5. Oktober 2007 · Quelle: Junge Welt

Spurensuche in Jamlitz


»Das hats bei uns nicht gegeben!? Anti­semitismus in der DDR«: Hin­ter­gründe ein­er Ver­leum­dungskam­pagne über einen der »größten Skan­dale der DDR«

Ende Sep­tem­ber wurde die fed­er­führend von der Amadeu-Anto­nio-Stiftung betreute und vor­wiegend von der »Stiftung zur Aufar­beitung der SED-Dik­tatur« gespon­serte Wan­der­ausstel­lung »Das hat’s bei uns nicht gegeben! ? Anti­semitismus in der DDR« nach ihrer Pre­miere im April erneut in Berlin präsen­tiert. Weit­ere Sta­tio­nen wer­den in den näch­sten Wochen Fürsten­walde, die Berlin­er Bezirke Pankow und Neukölln, Pir­na und Bernau sein. Die hier (meist auf der Grund­lage von Akten der staatlichen Ermit­tlungs­be­hör­den) zusam­menge­tra­ge­nen Einzel­beispiele anti­semi­tis­ch­er Vor­fälle in der über 40jährigen Geschichte der DDR sollen das generelle Ver­dammung­surteil recht­fer­ti­gen: »Der Boden­satz blieb unangetastet«. 

Man wird lange in den Archiv­en der im Springer-Ver­lag erscheinen­den Tageszeitung Die Welt suchen müssen, um eine Übere­in­stim­mung des Blattes mit dem ost­deutschen Faschis­mus­forsch­er Prof. Dr. Kurt Pät­zold zu find­en. In ein­er umfan­gre­ichen Würdi­gung der Anti­semitismus-Ausstel­lung gibt es aber eine solche. »Sach­lich dur­chaus richtig«, resümiert Die Welt einen ND-Beitrag des His­torik­ers vom 7. April dieses Jahres, »faßt Pät­zold die Ker­naus­sagen der Ausstel­lung zusam­men: ?Der unterge­gan­gene deutsche Staat soll seines Charak­ters als antifaschis­tis­ches Staatswe­sen entk­lei­det wer­den. Daß er sich so darstellte, wird als bloße Lüge zum Zwecke sein­er Legit­i­ma­tion dargestellt. In Wahrheit habe er die Hin­ter­lassen­schaften des Naziregimes, hier Boden­satz genan­nt, unange­tastet belassen?.« (Die Welt, 27. Juli 2007, S. 30: »Die Opfer weisen viel Zah­n­gold auf«) 

Am 30. Juli wird dieser Artikel noch ein­mal bei Wel­tOn­line nachgere­icht ? mit ein­er ver­schärften Schlagzeile: »Stasi schän­dete die Leichen von KZ-Opfern«. Die Ausstel­lung zeige, daß Anti­semitismus in der DDR »alltäglich war«, heißt es in der Ein­leitung und: »Die schock­ierend­ste Erken­nt­nis der Aufar­beitung: Stasi-Mitar­beit­er raubten die Zah­n­fül­lun­gen jüdis­ch­er KZ-Opfer«. Bezug genom­men wird auf eine der 36 Ausstel­lungstafeln. Was hier zu sehen ist, wird ? drei Wochen nach dem Pät­zold-Beitrag ?im Neuen Deutsch­land vom 27. April wie fol­gt resümiert: »Eine Tafel beschreibt, wie 1971 im bran­den­bur­gis­chen Jam­litz ein Mas­sen­grab ehe­ma­liger jüdis­ch­er KZ-Häftlinge ent­deckt wurde und wie MfS-Mitar­beit­er, bevor die men­schlichen Über­reste ent­ge­gen jüdis­chem Brauch­tum feuerbestat­tet wur­den, ihnen ins­ge­samt ?1080 g Zähne und Zah­n­prothe­sen? ent­nah­men.« (Die Welt: »Irri­tierend ist, daß aus­gerech­net das PDS-Blatt Medi­en­part­ner der Ausstel­lung ist.«) 

Fol­gt man dieser Darstel­lung, so bietet Jam­litz in der Tat den Stoff, mit dem ? über das ein­stige Min­is­teri­um der Staatssicher­heit der DDR als immer willkommen­em Vehikel ? im Geiste der Total­i­taris­mus­dok­trin eine der übel­sten Aktio­nen zur Dele­git­imierung des Antifaschis­mus der DDR insze­niert wer­den kann. Willkommene Gele­gen­heit auch, jenen Mitar­beit­ern des MfS am Zeug zu flick­en, die zu DDR-Zeit­en dazu beige­tra­gen haben, die tief­braunen West­en und so manche blut­be­fleck­te Hand bun­des­deutsch­er Promi­nenz ans Licht zu holen.

Rück­blende Jam­litz 1945

Ende 1942/Anfang 1943 beschloß die Reichs­führung der SS, vier neue Trup­penübungsplätze zu erricht­en. Ein­er davon, »der größte Trup­penübungsplatz der deutschen Waf­fen-SS in Europa«, so entsch­ied der ober­ste SS-Führer Hein­rich Himm­ler, sollte in der »Kur­mark, Kern­land der Mark Bran­den­burg« entste­hen. Dazu brauchte man bil­lige Arbeit­skräfte. Deshalb wurde im Herb­st 1943 in dem Dorf Jam­litz, etwa vier Kilo­me­ter von der bran­den­bur­gis­chen Ortschaft Lieberose ent­fer­nt, im Umfeld des dor­ti­gen Bahn­hofs das Konzen­tra­tionslager Lieberose (SS-intern »Liro«) als Neben­lager des KZ Sach­sen­hausen gebaut. Tausende Häftlinge aus fast allen Län­dern Europas, vor allem pol­nis­che und ungarische Juden, kamen bei den dort herrschen­den mörderischen Arbeits­be­din­gun­gen ums Leben. Das KZ wurde von der SS als »Straflager« geführt. 

Den größten Anteil stell­ten Jugendliche und Män­ner, die bei den Selek­tio­nen im KZ Auschwitz für arbeits­fähig erk­lärt und auf Trans­port nach Liebrose geschickt wor­den waren. Für sie galt die Losung des Lagerkom­man­dan­ten Wil­helm Ker­sten: »Die Juden müssen zit­tern!« Anfang Feb­ru­ar 1945 begann angesichts der näher­rück­enden Roten Armee die »Evakuierung« der Häftlinge, von denen viele in Sach­sen­hausen in der »Sta­tion Z« umge­bracht wur­den. Am 2. Feb­ru­ar wur­den die im Lager verbliebe­nen kranken, marschun­fähi­gen Häftlinge auf Last­wa­gen zu ein­er Kies­grube gefahren und dort von SS-Ein­heit­en abge­laden, erschossen und verscharrt. 

Nach 1945 wurde das Lager Jam­litz von der sow­jetis­chen Besatzungs­macht über­nom­men; es diente von Sep­tem­ber 1945 bis April 1947 als Internierungslager für Nazi­ak­tivis­ten und dem NKWD als »Spezial­lager Nr. 6«, in dem auch zu Unrecht festgenommene Men­schen inhaftiert waren.

Rück­blende Jam­litz 1971

Im Mai 1971 stoßen Bauar­beit­er in der Nähe des Dor­fes Staakow in ein­er nicht mehr aus­ge­beuteten Kies­grube auf die Gebeine der dort von der SS ver­schar­rten Men­schen. Daraufhin übernehmen Ange­hörige der Volk­spolizei die Grabun­gen. Sie fördern weit­ere Skelet­teile und Schädel mit Ein­schußlöch­ern am Hin­terkopf zutage. Fed­er­führend für die ersten Ermit­tlun­gen wird die Bezirksstaat­san­waltschaft in Cot­tbus. Schnell ste­ht fest, daß es sich hier um die Skelette der ermorde­ten Häftlinge aus den Feb­ru­arta­gen des Jahres 1945 han­delt ? das größte Mas­sen­grab aus der Zeit des Faschis­mus, das auf DDR-Boden gefun­den wurde. 

Darum wird die Bezirksver­wal­tung des Min­is­teri­ums für Staatssicher­heit (MfS) ver­ständigt, die ein Ermit­tlungsver­fahren ein­leit­et zur Aufk­lärung des Ver­dachts eines NS-Ver­brechens gegen die Men­schlichkeit. Dafür gibt es im Min­is­teri­um die Haupt­abteilung IX/10, eine Spezial­abteilung zur Unter­suchung von Nazi- und Kriegsver­brechen sowie Ver­brechen gegen die Men­schlichkeit. Die Gen­er­al­staat­san­waltschaft in Berlin zieht das Ermit­tlungsver­fahren an sich. Gerichtsmedi­zin­er aus Dres­den begin­nen mit der Exhumierung und den Ermit­tlun­gen zu Todesur­sachen, Geschlecht, Alter, Herkun­ft der Opfer.
Eine Gedenkstätte für die Opfer
Par­al­lel zu den Ermit­tlun­gen nach noch leben­den Tätern fahren MfS-Mitar­beit­er nach Budapest, um hier Aufk­lärung über die Opfer zu erhal­ten, da die Hin­ter­lassen­schaften der SS keine per­so­n­en­be­zo­ge­nen Dat­en der Ermorde­ten enthiel­ten. So kon­nten auch keine Ver­wandten ermit­telt und befragt wer­den. Ein Umstand, der mit dazu beige­tra­gen hat, die ursprüngliche Absicht aufzugeben, die Skelette der Exhumierten nach Abschluß der gerichtsmedi­zinis­chen Unter­suchun­gen und ihrer fol­gen­den Freiga­be in 30 Sär­gen in der Gedenkstätte Sach­sen­hausen beizuset­zen. Die sterblichen Über­reste wur­den am 24. Mai 1971 in das Kre­ma­to­ri­um Forst zur Feuerbestat­tung über­führt. Das entsprach der dama­li­gen Bestat­tung­sor­d­nung. Das Kul­tur­min­is­teri­um entsch­ied, in Lieberose/Jamlitz eine Gedenkstätte einzurichten. 

So geschah es. Auf einem Hügel neben dem Fried­hof von Lieberose wurde ein Ring­grab angelegt, in dessen Mitte bei ein­er feier­lichen Zer­e­monie am 12. Sep­tem­ber 1971 eine Urne mit der Asche der Toten beige­set­zt wurde. Am 6. Mai 1973 erfol­gte die Ein­wei­hung des Mah­n­mals, ein­er wei­thin sicht­baren Mauer, auf der neben einem roten Wi
nkel die unmißver­ständliche, und nicht ? wie heute immer noch behauptet ? auf kom­mu­nis­tis­che Wider­stand­skämpfer einen­gende Inschrift zu lesen ist: »Ehren­des Gedenken den Opfern des Faschis­mus, die im Neben­lager Lieberose/Jamlitz des KZ Sach­sen­hausen von der SS ermordet wur­den. 1943?1945«. Am 12. Sep­tem­ber 1983 schließlich kon­nte ein Muse­um am Fuße des Mah­n­mals eröffnet werden.

Penible Protokollführung

Dr. Kar­li Coburg­er war zur dama­li­gen Zeit Oberst und stel­lvertre­tender Leit­er der Haupt­abteilung IX/10 im MfS. Im jW-Gespräch schildert er Mitte Sep­tem­ber 2007 die kom­plizierten Bergungsar­beit­en durch die Gerichtsmedi­zin­er. Diese stell­ten bei den Grabun­gen fest, daß »sich Goldzähne und andere Zahnkon­struk­tio­nen von den Kör­pern gelöst hat­ten bzw. bei der Exhumierung durch Aus­trock­nung her­aus­fie­len. Eine Zuord­nung der gefun­de­nen Gegen­stände zu den einzel­nen Toten war nicht mehr möglich. Da es sich aber um mögliche Beweise han­delte, die eventuell Auskun­ft über die Herkun­ft der Toten geben kon­nten, und auch, um ille­gale Zugriffe von Drit­ten auszuschließen, wur­den diese Gegen­stände gesam­melt. Noch mit den skelet­tierten Kör­pern fest ver­bun­dene Goldzähne und Kon­struk­tio­nen verblieben selb­stver­ständlich in dem aufge­fun­de­nen Zustand.« 

In einem »Sach­stands­bericht zum Unter­suchungsvor­gang gegen ?Unbekan­nt?« der Cot­tbuser Bezirksver­wal­tung des MfS vom 27. Mai 1971 wird fest­gestellt, daß auf­grund des Zahn­sta­tus und ander­er Kri­te­rien, die eine Alters­bes­tim­mung möglich macht­en, ein Durch­schnittsalter zwis­chen 25 und 35 Jahren, aber auch von Per­so­n­en unter 18 und bis zu 60 Jahren ermit­telt wurde. »Durch das Gerichtsmedi­zinis­che Insti­tut Dres­den wird ver­sucht, die Nation­al­ität auf der Grund­lage der Bes­tim­mungen der Blut­grup­pen festzustellen. Außer­dem wer­den in Verbindung mit einem Stom­a­tolo­gen Unter­suchun­gen des Zahn­sta­tus vorgenom­men, um ins­ge­samt aus­sagekräftige Hin­weise zur Nation­al­ität geben zu können.« 

Alle Vorgänge der Exhumierung sind peni­bel pro­tokol­liert. »Wir hat­ten nichts zu ver­ber­gen und waren uns in Erin­nerung an die faschis­tis­chen Ver­brechen der hochsen­si­blen Prob­lematik voll bewußt«, sagt Coburg­er. Vor der Feuerbestat­tung sind, laut einem Pro­tokoll der MfS-Bezirksver­wal­tung vom 17. Mai 1971, die aufge­fun­de­nen Gold­prothe­sen »durch die Gerichtsmedi­zin Dres­den an das Unter­suchung­sor­gan übergeben« wor­den. Die am Tatort gefun­de­nen per­sön­lichen Gegen­stände der Toten (Medail­lons, Schnitz­fig­uren u.a.) wur­den, da das Ermit­tlungsver­fahren noch nicht abgeschlossen war, ein­schließlich des gebor­ge­nen Zah­n­goldes als Beweis­ma­te­r­i­al in den Asser­va­ten­de­pots des MfS auf­be­wahrt. Ein Akten­ver­merk der zuständi­gen Haupt­abteilung IX/10 des MfS vom 27. Juli 1972 hält dazu fest: »Die zusam­men mit dem Gutacht­en der Gerichtsmedi­zin übergebe­nen Gegen­stände, ein­schließlich der Edel­met­alle, sind als Beweis­ma­te­r­i­al zu betra­cht­en und dementsprechend zu sich­ern.« Dazu Kar­li Coburg­er: »Es kon­nte nicht aus­geschlossen wer­den, daß aus dem In- und Aus­land doch noch neue Erken­nt­nisse einge­hen, die zur Iden­ti­fizierung einzel­ner Opfer oder zur Wieder­auf­nahme des Ermit­tlungsver­fahrens hät­ten führen können.« 

Laut ein­er »Ver­fü­gung« vom 3. März 1975 »in der Straf­sache gegen Unbekan­nt wegen Ver­brechens gegen die Men­schlichkeit im ehe­ma­li­gen KZ Sach­sen­hausen, Außen­lager Lieberose, wird das Ver­fahren gemäß § 150 (1) StPO vor­läu­fig eingestellt.« Für die Durch­führung des Ver­brechens seien nach den bish­eri­gen Fest­stel­lun­gen »min­destens 18 ehe­ma­lige SS-Ange­hörige ver­ant­wortlich. Zwei der Täter sind nach­weis­lich gestor­ben. Zur Auffind­ung der übri­gen 16 Täter wur­den umfan­gre­iche Maß­nah­men ein­geleit­et, die bish­er ergeb­nis­los ver­laufen sind. Daher wird das Ver­fahren vor­läu­fig eingestellt.« 

»Vor­läu­fig eingestellt«, das heißt ein­deutig, der »Vor­gang« ist nicht abgeschlossen und kann jed­erzeit wieder aufgenom­men wer­den. Entsprechend war also auch mit dem Beweis­ma­te­r­i­al umzugehen.
»Ver­wahrung« statt »Abver­fü­gung«
In einem Ver­merk eines Haupt­manns der Cot­tbuser Bezirksver­wal­tung des MfS vom 26. März 1975 heißt es: »Nach Rück­sprache mit Gen. Oberst Coburg­er, stel­lv. Leit­er der HA IX, ist das Gold aus dem Vor­gang gegen Unbekan­nt im derzeit­i­gen Zus­tand, eingeschweißt, an die HA IX/10 zu übersenden. Es ver­fol­gt Ver­wahrung bei der Kasse des MfS…« Dazu gibt es ein »Über­gabe­pro­tokoll« vom 30. Mai 1975: »Am heuti­gen Tage, 30.5.75, wer­den der Haupt­abteilung IX/10 aus dem Unter­suchungsvor­gang gegen ?Unbekan­nt? wegen Kriegs- und Naziver­brechen ins­ge­samt 1080 g (ein­tausendachtzig) Zah­n­gold mit Zäh­nen (ver­packt in einem Plas­tik­beu­tel) zur weit­eren Ver­wen­dung übergeben.« »Ver­wen­dung«, das heißt, wie ein weit­eres Über­gabe­pro­tokoll mit Datum vom 16. Juli 1975 präzisiert, daß laut Weisung von Coburg­er diese 1080 Gramm »Zah­n­gold und Zah­n­prothe­sen mit Gold« dem Leit­er der Abteilung Finanzen »zur Ver­wahrung übergeben« wur­den. »Die Ver­wahrung soll sich vom Datum der Über­gabe an auf fünf Jahre erstreck­en. Nach Ablauf dieser Frist erfol­gt die Entschei­dung über den weit­eren Ver­lauf. Die Her­aus­gabe kann nur mit Genehmi­gung des Leit­ers der HA IX oder seines Stel­lvertreters erfol­gen. Das Gold wird in einem mit der Petschaft Nr. 8011 ver­siegel­ten Päckchen übergeben.« 

Dann gerät der Vor­gang als abgeschlossen in Vergessen­heit. Das Päckchen liegt irgend­wo in den Panz­er­schränken des Min­is­teri­ums. Ein Pro­tokoll über eine »Abver­fü­gung« oder eine Ver­ar­beitung existiert nicht. Coburg­er, der im übri­gen wed­er von einem der so eifrigen Enthül­lungsjour­nal­is­ten noch von den Ausstel­lungs­mach­ern befragt wor­den ist, schließt die Möglichkeit nicht aus, daß sich wom­öglich auch jemand in den »wirren Tagen nach der »Wende« unko­r­rekt ver­hal­ten hat. Der Abteilung Finanzen sei bei der Auflö­sung des MfS von der Staats­bank jeden­falls die völ­lige Kor­rek­theit ihrer Bestände und Unter­la­gen bestätigt wor­den. Darüber gebe es auch ein Protokoll.

Rück­blende Jam­litz 2001

Nicht das Päckchen mit der Petschaft Nr. 8011, aber die Geschichte mit der Sicherung des Goldes bei der Exhumierung der Opfer des Faschis­mus aus dem Maita­gen des Jahres 1971 taucht drei Jahrzehnte später wieder auf. Allerd­ings nicht als Erin­nerung an das SS-Mas­sak­er in Jam­litz oder die Bemühun­gen der Gerichtsmedi­zin­er, der Jus­tiz und des MfS bei der Bergung der Opfer. Der Ost­deutsche Rund­funk Bran­den­burg gibt am 2. Okto­ber 2001, als Beitrag zum »Tag der deutschen Ein­heit«, in der Sendung »Klar­text« über die »geschän­de­ten KZ-Opfer von Jam­litz« den Auf­takt zur Ver­leum­dungsak­tion. Zwei Tage später mutiert das Geschehene in der Bild-Zeitung zu einem »der größten Skan­dale der DDR«. Über­schrift: »Leichen von KZ-Häftlin­gen gefled­dert«. Natür­lich durch die »Stasi«. »Sie hat­te es auf das Gold der KZ-Opfer abge­se­hen.« Sie hat »nach ihrem elen­den Tod die Nazi-Opfer nochmals mißbraucht. Aus­gerech­net in Erich Honeck­ers ?antifaschis­tis­ch­er? DDR.« Bild spricht von einem »unglaublichen Skan­dal«. Antenne Bran­den­burg ver­meldet die »Plün­derung eines Massengrabs«

.

Mit etwas Abstand und weniger Krawall brachte die Süd­deutsche Zeitung einen ganz­seit­i­gen Beitrag. In dem find­en sich einige auf­schlußre­iche Details aus der Erin­nerung von Dr. Karl-Heinz Frank, der damal
s an den gerichtsmedi­zinis­chen Unter­suchun­gen beteiligt war. Sie fan­den wed­er bei Bild noch Welt Erwäh­nung. Denn: Frank bestätigte weit­ge­hend die Darstel­lun­gen von Kar­li Coburg­er: »An der Böschung liegen schräg an der Hangebene in einem 24 Meter lan­gen und zwei bis vier Meter bre­it­en Streifen die Skelette in mehreren Schicht­en, meist quer zum Hang oder mit Kopf und Brust ober­fläch­lich, Beck­en und Beine von anderen Schicht­en bedeckt bzw. mit dem Kopf in der Tiefe und die Beine anderen Skelet­ten aufliegend. (…) Die Toten mußten ein­fach abgekippt wor­den sein, ihre Knochen lagen unter- und übere­inan­der, die Bergung war schwierig. Auf ein­er planierten Fläche wur­den die Skelette in Rei­hen aufge­bahrt und begutachtet.« Dr. Frank weit­er: »Ein Teil des Zah­n­golds war lose.« Die Kiefer seien durch Schüsse zertrüm­mert, Schädel von Baumwurzeln durchwach­sen gewe­sen, Brück­en und Prothe­sen hät­ten im Sand gele­gen oder sich beim Umbet­ten gelöst. Es gab Bedenken, daß etwas ver­lorenge­ht oder gestohlen wird. Also hät­ten die Ärzte alles, was lose war, auch »das Zah­n­gold in Beuteln gesam­melt. Für jedes Skelett einen Beu­tel.« Das alles, so Frank, sei 30 Jahre her, an viele Details erin­nere er sich nicht mehr. »Er wisse nur, daß es keine Anord­nung gab, Zah­n­gold her­auszubrechen«, notierte die Süd­deutsche Zeitung (8. Novem­ber 2001, S. 3: »Das Erbe ein­er dop­pel­ten Vergangenheit«)

Infamie mit Totschlagkeule

Als Kro­nzeuge dieses exem­plar­ischen Beitrags zur staatlich verord­neten »Dele­git­imierung der DDR« (Klaus Kinkel im Jahr 1991 als Bun­desjus­tizmin­is­ter), die nun 2007 in der Wan­der­ausstel­lung zu einem Kern­be­weis für den »Boden­satz« Anti­semitismus in der DDR neu aufgelegt wird, dient der als »His­torik­er« beze­ich­nete Andreas Weigelt. In der kleinen KZ-Gedenkstätte Lieberose hat­te er eine ABM-Stelle zur Erforschung der bei­den Lagergeschicht­en von Jam­litz erhal­ten. Die Süd­deutsche weiß: »Inzwis­chen bezahlt eine Stiftung seine Stelle und die Fahrten in die Archive nach Berlin, Pots­dam, Moskau. In Cot­tbus fand er die Ermit­tlungsak­te Nr. 73 der Stasi.« 

Das ist die Akte mit dem gesamten Vor­gang Jam­litz und allen hier aufge­führten MfS-Doku­menten, die auch dem Autor (mit dem bei der Birth­ler-Behörde gebräuch­lichen Stem­pel »Kopie BStU«) vor­liegen. Sie wer­den nun von Weigelt auseinan­dergenom­men, in Frage gestellt, nach Gut­dünken inter­pretiert und aus­gedeutet. Der ob der Brisanz der Angele­gen­heit nachvol­lziehbare vor­sor­gliche Ver­merk eines Mitar­beit­ers der DDR-Gen­er­al­staat­san­waltschaft ? »Die Opfer weisen zum Teil viel Zah­n­gold auf. Dieser Fak­tor darf bei der Umbet­tung nicht ganz unberück­sichtig bleiben« ? wird als Auf­forderung zum Raub inter­pretiert. »Er bleibt nicht unberück­sichtigt«, kom­men­tiert denn auch Die Welt am 27. Juli 2007. »Den weit­ge­hend ver­west­en Leichen ent­nehmen (!) Män­ner der Staatssicher­heit ins­ge­samt 1080 Gramm Zah­n­gold, bevor die Leichen ent­ge­gen dem jüdis­chen religiösen Recht eingeäschert wer­den.« Und dann die Stasi-Totschlagkeule: »Erschüt­ternd daran: Nicht wesentlich anders haben es auch die Nazis gehal­ten ? der SS-Haupt­sturm­führer Bruno Melmer lieferte ab 1942 ins­ge­samt 76mal Zah­n­gold bei der dama­li­gen Reichs­bank ab. Es war in den Ver­nich­tungslagern aus den Kiefern ermorde­ter Juden her­aus­ge­brochen worden.« 

Es gehört schon eine ganze Por­tion Infamie dazu, die Bergung der Opfer eines faschis­tis­chen Massen­mordes mit der indus­triemäßi­gen Ermor­dung der Juden in den Ver­nich­tungslagern und der Ver­w­er­tung des dabei ger­aubten Goldes für die Kriegs­führung des Regimes durch die Fir­ma Degus­sa auf eine Stufe zu stellen. Und was die Gle­ich­set­zung des MfS mit den für die Juden­ver­fol­gung und ‑ermor­dung Ver­ant­wortlichen ange­ht: Erst dieser Tage ist auf ein­er Ver­anstal­tung in Frankfurt/Main neuer­lich belegt gewor­den, in welchem Aus­maße in der Alt-BRD die Grün­derväter des Bun­deskrim­i­nalamtes von »Juden­ver­fol­gern zu Kom­mu­nis­ten­jäger« wer­den konnten. 

Die angeprangerte Einäscherung der Exhumierten und die damit ver­bun­dene Ver­let­zung jüdis­chen Brauch­tums ist sich­er aus heutiger Sicht nicht nachvol­lziehbar und nur aus der Zeit erk­lär­bar. Sie und die Ereignisse in Jam­litz ins­ge­samt jedoch als »nur ein wenig bekan­ntes Beispiel für den Anti­semitismus in der ver­meintlich antifaschis­tis­chen DDR« und eines von vie­len »Beispie­len für die Juden­feind­schaft unter dem SED-Regime« (Die Welt) darzustellen, bestätigt die ein­gangs zitierte Fest­stel­lung des Springerblattes, nach der die Bew­er­tung dieser Wan­der­ausstel­lung durch Kurt Pät­zold »sach­lich dur­chaus richtig« ist: Die DDR soll ihres Charak­ters als antifaschis­tis­ch­er Staat entk­lei­det werden …

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