30. Juni 2002 · Quelle: Analyse und Kritik

So kann s nicht weitergehen”

Vor drei Jahren, als in Bernau ein Gam­bier und ein Viet­namese am hel­l­licht­en Tage über­fall­en wur­den, haben Jugendliche die “Aktion Notein­gang” gegrün­det. Diese Aktion war als Nothil­fe gegen aktuelle Angriffe gedacht. Heute sind in Bran­den­burg und in Sach­sen-Anhalt zahlre­iche Jugend­grup­pen und Bürg­er­bünd­nisse in der “Aktion Notein­gang” zusam­mengeschlossen. Es geht ihnen nicht nur um den Schutz von Frem­den, es geht ihnen auch um Jugendliche, die zur unangepassten Min­der­heit gehören und eben­falls Angrif­f­en aus­ge­set­zt sind. Sie beteili­gen sich an Diskus­sio­nen und sie organ­isieren eigene Ver­anstal­tun­gen, in denen sie zum Wider­stand gegen das ras­sis­tis­che Kli­ma ermuti­gen.

Also es gab damals keinen, der gesagt hat: Nazis sind Scheiße , oder: Das sind Nazis . Das gab s nicht. Es war auch nicht möglich, es war ein viel zu hohes Eskala­tion­sniveau, das war lebens­ge­fährlich. Also klar, ich hab es mir erlaubt, irgend­wie einen kleinen Farbton in meine Haare zu tun. Aber das kon­nte ich mir auch nur erlauben, weil ich nur am Woch­enende da war und weil ich wusste, zu welch­er Uhrzeit ich wie lang gehen muss. Du musstest dir über­legen, welchen Zug du nimmst, wann du wo lang fahren kannst, welch­es Stadt­ge­bi­et du nicht betreten darf­st, du musstest diese Stan­dards schon ein­hal­ten.”

Suse ist 25 Jahre alt. 1991 ist sie aus Schwedt wegge­gan­gen. Schwedt, die Vorzeiges­tadt der DDR, das in den 60er Jahren explodierende Wirtschaftswun­der Schwedt, das nach der Wende fast zusam­men gebrochen wäre und der Stadt die Vorherrschaft rechter und recht­sradikaler Jugend­kul­tur einge­bracht hat. Schwedt an der Oder. Eine Reißbrettstadt nach preußis­chem und DDR-Muster zugle­ich. Mit dem Charme eines Schachbretts aus Beton. Der Stolz der real­sozial­is­tis­chen Petro­chemie glänzte hier und zog die Men­schen während der 60er Jahre in die neue Stadt. Arbeit und Woh­nung wur­den hier geboten und zwar sofort. Zehngeschos­sige Wohn­häuser säu­men über­bre­ite Straßen, schnurg­er­ade am “Platz der Befreiung” vor­bei, der noch heute so heißt.
Der fußballfeld­große Platz an der heuti­gen Lin­de­nallee wird begren­zt von zwei flachen, kanti­gen Kaufhaus-Quadern. Lange Zeit war das asphaltierte Rechteck in der Hand von Glatzen, von beken­nen­den Neon­azis. Heute kur­ven auch jugendliche Skater dort umher. Doch die Zeit­en direkt nach der Wende sind nicht vergessen und vor­bei. Damals stürzte die deutsche Ein­heit die Stadt in heftige Tur­bu­len­zen. Zehn­tausenden Chemiear­beit­ern brachte sie das Aus, die Arbeit­slosigkeit stieg auf über 20 Prozent und in dieser Höhe blieb sie auch ste­hen. Die Stadt ver­lor in den let­zten Jahren 10.000 ihrer ehe­mals 50.000 Ein­wohn­er, ein ganzes Stadtvier­tel wurde deshalb abgeris­sen.

Tia ist 19 und hat ger­ade Abitur gemacht. Sie arbeit­et bei Pukk mit, weil sie let­ztes Jahr mit ihrer englis­chen Fre­undin durch die Stadt spazierte, bei­de sprachen englisch miteinan­der, und sie wurde angepö­belt. Sie fasst sich an den Kopf: angepö­belt, bloß weil sie englisch sprach. Deshalb also Pukk. Pukk heißt in ganz­er Länge: Poli­tik und kri­tis­che Kul­tur, alter­na­tive Jugend Schwedt/Oder. Die Gruppe, die aus etwa 20 Jugendlichen beste­ht, gibt es seit 1998. Vier Jahre Fried­hof­s­ruhe lagen da hin­ter den Jugendlichen dieser Stadt, die sich nicht dem recht­en Zeit­geist unter­w­er­fen woll­ten. Denn 1994 hat­te sich die let­zte Jugend­gruppe aufgelöst, die nicht zum recht­en Lager gezählt wer­den kon­nte. Die meis­ten waren aus der Stadt regel­recht geflüchtet.

Suse berichtet von einem Beina­he-Totschlag 1992, der den Gipfel des recht­sradikalem Hor­rors gegen andere Jugendliche darstellte. Lange Monate lag ein Opfer von Nazi-Schlägern im Kranken­haus, lange Monate in der Reha, allmäh­lich ging es bess­er. Aber damals war klar, sagt Suse:

Antifaschis­tis­che Arbeit unter Hochdruck

“So kann s nicht weit­erge­hen. So kann s auf gar keinen Fall weit­erge­hen. Wir kön­nen nicht so weit­er­ma­chen. Geht nicht. Dann gab s eine große Kam­pagne, einen ARD-Bericht, einen Spiegel-Bericht — und dadurch ist der öffentliche Druck ent­standen, ist ein neuer Richter einge­set­zt wor­den, sind ein paar Ver­fahren anders gelaufen, sind ein paar Nazis verurteilt wor­den. Also da gab s einen Umschwenk in der Lin­ie, durch den öffentlichen Druck. Und die Antifas wur­den gebeten, die Stadt zu ver­lassen, weil ihr Schutz nicht mehr gewährleis­tet wer­den kann. Vom Bürg­er­meis­ter. Wir hat­ten uns dann auch aufgelöst. Und der Bürg­er­meis­ter war wahrschein­lich ein­fach nur froh, dass die Leute endlich weg sind.”

Diese Ereignisse sind in Schwedt nicht vergessen. Engage­ment gegen rechts, das wis­sen alle, ist gefährlich. Tias Eltern woll­ten deshalb nicht, dass sie mit­macht bei Pukk. Für sie war 1992, 1994 noch gestern. Tia ist trotz­dem zu Pukk gegan­gen, hat die Gruppe mit aufge­baut, hat auch die “Aktion Notein­gang” mit gemacht, organ­isiert Konz­erte, poli­tis­che Diskus­sio­nen. Pukk hil­ft Flüchtlin­gen, ein antifaschis­tis­ches Straßen­fest haben sie let­ztes Jahr auf die Beine gestellt, sog­ar unter Schirmherrschaft des Bürg­er­meis­ters, des­sel­ben übri­gens, der Jahre zuvor die Sicher­heit von Suse und anderen nicht mehr garantieren mochte. Pukk wird unter­stützt von den Uck­er­märkischen Büh­nen in Schwedt, im Schaus­piel­haus fan­den bere­its The­at­er­auf­führun­gen und Diskus­sionsver­anstal­tun­gen statt. Trotz­dem wurde im März 1999 der libane­sis­che Asyl­be­wer­ber Yass­er auf offen­er Straße von einem 19-jähri­gen Recht­sex­tremen niedergestochen.
Die Pukk-Leute arbeit­en nicht ger­ade unter anziehen­den Umstän­den. Die Stadt hat den Jugendlichen einen kleinen Raum in ein­er ehe­ma­li­gen Schule zugewiesen, dort tre­f­fen sie sich wöchentlich in ein­er schmalen, hohen Kam­mer, ziem­lich unwirtlich, wenn auch immer­hin beheizbar. Doch die Stim­mung steckt an, die Zunei­gung, die untere­inan­der herrscht, die Gle­ich­berech­ti­gung, die fehlende Hier­ar­chie, der Witz, die Spon­taneität.
Pukk ist noch kein Jugend­club. Ganz anders das “Horte”: Ein ganzes Haus haben sich die Jugendlichen in Straus­berg, ein­er Gar­nison­sstadt in der Nähe von Berlin, erstrit­ten und erkämpft, selb­stver­wal­tet natür­lich, mit Kneipe bzw. Café, Büro, Ver­anstal­tungs- und Grup­pen­räu­men, eigen­em Hof und in der ersten Etage Platz für mehr als ein Dutzend Leute, die hier wohnen.

Jeden Mon­tag sitzen die Aktiv­en im “Horte” zusam­men, pla­nen nicht nur den Thek­en­di­enst, son­dern auch die näch­sten Ver­anstal­tun­gen, reden und entschei­den über poli­tis­che Aktio­nen und stre­it­en sich darüber, ob das let­zte Konz­ert gut organ­isiert war oder nicht.

Auch hier dieses Gefühl, gegen die Bedro­hung der Nazis zusam­men­hal­ten zu müssen und nur als Gruppe dage­gen­hal­ten zu kön­nen. Genau­so z.B. in Sprem­berg, im Süden von Bran­den­burg, Kom­bi­nat Schwarze Pumpe, aus­ge­laufen nach der Wende. Dort sind in den ver­gan­genen Jahren mehrere Punker oder irgend­wie “links” ausse­hende Jugendliche fast tot­geschla­gen wor­den. Dort gibt es den “Pirat­en e.V.”, antifaschis­tis­che, anti­ras­sis­tis­che Arbeit unter Hochdruckbe­din­gun­gen. über­all Hochdruck: Das “Horte” wurde noch vor zwei Jahren von 15 bewaffneten Nazis bedro­ht, die nur deshalb den Rück­zug antrat­en, weil die Jugendlichen des “Horte” deut­lich in der Mehrheit und entschlossen waren, sich zu wehren. ähn­lich­es haben die im “Mit­ten­drin” in Neu­rup­pin erlebt. Neo-Nazi-Auf­marsch vor der Tür, 60–80 Glatzen, zwei Jahre ist das her. Das “Mit­ten­drin” ist auch ein dick­er Laden, der ger­ade aus­ge­baut wird, im oberen Geschoss ein eigenes Wohn­pro­jek­te für sechs bis zehn Jugendliche.

Anti­ras­sis­tis­che Jugen­dar­beit …

Das “Mit­ten­drin”, das “Horte” und die “Pirat­en” sind selb­stver­wal­tet und unter­schei­den sich an einem wichti­gen Punkt von den “offiziellen” Jugend­pro­jek­ten. Diese alter­na­tiv­en Pro­jek­te lehnen jede Form so genan­nter akzep­tieren­der Sozialar­beit ab. Nazis komme
n bei ihnen nicht rein, eine Diskus­sion mit beken­nen­den Ras­sis­ten und Faschis­ten find­et nicht statt. Denn die Analyse der Grup­pen, die über das Demokratis­che Jugend­fo­rum Bran­den­burg ver­bun­den sind, zeigt, dass die Stärke der Recht­sradikalen auch aus Man­gel an Alter­na­tiv­en her­rührt. Den antifaschis­tisch ori­en­tierten Pro­jek­ten geht es deshalb darum, eine anti­ras­sis­tis­che Jugend­kul­tur aufzubauen, den Jugendlichen zu zeigen und vorzuleben, dass es zu den Recht­sradikalen eine Alter­na­tive gibt, dass man sich mit ihnen wed­er gemein machen noch die Trennlin­ien ver­wis­chen muss. Andere Musik, andere Klei­dung, andere Umgangs­for­men wer­den gelebt.

Das “Mit­ten­drin” hat sich deshalb auch schon heftig mit Jugen­dein­rich­tun­gen gestrit­ten, die das mit den Recht­sradikalen nicht so genau nehmen … René, Ende Zwanzig, seit Anfang an im “Mit­ten­drin” dabei, mit­tler­weile sog­ar als bezahlte Kraft: “Wir hat­ten näm­lich einen Fall, dass Jugen­dein­rich­tun­gen teil­weise Leute halt rein­ge­lassen haben, die wir defin­i­tiv zum recht­en oder teil­weise auch zum recht­sex­tremen Spek­trum gezählt haben, die sich aber auch an der Aktion Notein­gang beteili­gen woll­ten, bzw. auch beteiligt haben. Da hing aber draußen z.B. der Aktion-Notein­gang-Aufk­le­ber, Du bist dann da halt irgend­wann hinge­gan­gen und hast dann halt oben irgend­wie den stel­lvertre­tenden Vor­sitzen­den der NPD vom Land­kreis sitzen sehen mit einem white-pow­er-T-Shirt. Das war dann für uns der Punkt, wo wir gesagt haben: Hey Leute, hal­lo, merkt ihr noch irgend­was? Irgend­wie läuft hier was schief. Und das war dann schon irgend­wie eine sehr, sehr span­nende Diskus­sion, Sätze wie: Na ja, ihr habt halt eure Gegen-Nazis-Aufnäher und die haben halt ihrs, und solange kein­er was macht und sich alle lieb haben, ist es ja okay. Und da haben wir an dem Punkt halt gesagt, nö, läuft nicht, geht nicht, kön­nt ihr die Aktion nicht mit­tra­gen, dann fliegt ihr halt da raus. Da müsst ihr euch ne Birne machen. Und ich denke schon, dass es mit ein Punkt war, warum sich ver­schiedene Jugen­dein­rich­tun­gen halt wirk­lich ne Birne halt gemacht haben und sich seit­dem entsprechend ver­hal­ten.”

In Neu­rup­pin trug die Arbeit vom “Mit­ten­drin” dazu bei, dass schließlich ein beken­nen­der Nazi-Jugendtr­e­ff, der soge­nan­nte “Bunker”, von der Stadtver­wal­tung geschlossen wurde. Daraufhin marschierten die Recht­sradikalen vor den anderen Jugend­pro­jek­ten auf, block­ierten sie, war­fen Scheiben ein. René ist froh, dass die Stadt nicht eingeknickt ist. Es blieb bei der Schließung. Den Nazis wurde ein wichtiger Tre­ff­punkt genom­men, an sein­er Stelle wurde eine neue, stadt­teil­be­zo­gene Jugen­dein­rich­tung für Jugendliche von 13 bis 17 Jahren geschaf­fen.

Dass die ver­schiede­nen alter­na­tiv­en Jugend­clubs voneinan­der wis­sen, mehr noch: miteinan­der zu tun haben, liegt am Demokratis­chen Jugend­fo­rum Bran­den­burg (DJB). Und an der “Aktion Analyse”, die unter dem Dach des DJB von ihnen allen aus­gekocht wurde. Sinn und Zweck der Aktion, die haupt­säch­lich zwis­chen 1998 und 2000 lief, schildert Suse so:
“Der erste Anlauf von Aktion Notein­gang hat­te ja das Ziel, eine Hil­f­sin­stanz zu schaf­fen. Wir haben dage­gen gesagt: Nee, wir wollen keine Hil­f­sin­stanz schaf­fen, weil klar ist, dass wir die so nicht schaf­fen kön­nen. Kein­er, der ver­fol­gt ist, ren­nt in irgend einen Laden, weil da ein Aufk­le­ber dran ist, wird dahin ren­nen und sich eine Tele­fon­num­mer abschreiben und anrufen. Das funk­tion­iert doch nicht, ist doch Mist, wis­sen wir doch sel­ber, dass das nicht geht. Wir hat­ten einen anderen Schw­er­punkt der Aktion Notein­gang , es geht uns um die öffentliche Diskus­sion. Wir wollen in die Mitte der Gesellschaft, wir wollen die kon­fron­tieren, wir wollen die ansprechen. Jet­zt geht s nicht um Antifa, jet­zt geht s nicht um Nazis, jet­zt geht s um die öffentliche Diskus­sion. Wir hat­ten damals ein paar Ziele for­muliert, und eins war gewe­sen: Wir wollen, dass nicht mehr über Jugendge­walt gesprochen wird, wir wollen, dass nicht mehr über irgendwelche lap­i­dare Frem­den­feindlichkeit gesprochen wird, son­dern wir wollen, dass über Ras­sis­mus gere­det wird und über Recht­sex­trem­is­mus. Oder Neo­faschis­mus. Weil, das sind die Prob­leme. Und wenn wir das schaf­fen, die öffentliche Diskus­sion und Debat­te darüber zu führen, dann haben wir was erre­icht. Das war damals unser Ziel. Und das ließ sich ja auch erre­ichen. Wir haben offene Türen einger­an­nt.”

Im Som­mer 1998 wur­den in Bernau ein Gam­bier und ein Viet­namese in aller öffentlichkeit auf Straße über­fall­en und zusam­mengeschla­gen. Die Tat­en waren, auch nach Ansicht der Staat­san­waltschaft, ras­sis­tisch motiviert. Und es waren keine Einzeltat­en. Das Demokratis­che Jugend­fo­rum Bran­den­burg, ein Net­zw­erk ver­schieden­er Jugend­grup­pen in Bran­den­burg­er Städten und Gemein­den, schuf die “Aktion Notein­gang” als Antwort. Man ent­warf einen Aufk­le­ber und einen Frage­bo­gen. Damit gin­gen Jugendliche in Gast­stät­ten, zu Ladenbe­sitzern, zu Kul­tur- und Sozialein­rich­tun­gen, in die Rathäuser und fragten die Ver­ant­wortlichen: Wie ste­hen Sie zu ras­sis­tis­ch­er Gewalt? Gewähren Sie Betrof­fe­nen Schutz? Brin­gen Sie den Aufk­le­ber “Aktion Notein­gang” deut­lich erkennbar in Ihrem Geschäft oder Ihrer Ein­rich­tung an? Der Aufk­le­ber, in schwarz und gelb gehal­ten, zeigt das Pik­togramm eines flüch­t­en­den Men­schen, der in eine offene Tür läuft. “Wir bieten Schutz und Infor­ma­tio­nen bei ras­sis­tis­chen und faschis­tis­chen über­grif­f­en” ste­ht in der Tür.
An der “Aktion Notein­gang” beteiligten sich bis ins Jahr 2000 hinein Jugend­grup­pen aus 13 bran­den­bur­gis­chen Gemein­den. Im Som­mer 2000 legten sie eine Broschüre mit ihren Erfahrun­gen vor. Elf Jugend­grup­pen berichteten, auch ein lan­desweites Resümee wurde gezo­gen. Die Hälfte der fast 1.000 ange­sproch­enen Ladenbe­sitzer, Bürg­er­meis­ter, Schuldirek­toren, Kneipen­wirte hat­ten die Frage­bö­gen zurück­gegeben, 22 Prozent aller Ange­sproch­enen hin­gen den Aufk­le­ber aus. In manchen Städten, in Fürsten­walde z.B., brachte sog­ar über die Hälfte der Ange­sproch­enen den Aufk­le­ber an, in Pots­dam aber waren es nur 8 Prozent. In Bernau ver­don­nerte der Bürg­er­meis­ter die Stadtver­wal­tung, sich nicht an der Aktion zu beteili­gen, in Schwedt klebte der Bürg­er­meis­ter den Aufk­le­ber qua­si eigen­händig an die Rathaustür.

Die “Aktion Notein­gang” wurde im Jahre 2000 mit dem Aach­en­er Frieden­spreis aus­geze­ich­net. Die Bran­den­burg­er Lan­desregierung dage­gen tat sich schon mit der bloßen Anerken­nung schw­er: Bere­its bewil­ligte Gelder wur­den nicht aus­bezahlt, das Jugend­bünd­nis wurde aus dem lan­desweit­en, von der Regierung gestützten “Aktions­bünd­nis gegen Recht­sex­trem­is­mus, Frem­den­feindlichkeit und Gewalt” her­aus­ge­hal­ten. Dieses Aktions­bünd­nis war eins der Pro­jek­te, die die offizielle Poli­tik auflegte, weil das Aus­maß recht­sradikaler Gewalt Inve­storen abschreck­te und auf die Geschäfte mit dem Touris­mus neg­a­tiv durch­schlug. Ein Auf­nah­meantrag von “Aktion Notein­gang” in das Bünd­nis wurde zwar ver­han­delt, aber vom Vor­stand zurück­gewiesen, weil die “Aktion Notein­gang” nur ein Net­zw­erk sei und keine klaren Struk­turen habe.

DJB: Net­zw­erk von unten

Die Lan­desregierung, so ver­muten Suse und die anderen, hat­te Sorge, dass mit Hil­fe des Frage­bo­gens die ras­sis­tis­che Stim­mung im Lande aktenkundig wer­den kön­nte. Und die Tat­sache, dass “Aktion Notein­gang” ger­ade auch und immer wieder die poli­tisch Ver­ant­wortlichen kri­tisiert, sei beson­ders dem christ­demokratis­chen Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm ein Dorn im Auge gewe­sen.

Jet­zt sind das DJB und die ver­schiede­nen alter­na­tiv­en Jugend­pro­jek­te dabei, die Fort­set­zung der “Aktion Notein­gang” zu starten, die “Aktion Analyse”. Da soll der Frage nachge­gan­gen wer­den, was in ihrer Stadt ras­sis­tisch ist. Z.B. die Anlage ein­er Flüchtling­sun­terkun­ft; das soll doku­men­tiert wer­den, Aktio­nen sollen — durch diese Recherche vor­bere­it­et — fol­gen.

An Aktio­nen sind die
Grup­pen ohne­hin nicht arm. Eine wird den “Pirat­en” in Sprem­berg wohl immer in Erin­nerung bleiben, eine Aktion gegen die beken­nen­den Nazis der Stadt und gegen diejeni­gen, die die Frem­den­feindlichkeit in den Insti­tu­tio­nen verkör­pern. Gegen Bürg­er­meis­ter Egon Wochartz zum Beispiel. Sachse erzählt:
“Geplant war, in der Fascho-Kneipe, im Tüm­mels, ne fette Beach-Par­ty zu feiern, also da wirk­lich kilo­weise Sand auszuschüt­ten; Wirt, um 17 Uhr macht der auf, also den total zu über­rumpeln, wenn noch keine Gäste drin sind, dem klar machen: Wenn du ruhig bleib­st, passiert nichts, wir wollen alle was trinken, du kannst das Geschäft deines Lebens machen. Und da richtig mit Reagge-Mucke ne geile Par­ty feiern. Und die Idee war gewe­sen, Faschoräume wieder in öffentliche Räume zu ver­wan­deln. Weil der Wirt immer sagt: Er mag sie auch nicht, er kann aber nichts machen, sie sind seine einzi­gen Kun­den. Ja, und deswe­gen ihm sagen: Ey, du kannst auch andere Kun­den haben!
Par­al­lel dazu sollte ein Son­dertrupp beim Bürg­er­meis­ter das Haus in Angriff nehmen, da soll­ten dann Sprühak­tio­nen, Fly­er­ak­tio­nen, mit Tran­spis und so ablaufen. Und als Drittes den Bauwa­gen in Wet­zkow draußen, wo die Kid­di-Nazis sich tre­f­fen, den irgend­wo in sta­bile Seit­en­lage zu brin­gen, oder warmer Abriss oder irgend so was. Das Ding ein­fach zu beseit­i­gen, unbrauch­bar zu machen. Das ganze ist daran gescheit­ert, dass die Leute den Weg nicht gefun­den haben. Da waren 20 Autos auf dem Weg nach Sprem­berg, die Hälfte ist vor­bei gefahren, hat dann genau auf dem Polizei-Vorhof gewen­det. Die haben die Bullen mit gehört, da war so ein Funkruf: Was soll das, hier wen­den 20 Autos, genau vor der Polizei­wache, wo wollen die hin!? Helft uns! Die Leute vom Bürg­er­meis­ter waren aber schon zu zeit­ig da und haben schon das ganze Haus irgend­wie besprüht: ‚Aus­gangssperre für den Ras­sis­ten Egon Wochartz und solche Sachen. Da war natür­lich dort die ganze Polizei, hat dann ver­sucht, auch wirk­lich böse ED-Behand­lung durchzuziehen. Haben sie dann aber nicht geschafft.

Gegen Nazis und den Ras­sis­mus in den Insti­tu­tio­nen

Die Bullen haben dann irgend­wann ger­afft, es geht ums Tüm­mels, eigentlich, haben dann davor Spalier ges­tanden und du kamst nicht mehr rein. Da standen dann 300 Leute vor dem Tüm­mels auf dem Platz, bei Mukke und haben dann gesagt, na gut, wir machen kurzfristig eine Demo durch Sprem­berg. Und auf dieser Demo gab es dann Beiträge, wo der Bauwa­gen the­ma­tisiert wurde. Aber als die Leute am Bauwa­gen waren, fuhr schon das erste Zivil­bul­lenau­to vor­bei — und dann haben sie es dann sein gelassen, es wurde zu gefährlich. So lief das Ding eigentlich schief.”

Trotz­dem war es für die Beteiligten großar­tig, mal nicht allein oder zu zwei Dutzend Leuten in der öffentlichkeit aufzutreten, son­dern unter­stützt zu wer­den von den Teil­nehmern eines antifaschis­tis­chen Camps an der pol­nis­chen Gren­ze. Das hätte dur­chaus Ein­druck in der Stadt gemacht, am meis­ten bei denen, die schon lange gehofft hat­ten, irgend­wann müssten doch bes­timmte Leute endlich mal einen Denkzettel kriegen …

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