30. November 2010 · Quelle: Analyse Kritik Aktion

Simmersdorf – Ein Ort, wo Nazis sich wohlfühlen können

Sim­mers­dorf — Am ver­gan­genen Son­ntag stellte Bran­den­burg Aktuell in sein­er Rubrik Land­schle­ich­er ein ganz beson­ders idyl­lis­ches Dorf im Land­kreis Spree-Neiße vor. Die cir­ca 300 Einwohner_innen feiern gern, freut sich die amtierende Bürg­er­meis­terin Doris Tamm, und ver­anstal­ten deshalb einen Wei­h­nachts­markt. Um tatkräftige Hil­fe braucht sich kein Men­sch Sor­gen machen. Es gibt die Frei­willige Feuer­wehr, den Dor­f­club für die Alten und den Jugend­klub für die jungge­bliebe­nen Nazis. Deshalb mag kein Men­sch in Sim­mers­dorf Aus­län­der. Es gibt zwar keine, aber nation­al denken viele trotz­dem. Im Land­kreis Döbern, zu dem Sim­mers­dorf gehört, wurde zweis­tel­lig nation­aldemokratisch gewählt.

Nazis gibt es selb­stver­ständlich nicht in Sim­mers­dorf. Die Bewohner_innen sind ein­fach nur tol­er­ant und wählen gern Protest. Mit den „etablierten Volksparteien“ wollen sie nix zu tun haben. Früher war’s die SED heute sind es die SPD, CDU, FDP, die Linke und so weit­er. Deshalb sitzt auch kein_e „Systempartei“-Bürokrat_in im Gemein­der­at – nur Aktive Sport sowie Heimat- und Naturfre­unde.

Rico Tob­schall sitzt auch in der Volksvertre­tung des cir­ca 300-See­len-Dor­fes. Der glat­trasierte junge Mann, der gerne Thor Steinar Klam­ot­ten trägt und auf nordis­che Mytholo­gie ste­ht, führt außer­dem den Jugend­klub des Ortes. Von den 30 jun­gen Men­schen kom­men zwar nur noch wenig, aber diejeni­gen, die kom­men, sind äußerst aktiv.

Kristin Krüger ist aber trotz­dem gar nicht aufge­fall­en, daß Nazis und ihr Gedankengut in Sim­mers­dorf unkri­tisch wach­sen und gedei­hen darf. Die Frei­willige Feuer­wehr lebt von ihren Nazis. Der Jugend­club sowieso. Schließlich trägt sein Chef unhin­ter­fragt Nazik­lam­ot­ten spazieren. Cot­tbus, Sprem­berg und die anderen Zen­tren des Nationalen Wider­stands sind eben­falls nicht weit weg. Aber all das inter­essiert Krüger offen­bar nicht. Dann lieber schon die net­ten Dorfbewohner_innen zeigen.

Eine „rechte Szene“ gibt es in Sim­mers­dorf selb­stver­ständlich nicht. Die Blood & Hon­our Band Frontalkraft aus Cot­tbus probt(e) nur seit Jahren in ein­er ehe­ma­li­gen LPG Baracke am Dor­frand. Die ominösen “White Aryans Bran­den­burg” scheinen eben­falls eine beson­dere Beziehung zum Land­kreis Spree-Neiße zu haben. Im Okto­ber 2009 fan­den gle­ich zwei Ver­anstal­tun­gen von Nazis statt. Aber mit den Jugendlichen im Dorf hat das nix zu tun. Meint zumin­d­est die ehre­namtliche Bürg­er­meis­terin Doris Tamm.

Es gibt keine recht­sex­tremen Ten­den­zen im Ort. Es ist eine rechte Grup­pierung pri­vat untergekom­men. Für meine Leute im Jugend­klub im Gemein­dezen­trum lege ich dage­gen meine Hand ins Feuer. Das sind vernün­ftige Leute, die etwas im Kopf haben.”

Na wenn sich Frau Tamm bei ihrem Bür­gen für die Sim­mers­dor­fer Jugendlichen nicht mächtig ver­bren­nt. Aber die Nazis in ihrem Dorf sind ohne­hin nicht ihr größtes Prob­lem. Das Image der Stadt als Nar­ren­metro­pole und aus­ge­lassenes Feier­dorf inter­essiert sie mehr.

Der Ort darf durch so etwas nicht in Mitlei­den­schaft gezo­gen wer­den. So etwas kann man auch nicht beweisen. Ich kenne doch auch die ganze Sym­bo­l­ik nicht.”

Ihr Unwis­sen und ihre Igno­ranz gegenüber dem Prob­lem hätte durch Kristin Krüger und den rbb beseit­igt wer­den kön­nen und müssen. Dann hätte die Bürg­er­meis­terin schnell fest­gestellt, daß Rico Tob­schall, ihr Chef des so hochgelobten Jugend­klubs, eine maßge­bliche Rolle in den Nazistruk­turen im Ort spielt.

Außer­dem müßte Tamm spätestens nach dem Wirbel um ein von Polizeikräften aufgelöstes Nazikonz­ert im Ort und dem Besuch der Chefin des Bran­den­burg­er Ver­fas­sungss­chutzes im ver­gan­genen Herb­st zu Sym­bol­en und Klam­ot­ten umfaßend informiert sein. Da Tob­schall aber immer noch im Jugend­klub ist, fröh­lich Thor Steinar Klam­ot­ten und andere ein­schlägige Naz­i­mode trägt, scheint Tamm ihr Ober­nazi egal zu sein.

Die Baracke am Dor­frand, in der Nazis immer wieder auch schon vor dem aufgelösten Nazikonz­ert und danach gefeiert haben, wurde im Früh­jahr diesen Jahres Ziel ein­er Brand­s­tiftung. Die Polizei sprach in diesem Zusam­men­hang von einem „Jugendtr­e­ff der recht­en Szene“.

Also, der Ort Sim­mers­dorf ist offen­sichtlich doch nicht so idyl­lisch und harm­los. Kristin Krüger hätte dies wis­sen müssen und hat es selb­st gese­hen. Nur ein wenig Recherche in den eige­nen Archiv­en und in der Lausitzer Rund­schau hätte dazu geführt den Ort etwas dif­feren­ziert­er und kri­tis­ch­er zu betra­cht­en. Diese Igno­ranz gegenüber den Struk­turen stärkt die Freie Nationalist_innen Szene.

Über­griffe übri­gens wird es in Sim­mers­dorf sel­ten geben. Schließlich gibt es keine alter­na­tive Gegenkul­tur oder Migrant_innen im Ort. Mil­i­tant aktiv sind die Nazis der Region deshalb vor allem in Cot­tbus. Um darauf aufmerk­sam zu machen fand am Sam­stag in Cot­tbus eine Antifa Demo gegen Nazige­walt statt. Krüger ignori­ert dies. Hin­ter­grund waren zunehmend gewalt­tätigere Über­griffe im Spree-Neiße Land­kreis.

Der Beitrag von Kristin Krüger zeigt ein­drucksvoll, wozu Ver­schweigen und Igno­ranz führt. Nazis dür­fen sich unge­niert äußern. Das Dorf und sein Zusam­men­halt wird beispiel­gebend. Die „Glatzen“, Bomber­jack­en und die anderen Old­school-Nazi-Assec­oires fall­en gar nicht auf. Krüger hat so einen ver­harm­losenden und steuer­fi­nanzierten PR-Beitrag für ein Dorf abgeliefert, in dem Nazis unbe­hel­ligt, etabliert und vom Dorf geschützt schal­ten und wal­ten kön­nen.

Update

Der rbb hat das Video und den Text des “Land­schle­ich­ers” von sein­er Seite ent­fer­nt. Hier der Google-Cache. Wenn jemen­sch weiß, wie der Beitrag gerettet wer­den kann, dann bitte ergänzen und / oder ver­linken.

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