29. April 2013 · Quelle: Antifaschistische Recherche_Potsdam//Umland

Stadtsportbund unterstreicht seine Ohnmächtigkeit gegen Neonazis in den eigenen Reihen

Unsere Veröffentlichung vom 8. April 2013 unter dem Titel „Potsdamer Neonazis auch 2013 sportlich?“ [1] erzeugte in den letzten Tagen ein Medienecho und verschiedene Reaktionen Potsdamer Sportvereine und des Stadtsportbundes. [2]

Nach den Bericht­en über weit­ere Neon­azis in städtis­chen Sport­clubs wurde am 16. April 2013 eilig die Satzung des Stadt­sport­bun­des geän­dert. Bere­its seit mehreren Monat­en wur­den über­ar­beit­ete Pas­sagen angekündigt, jedoch nicht eingear­beit­et. Ein­stim­mig beschlossen alle Pots­damer Vere­ine nun den Satzungszusatz: „Die Vere­ine treten Gewalt, Recht­sex­trem­is­mus und Frem­den­feindlichkeit und anderen For­men des Extrem­is­mus öffentlich klar ent­ge­gen“. Damit sind dann auch soge­nan­nte “Linksextremist_innen” gemeint, die in fein­ster Extrem­is­mus­rhetorik mit Neon­azis gle­ichge­set­zt wer­den, zu denen der Ver­fas­sungss­chutz “die Antifa” oder auch die Linkspartei zählt.

In jüng­ster Ver­gan­gen­heit gab es immer wieder Debat­ten um die soge­nan­nte “Extrem­is­musklausel” der derzeit­i­gen Bun­desregierung. Diese Klausel, nach der Vere­ine, die staatliche Förderung erhal­ten, sich zur “frei­heitlichen demokratis­chen Grun­dord­nung” beken­nen sowie dies eben­so für etwaige Kooperationspartner_innen garantieren sollen, ent­stand unter Fed­er­führung der Fam­i­lien­min­is­terin Schröder in Zusam­me­nar­beit mit dem Ver­fas­sungss­chutz. Wis­senschaftlich ist der Extrem­is­mus­be­griff keineswegs halt­bar, ori­en­tiert er sich doch an der stark umstrit­te­nen Total­i­taris­mus­the­o­rie. Ser­iöse Expert_innen, wie Wolf­gang Wip­per­mann oder Gero Neuge­bauer, beze­ich­nen die Begriffe „Recht­sex­treme“ und „Link­sex­treme“ als gefährlich rel­a­tivierend. Mit dieser Extrem­is­mus­the­o­rie, die regelmäßig von etabliert­er Poli­tik und Medi­en genutzt wird, wer­den Neon­azis wieder salon­fähig, deren men­schen­ver­ach­t­ende Gesin­nung ver­harm­lost und antifaschis­tis­che Arbeit tor­pediert. Im jet­zi­gen Fall sind es dem­nach unsere Recherchen, die als „extrem­istisch“ aus­gemacht wer­den und somit laut Satzung eben­so zu verurteilen wären, wie Neon­azis in den Vere­inen.

So wird der Fokus von den eigentlichen Prob­le­men weg auf die Ini­tia­tiv­en gerichtet, welche auf die Prob­leme aufmerk­sam machen. Die ver­schiede­nen Ämter des Ver­fas­sungss­chutz und andere staatliche Ein­rich­tun­gen richt­en so seit Jahren ihre Arbeit aus und krim­i­nal­isieren antifaschis­tis­ches Engage­ment.

Die Stadt­sport­bund­chefin muss ein­räu­men, dass es „trotz der Satzungsän­derung für Sportvere­ine äußerst schwierig ist, gegen Recht­sex­treme in ihren Rei­hen vorzuge­hen. Wenn diese als nor­male Mit­glieder trainierten und nicht ihre Welt­sicht ver­bre­it­eten, gebe es kaum eine rechtliche Hand­habe. “Der Chef von „Ein­tra­cht 90 Babels­berg“ will auch weit­er­hin für Thomas Pecht ein Bindeglied zur Gesellschaft bleiben. Trotz ein­stim­miger Annahme des Satzungszusatzes sieht er keine Ver­an­las­sung das Grün­dungsmit­glied der Pots­damer „Junge Nation­aldemokrat­en“ (JN) und wichti­gen Kad­er der „Freie Kräfte Pots­dam“ (FKP) Thomas Pecht [3] des Vere­ins zu ver­weisen. Die Umfor­mulierung der Satzung muss sich daher als blind­er Aktion­is­mus ver­ste­hen lassen. Ohne ein Umdenken in Sport­bund und Vere­inen wird sich das Prob­lem nicht lösen lassen. Zu diesem Umdenken gehört auch das Hin­ter­fra­gen der Äußerun­gen der eige­nen Sportler_innen.

Sportvere­ine ver­suchen jegliche Anschuldigun­gen gegen ihre Mit­glieder im Keim zu erstick­en, indem sie deren Äußerun­gen bzw. Dis­tanzierun­gen unhin­ter­fragt weit­ergeben und beispiel­sweise behaupten, die Angeschuldigten seien aus­gestiegen und hät­ten sich von der Neon­aziszene längst dis­tanziert – so wie im Fall Mario Schober [4]. Für Neon­azis ist so eine Behaup­tung leicht über die Lip­pen zu brin­gen, da sie oft­mals nicht in fes­ten Struk­turen Mit­glied sind, son­dern sich als Teil los­er Kam­er­ad­schaften begreifen. Des weit­eren sehen sie sich selb­st nicht als Neon­azis son­dern als “Nationale”, “Patri­oten” oder “Iden­titäre”, um sich vom his­torischen Nation­al­sozial­is­mus abzu­gren­zen. Ohne ihr Gesicht zu ver­lieren, kön­nen die Beschuldigten so weit­er ihrem Hob­bysport nachge­hen und gle­ichzeit­ig ihre Kon­tak­te in die Neon­aziszene pfle­gen.

Sport und Bewe­gung spielt für Neon­azis eine her­aus­ra­gende Rolle in ihrem Welt­bild. Gesunde und trainierte Kör­p­er gel­ten in ihrer Weltvorstel­lung als erstrebenswert und bedeut­sam für das Fortleben der “arischen Rasse”. Als 2008 eine Turn­halle durch die “JN Pots­dam” angemietet wurde, fol­gte eine Artikel-Veröf­fentlichung, die diesen Habi­tus wider­spiegelt.

Da es in Pots­dam für nationale und andere Jugendliche kein­er­lei Per­spek­tiv­en gibt, wir aber eine auf­strebende Jugend­be­we­gung sind, tre­f­fen wir uns schon seit ein paar Monat­en zum Fußball. Ganz ent­ge­gen der BRD Trägheit wollen wir die müden Knochen in Schwung bekom­men und den Kör­p­er und Geist in Form brin­gen. Fußball fördert die Gemein­schaft und ist gut für die Gesund­heit.”

Den Sportvere­inen fehlt die Ein­sicht in das Pri­vatleben und die Vorgeschichte ihrer Mit­glieder um sich ein umfan­gre­ich­es Bild zu ver­schaf­fen, so dass sie sich lieber schützend vor ihre Sportler stellen und somit ver­hin­dern einen guten Stürmer oder Tor­wart zu ver­lieren.

Wir geben Neon­azis keinen Ver­trauensvorschuss. Wir vergessen nicht wer noch vor ein paar Jahren oder aktuell Antifaschist_innen bedro­hte, angriff und Pro­pa­gan­daak­tio­nen durch­führte. Neon­azis entwick­eln sich nicht in fromme Läm­mer nach ein paar Monat­en in Sportvere­inen und ohne neon­azis­tis­che Auf­fäl­ligkeit­en. Sie hän­gen immer noch mit ihren alten Neon­azi-Kumpels ab, pöbeln im Suff Migrant_innen voll und hin­ter­lassen ras­sis­tis­che Schmier­ereien in ihren Wohn­vierteln. Deswe­gen möcht­en wir im Fol­gen­den auf ein paar genan­nte Sportler des vorigen Artikels näher einge­hen.

Paul Elm soll eine eidesstat­tliche Erk­lärung abgegeben haben, „kein Neon­azi zu sein und andere zu ver­prügeln“. Dass Elm ein Neon­azi ist haben wir nie behauptet. Paul Elm gehört jedoch der Hooli­gan Grup­pierung „Crimark“ an [5], deren Mit­glieder teil­weise Neon­azis sind und Kon­tak­te in die Neon­aziszene Berlins pfle­gen. Zum Habi­tus von Hooli­gans gehört es, andere Fußball­fans kör­per­lich zu attack­ieren. So fiel Elm in der Ver­gan­gen­heit immer wieder als Beteiligter bei Bedro­hun­gen feindlich­er Fußball­fans auf. Auch mit den anderen „Crimark“ Mit­gliedern geht er weit­er­hin feiern und hält Kon­takt. Daher ist er der Hooli­gan­grup­pierung immer noch zuzurech­nen.

Fabi­an Klen­nert ist ein­er der weit­eren Mit­glieder von Crimark. Er ist eben­falls an Ein­schüchterungsver­suchen beteiligt, trägt Klam­ot­ten mit der Auf­schrift „Nationale Sozial­is­ten“ und bemalt Verkehrss­childer mit „Crimark Hooli­gans – Juden BBG“.

Patrick Bün­sch war in den ver­gan­genen Jahren dem NPD Stadtver­band Pots­dam zuzuord­nen. Er war bei der Grün­dung der „JN Pots­dam“ im Sep­tem­ber 2008 in der Turn­halle des Schiller Gym­na­si­ums anwe­send und verteilte Ende 2010 mit weit­eren Neon­azis den NPD-Pro­pa­gandafly­er „Pots­damer Fack­el“ im Pots­damer Stadt­ge­bi­et. Da der Stadtver­band mit­tler­weile inak­tiv ist, ist es auch für Bün­sch ein­fach, eine Mit­glied­schaft zu leug­nen. Am 14. April 2011 beteiligte er sich gemein­sam mit Neon­azi aus dem Umfeld der „FKP“ an einem gewalt­täti­gen Über­griff auf Pots­damer Antifaschist_innen. Auch hier ist ein leug­nen der Mit­glied­schaft bei den „FKP“ leicht, da die „Freien Kräfte“ keine feste Mit­glied­schaft haben son­dern als los­er Zusam­men­schluss agieren.

In ein­er Pressemit­teilung des Jugend­club Alphas, welche auch Bün­sch unterze­ich­nete, heißt es „Patrick Bün­sch ist nach eigen­er Aus­sage seit zwei Jahren wed­er in den genan­nten oder ähn­lichen Organ­i­sa­tio­nen aktiv oder pas­siv tätig sei, noch eine ähn­lich poli­tisch aus­gerichtete Mei­n­ung ver­tritt, geschweige denn, diese propagiert.“ Bün­sch pflegt jedoch weit­er­hin Kon­tak­te zur Pots­damer Neon­aziszene. Auf Face­book und im echt­en Leben ist er mit ein­schlägi­gen Größen der Szene, z.B. Gabor Grett, den Helm­st­edt-Brüdern oder Ben­jamin Oestre­ich befre­un­det.

Der nun einge­führte “Ehrenkodex” für Sportvere­ine ist, wie wir vorher­sagten, eine leere Phrase. Funk­tionäre und Sportler_innen ver­steck­en sich hin­ter diesem Kodex, um jed­wede Kri­tik ignori­eren zu kön­nen und sich als “Macher_innen” darzustellen. Dies ist jedoch genau der Nährbo­den auf dem neon­azis­tis­che Sportler_innen wie Thomas Pecht und andere Jahrzehnte lang geduldet wur­den und werden.Wir hof­fen, dass der Stadt­sport­bund seine “Extrem­is­musklausel” über­denkt und endlich aktiv gegen Neon­azis in den Sportvere­inen vorge­ht, nicht nur auf dem Papi­er. Wir fordern eine ern­sthafte, inhaltliche Auseinan­der­set­zung und klare Abgren­zung zu neon­azis­tis­chem Gedankengut. Das ist, unter anderem, nur darüber zu erre­ichen die betr­e­f­fend­en Sportler_innen kon­se­quent aus den Vere­inen auszuschließen.

[1] http://arpu.blogsport.eu/2013/04/08/potsdamer-neonazis-auch-2013-sportlich/
[2] http://www.pnn.de/potsdam/744075/
[3] http://arpu.blogsport.eu/2012/03/27/thomas-pecht-volkssport-fur-die-volksgemeinschaft/ und http://arpu.blogsport.eu/2012/06/04/schober-und-pecht-noch-immer-etabliert-vereine-hofieren-neonazis/
[4] http://arpu.blogsport.eu/2012/02/20/cheer-for-ns-potsdamer-neonazi-mario-schober/ und http://arpu.blogsport.eu/2012/02/22/neonazi-mario-schober-mehr-als-unglaubwurdig-verein-verharmlosend/ und http://arpu.blogsport.eu/2012/06/04/schober-und-pecht-noch-immer-etabliert-vereine-hofieren-neonazis/
[5] http://arpu.blogsport.eu/2012/05/30/gewaltromantik-trifft-auf-neonazidenken-crimark-neonazi-hools-in-rot-weis/

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