29. Mai 2003 · Quelle: MAZ / Lausitzer Rundschau

Staatsanwalt Kai Clement im Potzlow-Prozess: “Ich war schockiert”


MAZ

 

Kühl und ohne Gefühlsre­gung berichtet Mar­cel, wie er Mar­i­nus umbrachte

 

NEURUPPIN Am Dien­stag, dem 19. Novem­ber 2002, — vier Tage nach der Ent­deck­ung von Mar­i­nus Schöberls Leiche — machte Staat­san­walt Kai Clement eine unheim­liche Beruf­ser­fahrung. “Ich war schock­iert”, sagte der Ermit­tler am Mittwoch als Zeuge im Neu­rup­pin­er Landgericht. Es war der zweite Ver­hand­lungstag im Pot­zlow-Prozess, in dem die Brüder Mar­cel und Mar­co S. aus Pot­zlow sowie der 18-jährige Sebas­t­ian F. aus Tem­plin wegen des Ver­dachts vor Gericht ste­hen, aus men­schen­ver­ach­t­en­den, recht­sex­trem­istis­chen Motiv­en einen Men­schen ermordet zu haben.

 

“Kühl” und “ohne Emo­tio­nen” habe der damals 17-jährige Mar­cel S. in sein­er Vernehmung berichtet, wie er vier Monate zuvor Mar­i­nus in einem Schweinestall getötet hat­te, berichtete Clement. “An kein­er Stelle war eine Gefühlsre­gung zu erken­nen.” Nicht bei der Schilderung des Sprunges auf Mar­i­nus Kopf, der danach “Matsch gewe­sen” sei, wie Mar­cel sich aus­ge­drückt habe. Nicht, als Mar­cel von dem Gas­be­ton­stein sprach, den er zweimal gezielt auf den Kopf des Ster­ben­den schmetterte. Kai Clement wirkt anges­pan­nt. Im Gerichtssaal ist es still.

 

Dass Jugendliche Schreck­lich­es bege­hen kön­nten, sagt Clement, habe er gewusst. Er habe jedoch gedacht, dass sie unter ihrer Tat lit­ten und sie bereuten. Seit damals weiß der Staat­san­walt es bess­er. “Es war anders als bei anderen Vernehmungen.”

 

Die Sit­u­a­tion muss unwirk­lich gewe­sen sein. “Wie ein Kinder­gartenkind, das sich freut, etwas bericht­en zu kön­nen”, sei ihm der 17-Jährige erschienen, erin­nert sich Richter Olaf Zech, der die Vernehmung leit­ete. Mehrfach habe er den jun­gen Mann auf sein Recht hingewiesen, sich zuvor mit einem Anwalt zu berat­en. Mar­cel wollte nicht. Dann redete er, “sehr flüs­sig und von sich aus”, so Richter Zech. Mar­cel schien “wed­er bedrückt noch stolz auf die Tat”. Er habe nie ver­sucht, die zwei Mitangeklagten zu belas­ten.

 

Nach Marcels Geständ­nis starb Mar­i­nus Schöberl fol­gen­der­maßen: Mar­cel, sein damals 23-jähriger Brud­er Mar­co sowie Marcels Kumpel Sebas­t­ian F. tranken am Abend des 12. Juli 2002 Alko­hol in der Woh­nung eines Bekan­nten. Auf dem Weg, Nach­schub zu holen, trafen sie zufäl­lig Mar­i­nus, der sich anschloss. Mar­i­nus und Mar­cel kan­nten sich recht gut. Sie tranken nun gemein­sam, es blieb friedlich.

 

Erst nach Mit­ter­nacht, in ein­er anderen Woh­nung, wurde Mar­i­nus belei­digt und geschla­gen. Die maßge­bliche Aggres­sion ging wohl von Mar­co aus, der plöt­zlich meinte, Mar­i­nus sei Jude. Mar­co — begabt mit einem IQ von deut­lich unter 60 — glaubte, dies an Mar­i­nus blond gefärbten Haaren und dessen weit geschnit­ten­er Hose erken­nen zu kön­nen. Die Gewalt steigerte sich. Sebas­t­ian urinierte auf den am Boden Liegen­den, ein anderes Mal schlug er Mar­i­nus so kräftig, dass er vom Stuhl fiel.

 

Dann radel­ten die Täter davon und ließen den betrunk­e­nen Mar­i­nus im Haus der Bekan­nten zurück. Bald kehrten sie jedoch zurück, zer­rten Mar­i­nus auf die Straße und fuhren zu ein­er ver­lasse­nen LPG. Die Täter waren wohl nicht so betrunk­en, dass sie nicht mehr wussten, was sie tat­en.

 

Im Schweinestall wurde Mar­i­nus erneut mis­shan­delt. Mar­cel forderte Mar­i­nus “aus Spaß” auf, in eine Steinkante auf dem Stall­bo­den zu beißen. Mar­i­nus wurde wohl von Mar­co und Mar­cel in die Knie gezwun­gen. Der Vor­gang wieder­holte sich. Mar­co, Mar­cel und Sebas­t­ian standen bei Mar­i­nus, der am Boden in die Steinkante biss. In dem Augen­blick erin­nerte sich Mar­cel an einen Film, in dem ein Neon­azi einen am Boden liegen­den Schwarzen umbringt. Nach diesem Vor­bild sprang Mar­cel mit seinen Springer­stiefeln auf Mar­i­nus Kopf. Sebas­t­ian wollte sich ent­fer­nen und sagte, er wolle damit nichts zu tun haben. Mar­co meinte, Mar­i­nus, der schwach röchelte, müsse nun umge­bracht wer­den. Mar­co und Mar­cel sucht­en im Stall nach einem geeigneten Gegen­stand. Mar­cel fand einen Gas­be­ton­stein mit 30 Zen­time­tern Kan­ten­länge. Er warf zweimal.

 

LAUSITZER RUNDSCHAU

 

Die mut­maßlichen Mörder des 16-jähri­gen Schülers Mar­i­nus aus Pot­zlow
(Uck­er­mark) haben Zeu­gen zufolge auch Monate nach der Tat kein
Mit­ge­fühl für ihr
Opfer gezeigt.

 

“Ich war über ihr Ver­hal­ten beim Haftrichter schock­iert”, sagte ein
Staat­san­walt gestern vor dem Landgericht Neu­rup­pin. Die drei
Angeklagten schweigen
bis­lang im Prozess zu den Tatvor­wür­fen und zeigen auch vor Gericht
keine
Gefühlsre­gung.
Zwei 18 und 24 Jahre alte Brüder räumten am ersten Prozesstag in
schriftlichen Geständ­nis­sen ein, den Schüler stun­den­lang gequält und
dann getötet zu
haben. Der dritte, eben­falls 18-jährige Angeklagte gab nur zu, das
Opfer
geschla­gen zu haben.

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