15. Juli 2005 · Quelle: Opferperspektive e.V.

Streichung der Stelle der Stadtjugendpflegerin in Rheinsberg „katastrophal“

Mit Bestürzung haben wir erfahren, dass der Gemein­der­at von Rheins­berg die
Stelle der Jugendpflegerin Alexan­dra Willers ersat­z­los stre­ichen will. Wir
hal­ten eine solche Entschei­dung für katas­trophal und fordern drin­gend ein
Umdenken.

Der Vere­in Opfer­spek­tive arbeit­et mit Frau Willers und den von ihr betreuten
Jugendlichen schon seit mehreren Jahren zusam­men. Frau Willers ist eine der
wichtig­sten Koop­er­a­tionspart­ner der Opfer­spek­tive in Rheins­berg; ohne sie ist
eine kon­tinuier­liche Betreu­ung von Opfer rechter Gewalt schw­er vorstellbar.
In Erin­nerung bleibt uns ihr Engage­ment im Jahr 2002 für die „Aktion
Notein­gang“, bei der Rheins­berg­er Geschäft­sleute öffentlich Schutz vor
ras­sis­tis­chen Über­grif­f­en anboten. Als im Jahr 2003 drei Mal Brandanschläge
auf den Imbis­s­wa­gen von Mehmet Cimendag verübt wur­den, war es Frau Willers,
die Rheins­berg­er Jugendliche motivieren kon­nte, die ras­sis­tis­che Gewalt nicht
nur mit Schul­terzuck­en hinzunehmen, son­dern öffentlich Posi­ti­ton zu beziehen
und sich einzu­mis­chen. Die Jugendlichen sam­melten Unter­schriften und
organ­isierten eine Kundge­bung, die Her­rn Cimendag neuen Mut geben konnte.

Seit dem Som­mer 2004, im Vor­feld der Land­tagswahlen, war eine zunehmende
Aktiv­ität von Recht­sex­trem­is­ten in Rheins­berg wahrnehm­bar. Aufk­le­ber einer
recht­sex­tremen Kam­er­ad­schaft „Freie Nation­al­is­ten Rheins­berg“ taucht­en auf,
Jugendliche, die demokratisch ori­en­tiert waren, wur­den häu­figer angepöbelt
und bedro­ht. Im Novem­ber 2004 organ­isierte die Opfer­per­spek­tive mit Frau
Willers zusam­men eine Ver­anstal­tung mit dem Titel „Bleib kein Opfer“, zu der
über 30 Jugendliche aus Rheins­berg und den umliegen­den Dör­fern kamen. Was die
Jugendlichen berichteten, war erschreck­end. Die meis­ten Jugendl­clubs waren
für sie „No Go Areas“, weil diese von recht­sex­trem ori­en­tierten Jugendlichen
dominiert wer­den. Auch im öffentlichen Raum kon­nten sie sich nicht treffen,
ohne belei­digt und bedro­ht zu wer­den. Nur in den Räu­men, die ihnen die
Stadtju­gendpflegerin zur Ver­fü­gung stellte, kon­nten sie sich frei und sicher
fühlen. Frau Willers stellte für die Jugendlichen einen zen­tralen Bezugspunkt
dar für demokratis­ches Engage­ment und Eigeninitiative.

Völ­lig unver­ständlich bleiben uns die Gedanken der Gemeinderatsmitglieder,
die die Jugendpflegestelle abschaf­fen wollen. Nach dem Bran­dan­schlag auf
Mehmet Cimendags Imbiss im März diesen Jahres, der mit hoher
Wahrschein­lichkeit aus ein­er ras­sis­tis­chen Moti­va­tion her­aus angezündet
wurde, war offen­sichtlich, welche krim­inelle Energie der lokal verankerte
Recht­sex­trem­is­mus ent­fal­ten kann. Vor­dringlich in ein­er solchen Situation
müsste die Sol­i­dar­ität mit dem Opfer und die Stärkung eines aktiven
demokratis­chen Pols in der Bevölkerung sein, die die fremdenfeindlichen
Vorurteilen nicht hin­nehmen und sich für ein lebendi­ges Zusam­men­leben von
Men­schen unter­schiedlich­er Herkun­ft ein­set­zen, also genau das, wofür Frau
Willers schon seit Jahren arbeit­et. Was geht also in jenen
Gemein­der­atsmit­gliedern vor? Ist es die Sorge, dass die öffentliche
The­ma­tisierung von Frem­den­feindlichkeit und Gewalt schlim­mer sei als das
Prob­lem selb­st? Weil der Ruf der Stadt in Gefahr sei? Wird die Arbeit von
Frau Willers und das Engage­ment der Jugendlichen etwa als störend empfunden?

Das wäre dann allerd­ings eine Hal­tung, die bedeuten würde, den
Recht­sex­trem­is­ten das Feld zu über­lassen und die Opfer im Stich zu lassen.
Damit würde sich Rheins­berg allerd­ings einen beson­deren Ruf erwer­ben: als
Stadt, in der hoff­nungsvolle Ansätze zunichte gemacht werden.

Aus diesen Grün­den appel­lieren wir ein­dringlich an alle
Gemein­der­atsmit­glieder, der Stre­ichung der Stelle der Jugendpflegerin nicht
zuzustimmen.

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