24. Dezember 2003 · Quelle: Tagesspiegel

Siziliens Sonne

Orazio Giamblan­co wurde 1996 von einem Nazi fast tot­geprügelt. Langsam geht
es ihm bess­er. In diesem Jahr war er zu Besuch in der Heimat

(Tagesspiegel, Frank Jansen) Der Fortschritt wirkt winzig und hat doch eine enorme Wirkung. Orazio
Giamblan­co kann an seinem linken Fuß die Zehen wieder bewe­gen. Kurz vor und
zurück. Das kostet Kraft, der Ital­iener würde die Zehengym­nas­tik kaum länger
als ein, zwei Minuten durch­hal­ten. Aber nach sieben Jahren mit einem tauben,
ver­bo­ge­nen Fuß kann Giamblan­co spüren, dass seine linken Zehen ihm etwas
besseren Halt geben. Dass er mit seinen Krück­en sta­bil­er ste­ht und sicher­er
im Kreb­s­gang weit­erkommt.

Giamblan­co lächelt, “geht schon bess­er”. Er sitzt auf ein­er hydraulis­chen
Liege im Klinikum Biele­feld, ein junger Phys­io­ther­a­peut knetet den Fuß,
drückt auf Sehnen, massiert die Fuß­sohle mit ein­er grauen, elek­trischen
Gum­minop­pen­bürste. “Das ist ein Vibra­mat”, sagt Heiko Seibt, der junge, groß
gewach­sene Mann im weißen Kit­tel. Das Gerät sur­rt, scheint aber Giamblan­co
nicht zu kitzeln. So weit ist der Fuß noch nicht. Doch der Ther­a­peut ist
zufrieden. “Allein das aktive Zehen­heben ist klasse.” Giamblan­co lächelt
stumm. Zum Sprechen reicht die Kraft jet­zt nicht mehr.

Vor sieben Jahren gab es keinen Arzt oder Ther­a­peuten, der dem Ital­iener
“aktives Zehen­heben” oder gar einen Gang an Krück­en zuge­traut hätte. Ende
1996 war Giamblan­co weit­ge­hend gelähmt. Er kon­nte kaum reden, litt unter
Kopf­schmerzen, Alp­träu­men, Depres­sio­nen. Es war schon ein Wun­der, dass er
über­haupt noch lebte — nach­dem knapp drei Monate zuvor, am 30. Sep­tem­ber, in
der Kle­in­stadt Treb­bin ein Skin­head zugeschla­gen hat­te. Mit sein­er
Base­bal­lkeule traf er Giamblan­co am Kopf. In ein­er Not­op­er­a­tion ret­teten die
Ärzte im Kranken­haus Luck­en­walde das Leben des Hil­fs­bauar­beit­ers, der erst
wenige Tage zuvor aus Biele­feld nach Bran­den­burg gereist war. Und ahnungs­los
jun­gen Recht­sex­trem­is­ten in die Arme lief.

Die spastis­che Läh­mung wird für immer bleiben. Giamblan­co, heute 62 Jahre
alt, wird auch nie wieder nor­mal sprechen kön­nen. Und er ist für den Rest
seines Lebens trau­ma­tisiert. Aber Giamblan­co hat in den sieben Jahren seinem
Kör­p­er — und der Psy­che — viele kleine Fortschritte abgerun­gen. Er kann
inzwis­chen alleine essen, die Toi­lette auf­suchen und seit 2002 mit einem
Elek­tro­roll­stuhl in der näheren Umge­bung herum­fahren. Der Tagesspiegel hat
jedes Jahr berichtet. Giamblan­cos größter Erfolg ist eine Reise in die alte,
zulet­zt in den achtziger Jahren besuchte Heimat Sizilien. Zusam­men mit
sein­er griechis­chen Lebens­ge­fährtin, der zier­lichen, 53 Jahre alten Angel­i­ca
Berdes und ihrer 29-jähri­gen Tochter Efthimia hat er sich im ver­gan­genen
Juni diesen Traum erfüllt. Den er trotz der Behin­derung und der Skep­sis von
Ver­wandten und Bekan­nten nie aufgegeben hat.

Schon der erste sizil­ian­is­che Luftzug beflügelt. Als Giamblan­co am Mit­tag
des 22. Juni aus dem Flugzeug tritt und oben von der Gang­way die Hügel rings
um Cata­nia sieht, ruckt er nach vorne. Anstatt auf einen vom Flughafen
bestell­ten Pfleger zu warten, der ihn die Treppe hin­un­ter­be­gleit­et, wagt
sich Giamblan­co selb­st an die 17 Stufen. Nein, er will keine Hil­fe; der
Protest von Angel­i­ca Berdes wird ignori­ert. Ängstlich, aber auch erstaunt
beobacht­en Berdes und ihre Tochter, wie ihr Orazio zum ersten Mal seit jen­em
Sep­tem­ber 1996 aus eigen­er Kraft eine län­gere Treppe bewältigt. Unten
angekom­men, nuschelt Giamblan­co lächel­nd sein “geht schon”. Die Reise in die
Heimat hat bere­its in den Minuten nach der Ankun­ft gewirkt.

Den Flug, das Hotel und zwei Miet­wa­gen hat ein Berlin­er organ­isiert. Der
Stahl-Man­ag­er Ulrich Siegers las im Dezem­ber 2001 eine Reportage über
Giamblan­co. Das Schluss­wort war dessen Wun­sch, noch ein­mal nach Sizilien zu
kom­men. “Da hab ich mir gedacht: Das muss ich machen”, sagt Siegers, “ich
hab die Zeit, ich hab das Geld, ich hab die Frei­flüge.” Und er hat eine
eigene lei­d­volle Erfahrung, die für Giamblan­cos Schick­sal sen­si­bil­isiert.
Siegers Frau wurde 1978 in Lon­don von einem Bus ange­fahren und ist schw­er
behin­dert. Viel mehr möchte der 60-Jährige über sich und seine Fam­i­lie nicht
in der Zeitung lesen. Er hebt Giamblan­co aus dem Roll­stuhl und in den Wagen,
er hält Angel­i­ca Berdes die Tür auf, er set­zt sich ans Steuer und braust
hoch­tourig los.

Siegers hat sich auch nicht ent­muti­gen lassen, als der erste Rei­sev­er­such im
let­zten Moment scheit­erte. Mitte März 2002 stand er schon am Flughafen
Han­nover, doch Giamblan­co kam nicht. Die gewaltige Freude auf das
Wieder­se­hen mit Sizilien brachte seine frag­ile Psy­che durcheinan­der. Auf der
Tax­i­fahrt von Biele­feld zum Flughafen musste sich Giamblan­co so oft
übergeben, dass Angel­i­ca Berdes entsch­ied: zurück. Danach lag Giamblan­co
weinend im Bett, tage­lang. Die Base­bal­lkeule hat­te wieder ein­mal getrof­fen,
Jahre nach der Tat­nacht in Treb­bin.

Es gelingt Giamblan­co erst im Juni 2003, an den Ort zu kom­men, den er
unbe­d­ingt sehen wollte: Agi­ra, seine alte Heimat­stadt, in der auch die
Eltern begraben sind. Auf ein­er son­nen­ver­bran­nten steilen Bergkuppe kleben
die Häuser eng aneinan­der, über­ragt von ein­er wuchti­gen Kirche und ein­er
Burg.

Der Fried­hof befind­et sich auf einem hügeli­gen Aus­läufer, da will Giamblan­co
hin. In der Mit­tagshitze steigt er, gestützt von Angel­i­ca Berdes, die Stufen
zu dem Toten­haus hin­auf. Im Halb­dunkel sind mehr als 200 Fäch­er zu erken­nen,
ver­siegelt mit Mar­mor­plat­ten. Auf ein­er ste­ht “Manet­to Fil­ip­pa”, daneben
prangt das ovale Schwarz- weiß-Foto ein­er alten Frau mit streng
zurück­gekämmten Haaren. Giamblan­co flüstert “Mam­ma”, führt langsam die
rechte Hand an die Lip­pen und drückt einen Kuss auf die Fin­ger­spitzen. Dann
streckt er den Arm aus, die Hand berührt das Foto. Links daneben liegt der
Vater Sal­va­tore. Auch sein Foto berührt Orazio Giamblan­co mit den
ange­feuchteten Fin­ger­spitzen. Angel­i­ca und Efthimia Berdes schauen zu. Und
acht­en darauf, dass Giamblan­co, der sich leicht schwank­end auf nur eine
Krücke stützt, das Gle­ichgewicht hält.

Neben diesem Höhep­unkt hat die Reise allerd­ings auch heik­le Momente. Der
große Clan, aus dem Giamblan­co stammt, inter­essierte sich nicht allzu sehr
für das Schick­sal des Ver­wandten aus Biele­feld, obwohl auch das ital­ienis­che
Fernse­hen und sizil­ian­is­che Zeitun­gen über den recht­sex­tremen Angriff von
Treb­bin berichtet hat­ten. Die Ver­wandtschaft nahm Orazio Giamblan­co übel,
dass er sich von sein­er eben­falls aus Agi­ra stam­menden Ehe­frau getren­nt und
mit ein­er Aus­län­derin, der Griechin Berdes, zusam­menge­tan hat­te. Bit­tere
Ironie: Das Opfer ras­sis­tis­ch­er Gewalt bekam auch in der eige­nen Fam­i­lie
frem­den­feindliche Ressen­ti­ments zu spüren.

So reagieren Giamblan­cos Brüder Francesco und Giuseppe, tief gebräunte derbe
Manns­bilder, etwas ver­legen, als sie nach vie­len Jahren Orazio wieder­se­hen -
mit Krück­en. Doch die Frauen des Clans und die Kinder begeg­nen Giamblan­co,
Angel­i­ca Berdes und ihrer Tochter her­zlich und offen­bar ohne Vor­be­halte. In
einem schmalen Haus im engen Dör­fchen Gagliano Castel­fer­ra­to wird üppig
aufgetis­cht und stun­den­lang in einem ital­ienisch-deutsch-griechis­chen
Mis­chmasch aufeinan­der ein­gere­det. Am Schluss jedoch, als Angel­i­ca und
Efthimia Berdes mit viel Geschick Giamblan­co in den Miet­wa­gen bugsieren, ist
der Clan ganz still. Im Hal­bkreis ste­hen die son­st so leb­haften Sizil­ian­er
um das Auto herum. Die Mienen ver­rat­en eine etwas ver­schämte Bewun­derung für
die Mühe der Griechin­nen. Es scheint, als seien die bei­den jet­zt anerkan­nt.

Die Reise hat auch bei Orazio Giamblan­co ein kleines Wun­der bewirkt. “Er ist
seit Sizilien viel ruhiger”, sagt Angel­i­ca Berdes im Dezem­ber in Biele­feld,
die Depres­sio­nen hät­ten nachge­lassen. Nur am Jahrestag de
s Über­falls, am 30.
Sep­tem­ber, “hat Orazio wieder geweint, egal, was man gesagt hat”. Giamblan­co
hebt die rechte Hand und murmelt, “viele Tage denke ich für mich alleine,
warum ist das geschehen?” Stille. Angel­i­ca Berdes und die Tochter schauen
sich an. Sie ver­ste­hen und lei­den mit. Die Base­bal­lkeule trifft auch die
bei­den Frauen.

Angel­i­ca Berdes hat­te nach dem “Unfall”, wie sie den Angriff nen­nt, ihren
Fab­rikjob aufgegeben. Die anstren­gende Pflege fordert einen hohen Preis -
die Griechin lei­det unter Rück­en­schmerzen und Bluthochdruck und sucht seit
Jahren regelmäßig einen Psy­chi­ater auf. Tochter Efthimia scheint robust, hat
aber auch viel ein­steck­en müssen. Sie sah sich gezwun­gen, nach dem Über­fall
auf Giamblan­co ihre Lehre als Friseurin abzubrechen, weil ihr Chef kein
Ver­ständ­nis für die unver­mei­dlichen, pflegebe­d­ingten Fehlstun­den hat­te. Nach
jahre­langer Arbeit­slosigkeit hat Efthimia Berdes nun einen fes­ten Job in
ein­er Schoko­laden­fab­rik — meis­tens sieben Tage die Woche, im
Dreis­chicht­sys­tem. Die junge Griechin braucht jeden Cent, um sich die teure
Woh­nung leis­ten zu kön­nen, die sie dem hil­febedürfti­gen Giamblan­co und ihrer
oft über­forderten Mut­ter zuliebe im sel­ben Haus gemietet hat.

Und der Täter? Jan W. ver­büßt 15 Jahre Haft. Das Landgericht Pots­dam wertete
im Prozess 1997 den Angriff auf Giamblan­co als ver­sucht­en Mord. Inzwis­chen
hat W. sich von der recht­en Szene getren­nt und sog­ar ein paar ehe­ma­lige
“Kam­er­aden”, die in der Tat­nacht eben­falls Ital­iener attack­iert hat­ten,
belastet. Die ein­sti­gen Kumpane kamen allerd­ings 2002 und in diesem Jahr mit
milden Strafen davon. Jan W., heute 29 Jahre alt, hat sich auch öffentlich
von Gewalt dis­tanziert und sein Helden­im­age in der Szene demon­tiert. Doch
das enorme Medi­en­in­ter­esse im let­zten Jahr irri­tiert ihn auch. “Ich will
nicht der Vorzeige-Aussteiger Bran­den­burgs sein”, sagt er heute und will in
keinem Film und kein­er Zeitung mehr erscheinen. Eines aber ist ihm wichtig:
“Ich hoffe, dass die Reise nach Sizilien Her­rn Giamblan­co viel Kraft gegeben
hat.” Und: “Was damals in Treb­bin passiert ist, tut mir unendlich leid.”

Der Vibra­mat sur­rt nochmal an der Fuß­sohle ent­lang. Dann fordert der
Phys­io­ther­a­peut Giamblan­co auf, sich alleine zu erheben. Der Ital­iener
presst die Hände auf die Liege und winkelt die Arme an. Ächzend kommt er
hoch, der Kopf wird rot. Giamblan­co ste­ht. Nach vorne gebeugt, wack­lig.
Ther­a­peut Seibt stützt ihn. Schließlich schafft es Giamblan­co, an nur ein­er
Krücke langsam aus dem Behand­lungsz­im­mer zu gehen, hin­aus zum
Elek­tro­roll­stuhl. Er sinkt hinein und lächelt hin­ter­gründig. “Wir fahren
nochmal nach Sizilien”, sagt Giamblan­co, als wolle er nur einen Scherz
machen. Dann nickt er. “Geht schon.”

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