25. April 2006 · Quelle: Junge Welt

Thomas M. ist in Potsdam sehr wohl bekannt”


Ver­fas­sungss­chutz will von Tatverdächti­gen nie gehört haben. Antifaschis­ten ken­nen zumin­d­est einen der bei­den seit län­gerem. Ein Gespräch mit Paula Müller, Mit­glied des AK Antifa Pots­dam

F: Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm bleibt dabei, daß ein rechter Hin­ter­grund bei dem Über­fall am Oster­son­ntag in Pots­dam nicht bewiesen sei. Er argu­men­tiert unter anderem damit, daß die Tatverdächti­gen nicht organ­isiert seien. Bekan­nt sind sie aber schon, oder?

Zumin­d­est ein­er der Verdächti­gen. Thomas M. ist in der Pots­damer Linken sehr wohl bekan­nt. Er ist häu­fig bei Prozessen gegen Neon­azis aufge­taucht, zusam­men mit den bekan­nten Neo­faschis­ten Thomas S. und Matthias R. Das ist eine recht­sex­treme Schlägerkom­bo, die häu­fig bei Gericht­sprozessen gegen Neon­azis aufge­treten ist, um Zeu­gen und Opfer einzuschüchtern.

F: Es gibt Berichte, daß Thomas M. einen Brud­er hat, der ihm zum Ver­wech­seln ähn­lich sieht. Kön­nten Sie ein­er Ver­wech­selung unter­liegen?

Nein. Es han­delt sich um drei Brüder, die alle­samt in der recht­en Szene aktiv sind. Aber es ist rel­a­tiv sich­er, daß die Per­son, die bei den erwäh­n­ten Prozessen aufge­taucht ist, der Tatverdächtige Thomas M. ist.

F: Die bei­den Festgenomme­nen sollen sich unter anderem im Umfeld eines Motor­rad­klubs mit Kon­tak­ten zur Neon­aziszene bewegt haben. Ist Ihnen der Klub bekan­nt?

Nein. Aber die bei­den stam­men aus Pots­dams Türste­herszene. Hier in der Stadt gibt es schon länger ein Prob­lem mit Türste­hern, die rechte Ansicht­en haben und Migranten nicht rein­lassen. Es kam auch vor, daß vor der Bühne ein Hit­ler­gruß gezeigt wurde und die Betr­e­f­fend­en nicht hin­aus­be­fördert wur­den, weil die Türste­her fan­den, daß es sich um eine freie Mei­n­ungsäußerung gehan­delt habe.

F: Was Antifaschis­ten in Pots­dam über Thomas M. wis­sen, will der Ver­fas­sungss­chutz noch nie gehört haben. Zumin­d­est laut Bild am Son­ntag liegen ihm kein­er­lei Hin­weise auf die bei­den Tatverdächti­gen vor. Ist das vorstell­bar?

Ich finde das rel­a­tiv unvorstell­bar. Auch wenn der Ver­fas­sungss­chutz immer ein bißchen hin­ter­her­hinkt, müßten ihm zumin­d­est die Aktiv­itäten von Thomas M. bekan­nt sein, weil der wirk­lich in den let­zten Jahren mas­siv aufge­treten und aufge­fall­en ist.

F: Haben Sie eine Erk­lärung für das Nichtwissen des Ver­fas­sungss­chutzes?

Ich nehme an, daß der nur Leute beobachtet, die in fest­ge­fügten Kam­er­ad­schaften oder Organ­i­sa­tio­nen aktiv sind. Neben organ­isierten Neo­faschis­ten gibt es aber in Pots­dam ein großes Umfeld von Hooli­gans und Schlägern, die rechte Ansicht­en haben. Sie sind nicht unbe­d­ingt poli­tisch aktiv, aber eben rechte Schläger.

F: Unab­hängig davon, ob die Täter organ­isiert sind, müßte doch eigentlich die Mail­box-Auf­nahme mit Beschimp­fun­gen wie »Scheiß-Nig­ger« aus­re­ichen, um festzustellen, daß es sich um einen ras­sis­tis­chen Über­griff gehan­delt hat.

Ich empfinde es wirk­lich als erschreck­end, daß jet­zt in der Presse behauptet wird, daß das Opfer im Prinzip sel­ber schuld sei, weil es eine Schlägerei ange­fan­gen oder seine Täter provoziert hätte. Ist ein Mord­ver­such etwa eine adäquate Antwort darauf, daß mich jemand als Schwein beschimpft? Da würde ich doch im Leben nicht anfan­gen, mit ras­sis­tis­chen Äußerun­gen zu kon­tern oder zuzuschla­gen. Auch wenn die bei­den Täter keine organ­isierten Neon­azis sind, liegt ein ras­sis­tis­ches Mord­mo­tiv vor. Es gehört inzwis­chen zur Strate­gie in der recht­en Szene, daß Selb­stjus­tiz geübt wird. Wenn ein Nichtweißer auf­muckt, hat er dem­nach erstens in Deutsch­land nichts zu suchen und läuft zweit­ens Gefahr, tot­geschla­gen zu wer­den.

F: Was Oster­son­ntag in Pots­dam passiert ist, hat also mit einem Einzelfall nichts zu tun?

Ger­ade in Pots­dam kann man beobacht­en, daß die Neon­azis bzw. die Anti-Antifa ein­fach immer dreis­ter auftreten. 20 Über­fälle in den let­zten Monat­en gehen auf ihr Kon­to. Die haben keine Angst mehr, vor gar nichts. Erst recht nicht vor staatlich­er Repres­sion. Es ist ihnen inzwis­chen egal, ob sie ein Opfer am hel­licht­en Tag mit Flaschen bedro­hen oder ob sie das mor­gens um vier tun.

Das muß auch nicht ver­wun­dern, wenn sich der Blick von Polizei und Behör­den stets auf die linke Szene richtet. Jedes­mal, wenn etwas passiert, rückt die Antifa ins Visi­er. Dann wird zum Beispiel geschrieben, daß wir Bilder von Neon­azis sam­meln wür­den, um sie aus der Stadt zu vertreiben. Sofort, wenn eine Gewalt­tat von Neon­azis began­gen wird, fängt man an zu guck­en, ob links nicht noch etwas viel Schlim­meres passiert.

Inter­view: Wera Richter

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