20. Januar 2010 · Quelle: Antifagruppe Oranienburg

Spiel mir das Lied von der Grauzone

Oranien­burg — Wenn Grau­zo­nen­bands und Ver­an­stal­ter von sol­chen kon­zer­ten wegen ras­sis­ti­schen, chau­vi­nis­ti­schen und an­de­ren un­säg­li­chen Tex­ten kri­ti­siert wer­den, dann re­agie­ren diese meist mit ein­er Mi­schung aus Ver­fas­sungs­schutz­re­t­ho­rik und Op­fer­ge­ha­be. So auch Ende des let­zen Jah­res der Ver­an­stal­ter des „Oi The Ni­sche“-?Fes­ti­vals in Ora­ni­en­burg

Der An­stoß für die der­zei­ti­gen Em­pö­run­gen sei­tens der Oi-?Sze­ne ge­gen­über uns als lo­ka­len An­ti­fa­grup­pe ist ein Text aus dem ver­gan­ge­nen Jahr.*1 Im ver­gan­ge­nen Som­mer wur­den wir dar­auf hin­ge­wie­sen, dass beim „Oi The Ni­sche“ meh­re­re Bands aus der Grau­zo­ne spie­len soll­ten. Diese waren die Bands „Ger­be­nok“, „Bom­becks“ und „Stärks­te Min­der­heit“. Wir haben nach Ei­gen­re­cher­chen einen Text ge­schrie­ben, der nach un­se­ren heu­ti­gen In­for­ma­tio­nen nicht aus­rei­chend war. So haben wir uns dort zu sehr auf Ger­be­nok kon­zen­triert und Bom­becks, sowie stärks­te Min­der­heit den grau­en Schlei­er ent­fernt und uns zu we­ni­ge In­for­ma­tio­nen aus dem Spek­trum der Oi-?Skin­head­sze­ne ge­holt. Der Kern der da­ma­li­gen Kri­tik an dem „Oi The Ni­sche“ ist al­ler­dings auch heute un­ver­än­dert. Bands, die gegen Ho­mo­se­xu­el­le*2, Mi­gran­t_In­nen*3, an­ti­fa­schis­ti­sches En­ga­ge­ment*4 het­zen, und Frau­en*5 in Tex­ten ab­wer­ten er­hal­ten von uns eine klare Ab­sa­ge und wer­den durch uns auch in die Öf­fent­lich­keit ge­stellt. Bei Bands wie Bom­becks soll­te sog­ar über den Be­griff „Grau­zo­ne“ dis­ku­tiert wer­den, denn wer Lo­bes­hym­nen auf Na­zi­lä­den(De Kas­tel­ein) träl­lert und sein Musik u.a. als RAC be­zeich­net ist schon über die Grau­zo­ne hin­aus.~6.

Der Ver­an­stal­ter ver­tei­dig­te sich und seine Ver­an­stal­tung, ohne dabei auf die Kri­ti­ken an den Bands ein­zu­ge­hen.*7
Im Ver­lauf der Zeit waren wir nicht die Ein­zi­gen, die das „Oi The Ni­sche“ unter Be­ob­ach­tung stell­ten. Auf der Web­sei­te des Ver­an­stal­ters wurde das bis­her letz­te Kon­zert mit einem Umzug an­ge­kün­digt. Die Jahre vor­her fand die Ver­an­stal­tung fast immer in Schmach­ten­ha­gen im Gast­hof Nie­gisch statt, doch auf­grund eines Nach­barn geht dies nun nicht mehr, denn die­ser hat sich bei der Pres­se über an­hal­ten­de „Rechts­rock­kon­zer­te“ be­schwert. Statt auf Auf­klä­rungs­kurs zu gehen, oder sich zu über­le­gen, wie sol­che Bil­der ent­ste­hen, schreibt der Ver­an­stal­ter: „Wir he­cken schon Ra­che-?Plä­ne gegen be­sag­ten Nach­barn aus“*8. Das letz­te Kon­zert fand daher im Sport­ler­heim des FC Ein­tracht Ora­ni­en­burg statt. Wei­te­re Be­ob­ach­ter sind die Be­am­ten des po­li­zei­li­chen Staats­schut­zes. Die ört­li­che Zi­vil­ge­sell­schaft wun­der­te sich über die re­gel­mä­ßi­gen Auf­läu­fe von Skins, Punks und Ro­cka­bil­lys und frag­te bei der Tomek/Mega Ober­ha­vel an, um was für Per­so­nen es sich dabei han­delt. Diese gaben an, dass sich bei die­sem eher un­po­li­ti­schen Kon­zert auch junge Neo­na­zis aus Ora­ni­en­burg un­ter­mi­schen, die dem sub­kul­tu­rel­len rech­ten Cli­quen-?Mi­lieu an­ge­hö­ren. Dar­über hin­aus wur­den mehr­fach be­kann­te NPD/JN-?Ka­der wie der Nas­sen­hei­der An­dre­as Rot­kohl bei die­sem Kon­zert be­ob­ach­tet.

Auf­grund die­ser Fülle an neuen In­for­ma­tio­nen haben wir uns dazu ent­schlos­sen, dass „Oi The Ni­sche“ in die Re­cher­che­bro­schü­re*9 zu neh­men, wel­che im Sep­tem­ber er­schie­nen ist. An kei­ner Stel­le wurde er­wähnt, dass dort Neo­na­zi­kon­zer­te statt­fin­den oder der Ver­an­stal­ter sel­ber ein Neo­na­zi sei. An­statt nun viel­leicht doch mög­li­che Feh­ler zu re­flek­tie­ren, schrieb er auf sei­ner Web­sei­te ein „Ein­op­fe­rungs“text*10, indem er und seine „Ka­mern­os­sen“ sich als Opfer der „Rot­fa­schis­ten“ sah, die ihn in eine Neo­na­ziecke stel­len wol­len. Dem ge­gen­über ste­hen sei­ner Mei­nung nach die Nazis, die ihn in eine „linke“ Ecke stel­len wol­len. Ein Mus­ter­bei­spiel an Ex­tre­mis­mus­theo­rie zeig­te er, als er das üb­li­che „linke und rech­te sind das glei­che“-?Ge­schwa­fel vom Sta­pel ließ. In sei­nem Gäs­te­buch und in­zwi­schen auch auf un­se­ren Blog sind ähn­li­che Kom­men­ta­re von Men­schen zu lesen, die sich mit den Ver­an­stal­tern so­li­da­risch zei­gen. Auch brüs­tet sich der Ver­an­stal­ter damit, dass „eher linke mit dem eher rech­tem Pu­bli­kum aus­ge­las­sen“*11 mit­ein­an­der fei­ern. Auch eine Oi-?Punk-?Sei­te*12 so­li­da­ri­siert sich in­zwi­schen mit den Op­fern von „ein­zig wah­ren An­ti­fa­schis­ten“. Da­ne­ben haben die Ma­cher der Seite er­kannt, dass das Out­fit der An­ti­fa, der der SS gle­icht und diese wohl die neue Ge­sta­po/Stasi sei.

Beim nächs­tem Oi The Ni­sche, am 6.März sol­len u.a. die Ora­ni­en­bur­ger Band John­ny Wol­ga, die Pots­da­mer Band Don­key Work und die Ber­li­ner Goyko Schmidt spie­len.*13 Wir fin­den es gut, dass mit Don­key Work eine an­ti­fa­schis­ti­sche Band in Ora­ni­en­burg spielt, aber ob das Oi The Ni­sche der rich­ti­ge Ort ist, zwei­feln wir an.

Es liegt nicht in un­se­rem In­ter­es­se, Ver­an­stal­tung aus „will­kür­li­chen“ Mo­ti­ven zu kri­ti­sie­ren und zu de­nun­zie­ren. Eher be­trei­ben wir Auf­klä­rungs­ar­beit und zu die­ser ge­hört das Auf­de­cken von neo­na­zis­ti­scher und/oder rechts­of­fe­ner Ten­den­zen, die wie im ge­ge­be­nen Fall in der Grau­zo­ne lie­gen. Wir sind zwar der Mei­nung, dass Sub­kul­tu­ren wich­tig sind, denn Viel­fäl­tig­keit ist ge­ra­de in länd­li­chen Ge­bie­ten oft ein wich­ti­ger Teil des Kamp­fes gegen Neo­na­zis, aber um es mit den Wor­ten der letzt­jäh­ri­gen „Siemp­re An­ti­fa­scis­ta Ak­ti­ons­ta­ge“ zu sagen, „kick Nazis out of our sub­cul­tu­re“.


*1Rechts­of­fe­ne Band in Ora­ni­en­burg

*2 Ger­be­nok – Reich und Schwul
„[…]Reich und Schwul – so wie’s jed­er kennt/ Reich und Schwul – das die Ro¬set¬te bren­nt[…]“

*3 Ger­be­nok – die neuen Hip­pies
„[…]Ir­gend­wel­che Asy­lan­ten dea­len auf dem Bahn­hofs­klo[…]Schi­cken Kin­der auf den Strich[…]“

*4 Stärks­te Min­der­heit – Anti(?)Fa
„[…]Ihr seid wirk­lich nur zum Kot­zen. Dumm, ver­bohrt und igno­rant. Nichts als kom­mu­nis­ti­sche Fot­zen[…]An­ti­FA heißt Ar­ro­ganz, An­ti­FA – In­to­le­ranz[…]“

*5 Bom­becks – Whis­ky in mein Herz
„[…]Bin ge­spannt bei wel­cher Pussy ich heut’ land. Geil, streng und hunds­ge­mein, ja so muss ne’ „Lady“ sein.[…]“

*6 Oire Szene über Bom­becks

*7 Kom­men­ta­re nach Kri­tik

*8 „Ni­sche-?firm 05.?08.?2009“

*9 Re­cher­che­bro­schü­re

*10 “Ni­sche-?firm 25.?11.?2009“

*11 Ein­trag 215 im Gäs­te­buch des Oi The Ni­sche

*12 Pan­krotz

*13 Oi The Ni­sche 9

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen zu Grau­zo­nen gibt es auf:

Oire Szene

NSHC aus­schal­ten

Die Re­cher­che­bro­schü­re über Neo­na­zi­struk­tu­ren in Ober­ha­vel Süd(Stand Sep. 2009) gibt es hier

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