28. April 2006 · Quelle: AG Neuengamme / Madstop

Stimmen zu Schönbohms Sachsenhausen-Rede

Presseerk­lärung die Arbeits­ge­mein­schaft Neuengamme e. V., der Ver­band der deutschen Über­leben­den des KZ Neuengamme, erk­lärt ihre Sol­i­dar­ität mit den Über­leben­den des KZ Sachsenhausen

Aus­drück­lich verurteilen wir jegliche Gle­ich­set­zung der Ver­hält­nisse in
sow­jetis­chen Spezial­lagern mit der plan­mäßi­gen Ver­nich­tung in den
nation­al­sozial­is­tis­chen Konzen­tra­tionslagern. Der Innen­min­is­ter von
Bran­den­burg Jörg Schön­bohm (CDU) hat­te am 23. April 2006 dazu aufgerufen, im

Rah­men der Gedenk­feier zum 61. Jahrestag der Befreiung des KZ Sachsenhausen 

der Opfer des sow­jetis­chen Spezial­lagers auf dem gle­ichen Gelände ebenfalls 

zu gedenken. Dies von den Über­leben­den eines nation­al­sozial­is­tis­chen KZ zu 

fordern, ist eine unver­schämte Provokation.

Laut Tagesspiegel sagte Schön­bohm in der KZ-Gedenkstätte Sach­sen­hausen vor 

den Über­leben­den folgendes:

Es wäre ungerecht, hier in Sach­sen­hausen aber nicht auch der Men­schen zu 

gedenken, die nach 1945 hier einges­per­rt waren, eben­so recht­los wie die 

KZ-Opfer. Auch nach 1945 wurde hier weit­er gefoltert und getötet, starben 

Men­schen an den furcht­baren Ver­hält­nis­sen im sow­jetis­chen Speziallager. 

(…) An sie muss deshalb um so nach­drück­lich­er erin­nert wer­den, da ihrer 

über 40 Jahre lang an diesem Ort über­haupt nicht gedacht wurde. (…) Sie 

als Über­lebende des Konzen­tra­tionslagers wer­den sicher­lich beson­ders gut 

empfind­en kön­nen, was dies bedeutet, näm­lich eine andauernde Ver­höh­nung der 

Opfer über ihr kör­per­lich­es und seel­is­ches Lei­den, ja über ihren Tod 

hin­aus.” (Tagesspiegel, 26. April 2006)

Die Arbeits­ge­mein­schaft Neuengamme hat sich immer gegen eine Gleichsetzung 

von Nation­al­sozial­is­mus und Stal­in­is­mus aus­ge­sprochen. Zu den in den 

Spezial­lagern Inhaftierten gehörten auch ehe­ma­lige Mit­glieder der 

SS-Wach­mannschaften, die für die Folter und Morde in den 

Konzen­tra­tionslagern ver­ant­wortlich waren.

Wir sehen Schön­bohms pro­voka­tive Äußerun­gen auch im Zusam­men­hang mit dem 

Ver­such mehrerer CDU-Poli­tik­er, unter ihnen Bun­desIn­nen­min­is­ter Wolfgang 

Schäu­ble, nach dem Mord­ver­such an Ermyas M. am ver­gan­genen Osterwochenende 

die Gefahr des Ras­sis­mus in Deutsch­land leug­nen zu wollen.

Bünd­nis Mad­stoP fordert Hausver­bot für Jörg Schön­bohm für die Gedenkstätte Sachsenhausen

Der Auftritt des Bran­den­bur­gis­chen Innen­min­is­ters Jörg Schön­bohm am 23. 

April 2006 in der Gedenkstätte Sach­sen­hausen war ein Skan­dal. Die 

Gle­ich­set­zung von Über­leben­den des nationalsozialistischen 

Konzen­tra­tionslagers mit den Häftlin­gen des später auf selbem Gelände 

befind­lichen Internierungslagers, war eine vorsät­zliche Belei­di­gung der 

Naziopfer. Die über­wiegende Mehrheit der Internierung­shäftlinge waren 

Men­schen, welche aktiv in die nation­al­sozial­is­tis­chen Verbrechen 

ver­strickt waren: es han­delte sich nach­weis­lich um Täter.
Die 

Internierung solch­er Ver­brech­er fand in allen Besatzungszo­nen statt. 

Weil es sich bei den Internierung­shäftlin­gen mehrheitlich nicht um 

unschuldige Men­schen han­delte, ver­bi­etet es eine Entschließung der EU 

von 1993, der Naziopfer und der Internierten an ein und der­sel­ben Stelle 

zu gedenken. Gegen diese Entschließung ver­stößt die Gedenkstätte 

Sach­sen­hausen schon seit eini­gen Jahren.

Es gehört schon eine größere Por­tion Kaltschnäuzigkeit dazu, den 

ehe­ma­li­gen KZ-Häftlin­gen die Gle­ich­set­zung mit ihren Peinigern zum 

Jahrestag ihrer Befreiung ins Gesicht zu sagen. Abge­se­hen von dieser 

uner­hörten Tak­t­losigkeit, han­delt es sich bei der von Schön­bohm bemühten 

Gle­ich­set­zung um ein recht­sex­tremes Argu­ment. Und deshalb fordern wir 

als Kon­se­quenz seines anstößi­gen Ver­hal­tens ein Hausver­bot für ihn in 

der Gedenkstätte.

Den Leit­er der Gedenkstätte Prof. Gün­ther Morsch fordern wir eine 

ein­deutige Posi­tion­ierung auf Seit­en der über­leben­den KZ-Häftlinge und 

einen fein­füh­ligeren Umgang bei der Auswahl von Red­nern zu den 

Befeiungs­feier­lichkeit­en.

Bünd­nis MadstoP

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