11. Juni 2008 · Quelle: Gruppe ISKRA

Sport frei!” & “Sieg Heil”

Nach dem Grup­pen­spiel der Fußball-EM zwis­chen Polen und Deutsch­land wurde ein­drucksvoll das öffentlich zur Schau gestellt, was aufmerk­samen Kritiker_innen schön längst bekan­nt war: Die Fußball-EM ist mehr als Sport und wird von einem Teil der deutschen Fans als Kampf unter Natio­nen ver­standen. Dass dieser Nation­al­is­mus offen aus­ge­tra­gen wird, zeigen nicht nur die Hooli­gan-Aktiv­itäten im öster­re­ichis­chen Kla­gen­furt, son­dern auch Krawalle im über­schaubaren Frank­furt (Oder), in jen­er Gren­zs­tadt, wo es zwis­chen Deutschen und Polen richtig kracht, wenn es um das gegen­seit­ige Kräftemessen geht.

Wenn Deutsch­land kickt, dann sind alle beisam­men. In Deutsch­land kann man zu Zeit­en eines inter­na­tionalen Fußball­wet­tbe­werbs das ent­deck­en, was ein Großteil der Deutschen ver­misst: Ein enges Ver­hält­nis zur eige­nen Nation, das Gefühl, nach Auschwitz endlich wieder Stolz sein zu dür­fen. Umso angenehmer, wenn sich die anges­taute Deutschtümelei im Kon­text des Fußball­wet­tbe­werbs lösen darf, wenn sich Deutsche mit ihren deutschen Sym­bol­en ein­deck­en kön­nen, wenn sie die Nation­al­hymne als Fange­sang sin­gen kön­nen, ganz popig, lock­er und unverkrampft eben. Der eine Teil der Fans meint dann, Fußball sei keine Poli­tik, der andere Teil sagt ganz unver­hohlen, Deutsch­land hätte ja sowieso aus der Geschichte gel­ernt (die Umset­zung des Mor­gen­thau-Plans wird damit aber nicht gemeint sein) und let­zten Endes jubeln dann sowieso alle zusam­men, egal ob poli­tisch oder nicht. Dabei hat auch der gemeine Deutsch­land­fan eine Affinität zum Charak­ter des Nation­al­is­mus, ob er nun will oder nicht. Bei Spie­len ist der Abgren­zung­sprozess genau­so vorhan­den, wie er im Kon­strukt Nation zu find­en ist. Natür­lich kön­nen Deutsche und Polen friedlich feiern, wer aber für wen jubelt, ist den Men­schen im wahrsten Sinne des Wortes schon ins Gesicht geschrieben. Die eigene Iden­tität wird aufge­hoben, um in der Masse, im Kollek­tiv, die Erlö­sung beim gemein­samen Tor­jubel zu find­en. Egal ob deutsche Nation oder deutsche Fußball­mannschaft, die Nor­mal­isierung des Ver­hält­niss­es zu ihnen bedeutet die Ein­forderung der Iden­ti­fika­tion des Einzel­nen mit der Masse. Um es auf den Punkt zu brin­gen: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche“ ist nicht nur ein passendes Zitat von Wil­helm II., um die Deutschen für den 1. Weltkrieg einzuschwören, son­dern kön­nte im über­tra­ge­nen Sinne genau­so von einem deutschen Fußball­fan kom­men, um die Gemein­schaft aller im Sta­dion gegen den Geg­n­er zu propagieren, denn „Auf dem Weg ins Sta­dion kön­nen alle poli­tis­chen Bedenken und Äng­ste get­rost zu Hause gelassen wer­den und es wun­dert nie­man­den, wenn der Fan­block in einem Meer von Deutsch­land­fah­nen versinkt. […] Denn im Sta­dion feiern Bun­deskan­z­lerin und das restliche ‘Volk’ gemein­schaftlich ihr Team.“, so in einem Text der Kam­pagne „Vor­run­de­naus“ aus dem Jahr 2006.

Dass es dann auch zu gewalt­täti­gen Auseinan­der­set­zun­gen kommt, bedarf kein­er weit­eren Erk­lärung. Die Iden­ti­fika­tion mit dem Fußball­team wird auf die Straße und auf das poli­tis­che Han­deln über­tra­gen. Zur Iden­ti­fika­tion gehört die Ablehnung „der Anderen“ dazu, wie das Amen zur Kirche. Nazis schla­gen zu, wenn Deutsche nicht für Deutsch­land jubeln oder suchen wie in Kla­gen­furt oder Frank­furt (Oder) die Auseinan­der­set­zung mit geg­ner­ischen, in diesem Fall pol­nis­chen Fans.

Damit sind zwar nicht alle deutschen Fußball­fans gle­ich Nazis, aber von ihrem Ausse­hen und ihren Sprechgesän­gen sind sie im allersel­testen Fall zu unter­schei­den. Der gemeine Fußball­fan ste­ht genau­so im Schwarz-Rot-Gold­e­nen-Jubel­mob wie der Nazi und er brüllt im gle­ichen Moment mit ihm zusam­men in voller Inbrun­st das „Deutsch­land! Deutsch­land!“ her­aus. Und damit ist die Tol­er­anz da und die pogro­mar­tige Stim­mung gegen alles Nicht-Deutsche geschaf­fen. Das hat bere­its die Recherche-Gruppe Frank­furt (Oder) zur Fußball-WM ein­drucksvoll dokumentiert:

Im Rah­men der FIFA Fußball-Welt­meis­ter­schaft im Som­mer 2006 in Deutsch­land kam es erneut zu mehreren Angrif­f­en und schließlich am 30. Juni zu hefti­gen Krawallen in der Frank­furter Innen­stadt, an denen sich FCV-Ultras beteiligten. Bere­its kurz nach dem Viertel­fi­nal­spiel Deutsch­land-Argen­tinien grif­f­en mehrere FCVler gegenüber der Kneipe ‘Hem­ing­ways’ in der Logen­straße einen Fan des Argen­tinis­chen Teams an. Kurz vor 21.00 Uhr attack­ierten zahlre­iche Deutsch­land-Fans Polizis­ten mit Feuer­w­erk­skör­pern und Flaschen in der Nähe der Kneipe ‘Movie’. Erst um 23.00 Uhr beruhigte sich die Lage. Im Rah­men eines Inter­views räumte ein Polizeis­prech­er im Okto­ber in der Märkischen Oderzeitung ein, dass die Anhänger von Vik­to­ria ‘bei der WM in Frank­furt auch durch Ran­dale und Ver­wen­den von Kennze­ichen ver­fas­sungswidriger Organ­i­sa­tio­nen aufge­fall­en sind’. Nach der Halb­fi­nal­begeg­nung gegen Ital­ien kam es erneut zu Angrif­f­en. Auf der Karl-Marx-Straße wurde ein PKW mit ein­er ital­ienis­chen Flagge attack­iert und beschädigt. Aus ein­er Gruppe von ca. 20 Per­so­n­en waren die Parolen ‘Straße frei der deutschen Jugend’, ‘Arbeit macht frei – Babels­berg 03′ und ‘Deutsch­land erwache’ zu hören.“

Unter FCV-Ultras sind recht­sex­treme Fußball­fans des FFC Vik­to­ria Frank­furt (Oder) gemeint. Sie treten schon seit Jahren in der Stadt auf und sind bekan­nt für ihre recht­sex­tremen Umtriebe, sind sie doch fest ver­ankert in der lokalen recht­sex­tremen Szene. So stellt die Recherche-Gruppe auch fest, dass Anhänger der FCV-Ultras an der Schän­dung des Gedenksteins der ehe­ma­li­gen Syn­a­goge am 9. Novem­ber 2006 beteiligt waren: „Am Vortag hat­ten zeitweise bis zu 40 lokale Neon­azis die Gedenkver­anstal­tung zum Jahrestag der Novem­ber­pogrome im Jahr 1938 belagert und später am Mah­n­mal für die niederge­bran­nte Syn­a­goge Kerzen und niedergelegte Kränze zerstört.“

Laut Bericht­en des Rund­funk Berlin-Bran­den­burg waren auch Anhänger der FCV-Nazi-Hools bei den gestri­gen Krawallen auf der Stadt­brücke dabei. Auf der Jagd nach pol­nis­chen Fans waren Nazis­prechchöre nicht zu über­hören, Hit­ler­grüße wur­den in die Kam­era gestreckt. „Sieben Deutsche, die sich weigerten, den Ort zu ver­lassen, seien über Nacht in Gewahrsam genom­men wor­den.“, berichtet Der Tagesspiegel.

Sollte Deutsch­land nicht in der Vor­runde auss­chei­den, dürfte dies nur ein Vorgeschmack auf weit­ere deutsche Über­griffe sein. Das Gerede vom friedlichen Fußballfest ist eine Farce. Die gewalt­täti­gen Täter_innen sind keine Ran­der­schei­n­ung, son­dern inmit­ten der deutschen Fußball­fans ver­ankert. Die Angriffe auf Andere sind dem Deutsch­landge­feiere imma­nent. Denn wenn wie 2006 zur Fußball-WM oder nun 2008 Sprechchöre wie das „Deutsch­land erwache“ zum Reper­toire der Fußball­fans gehören, dann wird die aggres­sive, nation­al­is­tis­che und anti­semi­tis­che Bedeu­tung des Wet­tkampfes für einen Teil der Deutschen deut­lich, welche vom anderen Teil der Deutschen durch Klei­dungscode und gemein­sames Jubeln stillschweigend toleriert wird. Das „Deutsch­land erwache“ ist hier­bei nur die eine Hälfte der gebrüll­ten Poli­tik, wie Max Heil­ge­mayr schon 1931 für den Vere­in zur Abwehr des Anti­semitismus analysierte:

Denn die Auf­forderung ‘Deutsch­land erwache’ ist ja nur der halbe Kriegsruf, nur der Vorder­satz. Kom­plett wird die Parole erst durch den Nach­satz ‘Juda ver­recke!’. Und dieser Nach­satz ist für die prim­i­tiv­en Köpfe, aus denen sich die Partei Adolf Hitlers zu min­destens neun Zehn­teln rekru­tiert, der plas­tis­chere. Dass Deutsch­land erwa
chen soll, das klingt ja recht nett, aber doch etwas abstrakt. Man kann sich alles und nichts darunter vorstellen. Aber dass die Juden ver­reck­en sollen, das ist eine Forderung, deren Inhalt und Wirkung auch dem größten Dummkopf plau­si­bel gemacht wer­den kann, und dies um so leichter, je mehr zu der Dummheit noch der Anreiz tritt, die rohesten Instink­te aus­to­ben lassen zu dür­fen und dadurch oben­drein noch ein gutes nationales Werk zu tun. Denn in sein­er Verbindung ‘Deutsch­land erwache, Juda ver­recke!’ bedeutet der Kampfruf der NSDAP ja doch, dass das Ver­reck­en der Juden die uner­läßliche Voraus­set­zung für das Erwachen, für den nationalen Wieder­auf­stieg Deutsch­lands bilde.“

Die anti­semi­tis­che Tra­di­tion der Deutschtümelei darf nicht ver­drängt wer­den. Es kann und darf daher keinen Jubel für das deutsche Fußball­team geben, Deutsch­land­fahne bleibt Deutsch­land­fahne, Nation­al­hymne bleibt Nation­al­hymne. Es gibt keinen unpoli­tis­chen Jubel mit nationalen Sym­bol­en und es gibt keinen unpoli­tis­chen Jubel zusam­men mit Antisemit_innen und Nationalist_innen. „Wer schweigt, stimmt zu.“, heißt es ganz richtig. Um ein „Wer jubelt, stimmt erst recht zu.“, muss dieser Satz beim Fußball ergänzt wer­den. Unpoli­tis­che Fußball­fans sind Mittäter_innen.

Und was soll man nun mit den gewalt­täti­gen Fußball­fans machen? Aufk­lärung ist leicht daher gesagt, denn im Mob, beim gemein­samen Jubel und Getöse, in der Masse, im Kollek­tiv, in der Ver­schmelzung des Einzel­nen im Gesamten wird es Nie­man­den geben, der in ein­er aggres­siv­en Atmo­sphäre auf den Pöbel einre­den kann. Kommt es zum Extrem­fall wie auf der Oder­brücke in Frank­furt (Oder), muss deut­lich gemacht wer­den, dass die Gewalt, die sie anderen Men­schen andro­hen auch zuweilen gegen sie Ver­wen­dung find­en kann. Oder um in den Worten Adornos zu enden: „Wo sie sich ern­sthaft vor­wa­gen bei anti­semi­tis­chen Man­i­fes­ta­tio­nen, müssen die wirk­lich zur Ver­fü­gung ste­hen­den Macht­mit­tel ohne Sen­ti­men­tal­ität ange­wandt wer­den, gar nicht aus Straf­bedürf­nis oder um sich an diesen Men­schen zu rächen, son­dern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, näm­lich wirk­lich gesellschaftliche Autorität, einst­weilen denn doch gegen sie steht.“

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