18. November 2003 · Quelle: Ruppiner Anzeiger / Zuschauer

Stolpersteine für Neuruppin

Von Nazis ermordet: Neu­rup­pin ver­lor seine jüdis­chen Mit­bürg­er und ein Stück Geschichte – seit gestern kommt die Erin­nerung zurück

NEURUPPIN/ALT RUPPIN „Hier wohnte Edith Frank, geborene Anker, Jahrgang 1914, deportiert 1943, ver­schollen in Auschwitz.“ Manche Neu­rup­pin­er erin­nern sich noch an das Mäd­chen, mit dem sie spiel­ten und das Nach­hil­fe­un­ter­richt gab. Seit gestern ist die Erin­nerung nicht nur in den Köpfen, son­dern auch im Pflaster.

Gestern, 10 Uhr: Auf Neu­rup­pins Schulplatz tre­f­fen zwei Wel­ten aufeinan­der. Nach zehn Tagen Amüse­ment bauen die Besitzer von Riesen­rad und Geis­ter­bahn ihre Fahrgeschäfte ab. Der Rum­mel ist vor­bei. Zur sel­ben Zeit ste­ht eine größere Gruppe vor dem Café Schröders und ist Zeuge ein­er im Land Bran­den­burg bis­lang ein­ma­li­gen Aktion des Erin­nerns. Der Köl­ner Kün­stler Gunter Dem­nig bud­delt einige Steine aus dem Pflaster, um sie gegen in Mess­ing gehauene Geschichte auszu­tauschen. Stolper­steine hat der Köl­ner Kün­stler sein Pro­jekt genan­nt, bei dem an Men­schen vor ihrem let­zten Zuhause erin­nert wird, bevor sie die Nazis einkerk­erten, erschossen, ver­gas­ten. In 25 Städten sind bere­its mehr als 3000 dieser mit Mess­ing beschla­ge­nen Steine samt der weni­gen Angaben über das ungewisse Schik­sal der ein­sti­gen Mit­bürg­er und Nach­barn ver­legt wor­den.

Neu­rup­pin ist nach Zwick­au und Schnee­berg erst die dritte ost­deutsche Stadt, die auf diese Weise Geschichte schreibt. Den Anstoß dafür gaben Jugendliche, die sich daran stießen, dass am 9. Novem­ber 2002 – dem Gedenk­tag an die Reich­s­pogrom­nacht 1938 – im Café Schröders ein munteres Konz­ert stat­tfand.

Das Gebäude gehörte einst einem jüdis­chen Kauf­mann und beherbergte das Kaufhaus Anker. Kurze Zeit später fand die Neu­rup­piner­in Katha­ri­na Motschmann einen Hin­weis aut das Pro­jekt Stolper­steine. Monate der Vor­bere­itung und des Spenden­sam­melns vergin­gen, bis Dem­nig gestern die zehn mal zehn Zen­time­ter großen Steine ver­legte.

3000 Mess­ing­plat­ten bedruck­ten, 3000 Steine ver­legen – stumpft der Kün­stler da bei der Arbeit ab? Dem­nig verneinte. „Es sind immer wieder neue Schick­sale. Manch­mal wird es zur Rou­tine. Dann kommt wieder ein Stein für einen Men­schen mit dem Geburt­s­jahr 1940 oder 1941. Das deprim­iert, da wird einem schlecht bei.“

Was dem Köl­ner auch immer wieder Kraft gibt: Das Erin­nerung­spro­jekt lebt nur von Spenden, er verzichtet bewusst auf städtis­che Mit­tel. Und erst fünf Steine, davon wurde ein­er zer­schla­gen, musste er erset­zen. Oft­mals kommt er bei sein­er Arbeit mit Men­schen ins Gespräch. Gestern war es eine Neu­rup­piner­in, Jahrgang 1926, die sich spon­tan für die Erin­nerungsar­beit inter­essierte: „Da darf man nicht lock­er lassen!Man muss immer wieder an die Geschichte erin­nern!“

Es war bere­its dunkel, als neben der Alt Rup­pin­er Kirche der vor­erst let­zte Stein seinen Platz fand. Im Gotte­shaus berichtet Dem­nig vor rund 70 Zuhör­ern davon, dass er seit zehn Jahren nicht nur Stolper­steine ver­legt, son­dern ihm solche auch in den Weg gelegt wer­den. Zum Beispiel in Köln: Drei Jahre dauerte es, ehe 17 Genehmi­gungs-Instanzen über­wun­den waren. Und der Anwalt eines Haus­be­sitzers argu­men­tierte: Die Steine „stellen eine ganz erhe­bliche Erschw­er­nis im Fall des Verkaufs oder der Ver­mi­etung der Woh­nun­gen dar.“

Pfar­rer Heinz Joachim Karau fand in der Kirche die passenden Worte: „Gott sei Dank haben wir eine Stelle, zehn mal zehn Zen­time­ter groß, wo wir unser heili­gen Pflicht, diese Wunde offen zu hal­ten, gerecht wer­den. Ich glaube, es ist ein wichtiger Tag für Neu­rup­pin.“

Stolper­steine in Neu­rup­pin

Am 17.November 2003 wur­den in Neu­rup­pin die ersten Stolper­steine zum Gedenken an die Opfer des zweit­en Weltkriegs ver­legt.

Stolper­steine, sind eine Erfind­ung von dem Kün­stler Gunter Dem­nig. Er startete mit diesem Pro­jekt vor 10 Jahren und hat, in Köln ange­fan­gen, schon mehrere Städte mit sein­er Kun­st den Opfern des Faschis­mus zu mehr Aufmerk­samkeit ver­holfen. Die Stolper­steine beste­hen aus Pflaster­steine, die mit ein­er Mess­ing­plat­te verse­hen sind, auf der der Name, das Geburts- und Sterbe­da­tum, die Wohnadresse und der Ort, bzw. die Todesur­sache der Opfer ein­graviert sind. Sie wer­den vor den Häusern zwis­chen die Pflaster­seine geset­zt, in denen die Ver­fol­gten lebten. Mit diesen Stolper­steinen, will der Kün­stler diese Men­schen aus der Anonymität holen.

Erst­mals wurde nun in Bran­den­burg eine Stadt mit solchen Steinen verse­hen. Aber längst nicht wur­den alle benan­nt und deswe­gen ist dieses Pro­jekt damit nicht abgeschlossen, son­dern wird ver­sucht weit­er zu führen. Denn die Nach­forschun­gen sind noch nicht voll­ständig. Und bemerkenswert ist, dass schon nach fün­fzig Jahren so viele Dinge nicht mehr nach geschaut wer­den kön­nen, da Unter­la­gen unvoll­ständig sind.

Etwa 100 Men­schen haben an der let­zten Stein Set­zung teilgenom­men und an der darauf fol­gen­den Ver­anstal­tung teilgenom­men. Ins­ge­samt wur­den bis jet­zt neun solch­er Steine in den Bürg­er­steig ein gebet­tet. Die in Zukun­ft die blinde Bevölkerung zum Nach­denken anre­gen und aufweck­en soll.

Nie wieder Krieg!

Nie wieder Faschis­mus!

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