21. August 2005 · Quelle: PNN

Toleranz regt mich auf“

Susanne Have­mann ist Mut­ter dreier far­biger Kinder. Sie will akzep­tiert sein, und dass die Poli­tik ein mul­ti­kul­turelles Kli­ma schafft.

(Nico­la Kluse­mann, PNN) Eigentlich wollte sie keine Kinder. Und nach der Geburt ihres Sohnes auf keinen Fall ein weit­eres. Inzwis­chen hat Susanne Have­mann vier Kinder und ihre Ein­stel­lung grundle­gend geän­dert.

„Was habe ich von Luxus – großen Reisen, dick­en Autos – wenn ich ein­sam sterbe, nichts mit­nehmen kann und nichts von mir zurück­lasse?“ Die 33-Jährige hat sich entsch­ieden, der Nach­welt ihre Nachkom­men zu hin­ter­lassen. „Das ist mein Beitrag zum mul­ti­kul­turellen Zusam­men­leben.“ Ihre drei Töchter Adi­na (8 Jahre), Naome (6) und Aicha Johan­na (4 Monate) sind far­big, ihre Väter Afrikan­er. Das sei nicht immer leicht. Oft genug fange sie sich böse Sprüche ein, Leute star­rten sie und ihren Fre­und aus Mali an. Dass sich Pots­dam als tol­er­ante Stadt ver­ste­he, macht sie wütend. „Der Begriff Tol­er­anz regt mich auf. Tol­er­anz ist der Igno­ranz ähn­lich. Wer toleriert, beachtet nicht“, sagt Susanne Have­mann, die ein­fach mit Mann und Kindern leben will und sich wün­scht, dass die Men­schen das akzep­tierten. „Ich möchte angenom­men sein.“

Ihr Luxus ist der Kinder­re­ich­tum. Die kleine Fam­i­lie bewohnt eine Masoinet­te­Woh­nung in der Innen­stadt. Auf dem blitzblanken Holztisch ste­hen gelbe Kerzen. Durch weiße Leinen­vorhänge scheint die August­sonne. Das eben­so weiße Sofa geht über Eck, ein niedrig ange­bracht­es schlicht­es Regal schließt sich an, auf dem ger­ahmte Fotos ste­hen. Im Hin­ter­grund sur­rt die Spül­mas­chine, das durch den Wasser­strahl bewegte Geschirr klap­pert rhyth­misch beruhi­gend wie ein Metronom. Die aus­ge­bildete Anstre­icherin und umgeschulte Fremd­sprachensekretärin lebt heute von Arbeit­slosen­geld II, Erziehungs- und Kindergeld. Sie hat gel­ernt, ihren Lebens­stan­dard herun­terzuschrauben. Über die Sozial­re­for­men könne sie nicht meck­ern. Die kämen ihr zugute. Wenn man allerd­ings seinen Kindern ein biss­chen was Beson­deres bieten wolle, werde es knapp. Ihre ältere Tochter lerne zum Beispiel Akko­rdeon und Naome habe ger­ade mit Bal­lett ange­fan­gen. Neben den monatlichen Beiträ­gen kämen dann noch die Instru­menten-Auslei­he und das Tutu für die Pri­ma Bal­le­ri­na dazu. Da müsse man schon ganz schön rech­nen, sagt Susanne Have­mann, die sich wün­scht, dass solche Sachen kostengün­stig auch von städtis­chen Insti­tu­tio­nen und nicht nur pri­vat ange­boten wür­den. Ähn­lich heftig schlü­gen auch Aus­flüge in die Haupt­stadt zu Buche. „Selb­st wenn Muse­ums­be­suche manch­mal kosten­los ange­boten wer­den, kommt allein durch den Tick­etkauf für die öffentlichen Verkehrsmit­teln eine Summe zusam­men, mit der ich einen Woch­enen­deinkauf bestre­ite.“ Die Tar­ife kön­nten schon fam­i­lien­fre­undlich­er gestal­tet wer­den, find­et die Haus­frau.

Grund­sät­zlich aber meint sie, dass Rot-Grün das Beste aus dem gemacht habe, was die Kohl-Regierung an „Bruch­w­erk“ hin­ter­lassen habe. Auch fand sie die Hal­tung gut, die SPD und Bünd­nis 90/Grüne während des Irak-Krieges ein­genom­men hät­ten. Es sei richtig gewe­sen, keine deutschen Sol­dat­en an den Kampfhand­lun­gen zu beteili­gen und sich nicht den Amerikan­ern unterzuord­nen. Weil die Regierung so beson­nen reagiert habe, kön­nten wir uns jet­zt sicher­er fühlen. „Wer weiß schon, ob die Bun­desre­pub­lik nicht anderen­falls schon ähn­lich wie in Lon­don Ziel von Al Qai­da-Anschlä­gen gewor­den wäre“, sagt die junge Frau.

Susanne Have­mann beken­nt klar Farbe. Am 18. Sep­tem­ber bekäme die SPD ihre Stimme, damit sie weit­er­ma­chen könne. Sie wolle ein CDU-regiertes Land „mit der Merkel oben drauf“ aktiv ver­hin­dern.

Die allein erziehende Mut­ter wiegt ihr Jüng­stes, die vier­monatige Aicha, im Arm. Der Säugling ist nach ein­er kleinen Zwis­chen­mahlzeit eingeschlafen. Dass sie auch nach der Erziehungszeit keine Arbeit find­en wird, schätzt die 33-Jährige real­is­tisch ein. Mit drei Kindern – ihr elfjähriger Sohn Carl-David lebt beim Vater – sei man ein­fach eine schwierige Arbeit­nehmerin, die jed­erzeit aus­fall­en kön­nte. Dass aber ihr Fre­und keinen Job bekommt, trotz Jura-Studi­um und drei­jähriger Aufen­thalts­genehmi­gung für Deutsch­land, liege sich­er auch an sein­er Haut­farbe. „Es ist schade, dass viele immer noch so denken.“

Das Miteinan­der kön­nte leicht sein, wenn die Vorurteile nicht wären. Susanne Have­mann hat deshalb einen ganz paten­ten Vorschlag: Statt nur Fremd­sprachen in der Schule zu unter­richt­en, sollte man beispiel­sweise einen Besuch im Asyl­be­wer­ber­heim als Pflicht­pro­gramm mit in die Schul­stunde aufnehmen. „Nur wenn man sich mit den Frem­den beschäftigt, lösen sich die Vor­be­halte auf.“ All­ge­mein wün­sche sich die Mul­ti­kul­ti-Ver­fech­terin von der großen Poli­tik ein besseres Kli­ma für aus­ländis­che Mit­bürg­er. Die Bun­desre­pub­lik schmücke sich mit inter­na­tionalen Beziehun­gen und bezeuge diese medi­en­wirk­sam. Weltweit gebe es Spende­nak­tio­nen und Bene­fizkonz­erte für hungernde Men­schen in Afri­ka. Und wenn hier ein Afrikan­er zu Gast sei, sei er nicht willkom­men. „Das passt doch nicht zusam­men.“ Aus­län­der, die ehrlich ver­sucht­en, hier in Deutsch­land etwas zu schaf­fen, soll­ten eine Chance bekom­men. Das würde auch das Leben von Susanne Have­mann erle­ichtern. Find­et ihr Fre­und keine Beschäf­ti­gung, werde er wom­öglich zurück nach Mali gehen und ihre Fam­i­lie werde auseinan­der geris­sen. „Das kann doch kein­er wollen.“

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