt es schon schw­er, alle ver­beamteten oder unbe­fris­tet angestell­ten Lehrer zu beschäfti­gen. “Viele dieser Lehrer kön­nen keine Vol­lzeit mehr unter­richt­en, wir gehen bis an die Schmerz­gren­ze”, sagt Thomas Hainz, Sprech­er des Pots­damer Bil­dungsmin­is­teri­ums. Würde man auch Leute wie Sig­urd Eyrich weit­er beschäfti­gen, dann müsste anderen Lehrer betrieb­s­be­d­ingt gekündigt wer­den. “Das aber ist durch unsere Vere­in­barung mit den Gew­erkschaften aus­geschlossen”, sagt der Min­is­teri­umssprech­er. Diese Vere­in­barung sieht indes auch vor, dass alle ver­beamteten Lehrer ab 2008 geset­zlichen Anspruch auf Vollbeschäf­ti­gung haben. “Dann wird es noch enger”, gibt Hainz zu. Einen Teil der Vere­in­barun­gen mit den Gew­erkschaften kann die Pots­damer Lan­desregierung ohne­hin nicht hal­ten: 300 junge Lehrer soll­ten jedes Jahr bis zum Schul­jahr 2010/11 eingestellt wer­den. “Doch zum neuen Schul­jahr wer­den kaum Neue­in­stel­lun­gen erfol­gen”, sagt Min­is­teri­umssprech­er Hainz. Dafür seien die Mit­tel nicht da. Deshalb kön­nten motivierte Jun­glehrer, die ger­ade ihre Aus­bil­dung abgeschlossen haben, lei­der nicht eingestellt wer­den. “Das Land hat mehr Stellen still gelegt als geplant”, sagt Gün­ther Fuchs, der Lan­desvor­sitzende der Gew­erkschaft Erziehung und Wis­senschaften (GEW). “Das geht nicht. Der Druck auf die Poli­tik muss nun stärk­er wer­den.” Fuchs kri­tisierte die Umset­zun­gen von Lehrern aus den Ran­dre­gio­nen des Lan­des in den Speck­gür­tel rund um Berlin. Auch hier wür­den zunächst die motivierten, unver­heirateten Jun­glehrer umge­set­zt. Zurück bleiben etwa in der Lausitz Schulen mit deut­lich älter­er Lehrerschaft. Die Schuldirek­torin des Neuen­hagen­er Gym­na­si­ums kri­tisiert indes, dass die unbe­fris­tet beschäftigten Lehrer über­haupt kein­er Kon­trolle mehr unter­liegen. “Meine per­sön­liche Auf­fas­sung ist, dass eine Beschäf­ti­gungszusage immer an Qual­ität und Qual­i­fizierung gebun­den sein sollte”, sagt Edel­gard Pecher. 

Nach 2010 indes wird sich der Per­son­al­stau auflösen, weil dann viele ältere Lehrer in Rente gehen.

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