12. April 2006 · Quelle: Jungle World

Tschüss, Kameraden!

Als am 28. März vor dem Landgericht in Pots­dam die Urteile gegen sechs Rechtsex­treme wegen gemein­schaftlich began­gener Kör­per­ver­let­zung ver­hängt wur­den, saßen auf den Zuschauer­plätzen rund 20 Neon­azis aus Berlin und Pots­dam. Zwis­chen drei Jahren auf Bewährung und fünf Jahren Frei­heit­sentzug ver­hängten die Richter, sehr zum Unmut der Recht­en.

Immer wieder besuchen seit dem ver­gan­genen Jahr Recht­sex­treme in der bran­den­bur­gis­chen Lan­deshauptstadt solche Ver­hand­lun­gen gegen ihre Ka­meraden. Sie began­nen damit im April 2005, als vor dem Landgericht Pots­dam gegen den 23jährigen Neon­azi Sebas­t­ian D. und gegen Jean­nine P. wegen ver­sucht­en Mordes ver­han­delt wurde. Seit dem zweit­en Prozesstag rief vor allem der dama­lige Sze­neak­tivist Gabriel Land­graf Ange­hörige von Berlin­er und Bran­den­burg­er Kam­er­ad­schaften dazu auf, zum Prozess zu kom­men. Im Schnitt besucht­en von da an rund 40 Rechte die Ver­hand­lun­gen und schüchterten linke Zuschauer des Prozess­es ein.

Land­graf aber stieg im Som­mer 2005 aus der recht­en Szene aus. Er hat­te zuvor eine bedeu­tende Stel­lung in ihr ein­genom­men. Seit dem Jahr 2000 warb er für Demon­stra­tio­nen, Ver­anstal­tun­gen, Par­tys und Kam­pag­nen. Er baute SMS- und E‑Mail-Verteil­er für die so genan­nten freien Kam­er­ad­schaften auf und küm­merte sich um die Zusam­me­nar­beit unter­schiedlich­er Grup­pen in Berlin und Bran­den­burg. Als Betreiber der Web­site »Berlin­er Info­por­tal« schuf er darüber hin­aus ein öffentlich­es Infor­ma­tion­s­medi­um.

Im Jahr 2003 war er Mit­be­grün­der der »Berlin­er Alter­na­tive Süd-Ost« (Baso), ein­er ins­beson­dere im Berlin­er Stadt­bezirk Trep­tow-Köpenick aktiv­en Kam­er­ad­schaft. Bevor sie im März 2005 von Innense­n­a­tor Erhart Kört­ing (SPD) ver­boten wurde, war sie vor allem mit Kam­pag­nen, unter anderem für ein »nationales Jugendzen­trum«, sowie als Ver­anstal­terin von Demon­stra­tio­nen in Erschei­n­ung getreten. Im Sep­tem­ber 2004 grün­dete Land­graf schließlich die Berlin­er Abteilung des »Märkischen Heimatschutzes« (MHS), deren Anführer er wurde.

Nach ein­er län­geren Aus­land­sreise wandte er sich jedoch seinen eige­nen Angaben zufolge im August 2005 an Bernd Wag­n­er von »Exit Deutsch­land«. Die im Som­mer 2000 gegrün­dete Organ­i­sa­tion will Aussteigern aus der recht­sex­tremen Szene helfen. Derzeit wer­den 36 Per­so­n­en aus dem gesamten Bun­des­ge­bi­et von den haupt- und ehre­namtlichen Mitar­beit­ern betreut.

Land­grafs Gründe für seinen Ausstieg klin­gen zunächst vage. Gezweifelt habe er immer wieder ein­mal, sagt er heute. Die Bedenken seien ihm beim Schreiben von Artikeln, bei Diskus­sio­nen und im Umgang mit Jün­geren gekom­men, vor allem bei den The­men Geschicht­sre­vi­son­is­mus und Ras­sis­mus, erzählt er der Jun­gle World. Auch die Tat­sache, dass die Szene ihren eige­nen »Ide­alen« wenig genügt habe, habe ihn nach­denken lassen. Auf die Frage, welche Konse­quenzen seine anfänglichen Zweifel für sein Han­deln gehabt hät­ten, antwortet er, dass es in der Regel immer möglich gewe­sen sei, mit diesen inneren Kon­flik­ten umzuge­hen oder sie zur Seite zu schieben.

Bernd Wag­n­er betont das Prozesshafte solch­er Ausstiege und weist darauf hin, dass viele unter­schiedliche Ereignisse den Entschluss, aus der Szene auszusteigen, aus­lösen kön­nen. Für Land­graf waren offen­bar Kon­tak­te zu Men­schen außer­halb der recht­en Szene entschei­dend. Gespräche mit ihnen hät­ten es ihm ermöglicht, Wider­sprüche zuzu­lassen, sagt er.

Doch wann ist der Ausstieg vol­l­zo­gen? Genügt die Abkehr von rechter Gewalt, organ­isiert­er poli­tis­ch­er Arbeit oder den alten Fre­un­den? Für Wag­n­er ist die Voraus­set­zung der eigene Entschluss, sich sowohl ide­ol­o­gisch als auch organ­isatorisch aus der Szene zu lösen. Er weiß auch um die Prob­leme, die mit ein­er solchen Entschei­dung für den Einzel­nen ein­herge­hen: die Tren­nung von der Gruppe, mit der einen gemein­same Erfahrun­gen und Straftat­en verbinden; Schwierigkeit­en wegen der sozialen Situa­tion; vor allem aber der Ver­lust des eige­nen, bish­er funk­tion­ieren­den Welt­bildes und die daraus bei vie­len Aussteigern entste­hende Leere.

Für Land­graf stellt sein Ausstieg den »Bruch mit der Bewe­gung« dar. Für die Neon­aziszene bedeutet so eine Abkehr in erster Lin­ie einen Ver­rat, der gerächt wer­den soll. Als sich Land­graf im Okto­ber 2005 zunächst von seinen poli­tis­chen Ämtern zurück­zog und schließlich das »Ber­liner Info­por­tal« ein­stellte, seien einzelne Nach­fra­gen sein­er früheren Kam­er­aden gekom­men. Einige hät­ten erfahren wollen, ob sein Rück­zug auch die gemein­samen Ansicht­en in Frage stelle. Andere hät­ten bemerkt, dass ihnen seine Kom­pe­tenz in Fra­gen der Organ­i­sa­tion fehle.

Zunächst bracht­en sie vor allem ihre Ent­täuschung zum Aus­druck. Dann aber habe sich der Ton ver­schärft. Vor allem auch im Zusam­men­hang mit ein­er Veröf­fentlichung im Antifaschis­tis­chen Infoblatt, als deren Urhe­ber Land­graf ange­se­hen wurde. Die Fra­gen wur­den gereizter und vor allem dro­hen­der. Ehe­ma­lige Fre­unde hät­ten begonnen, ihn zu beobacht­en. Im Dezem­ber kam es dann zu ein­er direk­ten Auseinan­der­set­zung auf einem Wei­h­nachts­markt in Berlin, der er sich nach eini­gen Belei­di­gun­gen und ver­balen Dro­hun­gen nur durch einen Rück­zug und der Fahrt mit einem Taxi habe entziehen kön­nen, wie er berichtet.

Son­ja Luzar vom Vere­in »Jugend engagiert in Pots­dam«, der Opfer rechter Gewalt unter­stützt und die Prozesse gegen Neon­azis vor Amts- und Landgericht­en beobachtet, ist sich unsich­er, welchen Ein­fluss Land­grafs Ausstieg auf die Beteili­gung von Neon­azis an laufend­en Gerichtsver­fahren habe. Sie kon­nte fest­stellen, dass ihr Erscheinen weniger organ­isiert sei und eher in kleineren Grup­pen erfolge; ins­ge­samt wür­den sie sich derzeit ruhiger ver­hal­ten. Dies führt sie allerd­ings auch darauf zurück, dass einige Recht­sex­trem­is­ten inzwis­chen auch Anzeigen wegen Belei­di­gung am Hals haben. Bei der Verkün­dung des Urteils am 28. März kam es wieder­holt zu Pöbeleien gegen linke Zuschauer im Gerichtssaal.

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