6. Mai 2005 · Quelle: taz (3.5.)

Und Ramona sah zu

(ASTRID GEISLER, taz vom 3.5.) Die Stim­mung ist beson­ders lock­er heute. Ramona P. hockt vor den Tis­chen der Kumpels. Sie trägt enge Jeans, ein kurzes Son­nen­top. Jed­er im Gerichtssaal darf ihren pink­far­be­nen Tan­ga bestaunen, den gepiercten Bauchn­abel, ihre solar­i­umver­bran­nte Haut, während sie sich um die Fre­unde küm­mert, die seit fast einem Jahr in U‑Haft sitzen: Ob sie noch etwas Ess­bares organ­isieren solle bis zum Beginn der Ver­hand­lung? Einen Dön­er vielle­icht? “Ein halbes Schwein auf Toast”, blökt ein Kumpel aus dem Pub­likum­sraum. Das kommt an, die Män­ner auf der Anklage­bank lachen, dass ihre Muskeln wip­pen.

Es geht hier nicht um geklaute Lip­pen­s­tifte oder eine Prügelei unter Halb­starken. Es geht um eine Gewal­torgie — ein Neon­azi-Ver­brechen, sagt die Staat­san­waltschaft. Den Angeklagten dro­hen bis zu 15 Jahre im Gefäng­nis.

Acht Wochen ist es inzwis­chen her, dass die fünf jun­gen Leute im Landgericht Frank­furt an der Oder ihre Ver­sio­nen der Tat zu Pro­tokoll geben soll­ten. Trotzig klang Ramona P., 25, damals. “An den ganzen Scheiß kann ich mich so genau nicht mehr erin­nern! Sor­ry — so was hab ich auch noch nicht erlebt. Das war wie im schlecht­en Hor­ror­film.”

Viel hat Ramona P. gese­hen an jen­em Mor­gen im ver­gan­genen Juni, als die Dis­cothek “B5” schon dicht gemacht hat­te, aber die Par­ty noch weit­erge­hen sollte für sie und ihre Clique. Sie saß auf der Couch neben ihrer Fre­undin Stephanie L., 20, in ein­er engen Ein-Raum-Woh­nung im Plat­ten­bau­vier­tel Neu­beresinchen. Die bei­den waren den Kumpels gefol­gt, die hier etwas “regeln” woll­ten mit Bekan­nten — zuge­dröh­nt mit Bier und Dro­gen. Die Frauen schaut­en zu, wie es so lief, gut zweiein­halb Stun­den lang. Ange­blich amüsierten sie sich nicht schlecht auf dem Sofa, lacht­en, feuerten an, während die Fre­unde das nack­te Opfer schlu­gen, trat­en und verge­waltigten, mit allem, was sich dafür so auf die Schnelle in Küche und Bad fand. Mess­er, Sup­penkelle, Klobürste.

Am Anfang, da sei die Stim­mung “eigentlich super” gewe­sen, berichtete Ramona P.: “Es waren halt nur alle besof­fen.” Am Ende pul­ste dem Opfer das Blut aus Kopfwun­den, es rann aus seinem After ver­mis­cht mit Kot, Gun­nar S. trug Brand­male eines Bügeleisens an Brust und Gesäß, Rip­pen waren gebrochen, der Darm war geris­sen. Der 23-Jährige hat­te Taubenkot gegessen, sein Erbroch­enes aufg­eleckt, Urin und Reini­gungsmit­tel getrunk­en. Er war dem Tod nahe. Er musste sich wieder anziehen, er durfte gehen. Auch Ramona P. ging mit ihrer Fre­undin und deren Ver­lobtem Daniel K., 21, nach Hause. Nie­mand rief die Polizei, nie­mand den Arzt. Dass das Opfer nicht verblutete, war Zufall.

Wie ihr diese Stun­den vorgekom­men seien, wollte das Gericht später von Stephanie L. wis­sen: “Für mich war′s nicht o.k.”, sagte die junge Frau kühl.

Manch­mal sitzen die Richter den Angeklagten gegenüber mit Mienen stumpf vor Rat­losigkeit, die Gesichter so ble­ich, dass man ihnen eine Kreis­lauftablette holen möchte oder wenig­stens einen starken Kaf­fee. Woher kommt diese Bru­tal­ität? Was bringt diese junge Frauen mit lack­ierten Fin­gernägeln und blondierten Pfer­de­schwänzen dazu, solchen Wider­wär­tigkeit­en zuzuse­hen? Müsste es nicht wenig­stens eine außergewöhn­liche Erk­lärung geben für diese beispiel­lose Tat?

Gun­nar S. kan­nte die Clique nur lose, lief ihr in die Arme auf der Thoma­siusstraße, ein­er vergesse­nen Ecke, wo die Plat­ten­bausied­lung endet und man auf Bau­markt, Heizkraftwerk und die Schnell­straße dahin­ter blickt. Manchen Blocks ist kaum anzuse­hen, ob sie schon zum Abriss geräumt sind oder nur herun­tergekom­men, ihre Fas­saden sehen aus wie wund. Man möchte sich nicht vorstellen, was dahin­ter noch so geschieht, aber nie bekan­nt wird, weil es All­t­ag ist hier. In der Thoma­siusstraße 25 ließ eine Mut­ter im Juni vor sechs Jahren ihre Kleinkinder ver­dursten, die Nach­barn ignori­erten die Schreie. Vor der Haus­num­mer 5 schnappten sich die Män­ner ihren Bekan­nten Gun­nar S., “bat­en” ihn hin­auf.

Ange­blich, weil er die Tochter eines befre­un­de­ten Tax­i­fahrers verge­waltigt hat­te, weil man das nicht durchge­hen lassen kon­nte. Ein Gerücht? Weniger als das? Die 15-jährige Maria jeden­falls wusste den Richtern nichts Schlimmes zu bericht­en.

Gun­nar S. war kein Erfol­gre­ich­er, eben­so wenig wie seine Peiniger. Ohne Beruf, ohne Plan, ohne Halt. Mit dem Unter­schied, dass er früher bei den Punks herumhing. Die angeklagten Män­ner schlossen sich den Neon­azis an. Der Staat­san­walt sieht darin ein Motiv. Die Täter hät­ten nicht nur aus pur­er Lust an Gewalt gequält, son­dern getrieben von “ein­er auf tief­ster Stufe ste­hen­den men­schen­ver­ach­t­en­den dumpfen recht­sex­trem­istis­chen Ein­stel­lung”.

Kein­er der Anwe­senden bestre­it­et, was Daniel K. brüllte, als das Opfer vor ihm kni­ete, nackt, auf allen vieren: “Du bist nicht arisch! Du bist weniger wert als ein Hund!” Das Gericht hielt sich nicht lange auf mit den Sätzen des gescheit­erten Mau­r­erlehrlings, der zulet­zt seinen Wehr­di­enst absolvierte. Ver­mut­lich auch, weil aus dem Angeklagten dazu wenig her­auszukriegen war. Ihm sei das “ein­fach bloß einge­fall­en, weeß ick nicht”, brum­melte Daniel K. “Nicht arisch” bedeute “nicht deutsch, und dass das nicht nor­mal ist, wenn man ein kleines Mäd­chen sex­uell belästigt”.

Gun­nar S. ist deutsch, aber da waren die Kumpels nicht pin­gelig. Man hat­te jeman­den für wert­los erk­lärt, man durfte draufhauen nach Herzenslust. Dass sich ger­ade Ron­ny B., 29, und David K., 24, diese Chance nicht ent­ge­hen ließen, es scheint fast zwangsläu­fig, angesichts ihrer Vorstrafen­reg­is­ter. Warum aber unter­nah­men die Frauen keinen Ver­such, ihre Fre­unde zu stop­pen? Wieso türmten sie nicht wenig­stens?

Die Richter haben Ramona P. und Stephanie L. genau das gefragt, immer wieder, stun­den­lang. Was sie hörten, waren Recht­fer­ti­gun­gen — Sätze, roh und so weit jen­seits der Scham­gren­zen, dass sie noch Wochen später im Gehör­gang kreiseln. Wie viel davon darf man über­haupt in die Zeitung schreiben?

“Scheißende Angst” habe sie durch­lit­ten auf der Couch, sagt Ramona P. Ihre Fre­undin will sich “sog­ar das Pinkeln verknif­f­en” haben aus Furcht vor den “aus­get­ick­ten” Män­nern. Den Vor­wurf, sie hät­ten trotz­dem den Arzt rufen müssen, weist Ramona P. von sich: “Ich wusste nicht, dass er blutete, ich dachte, das ist Scheiße — wenn man jeman­dem etwas in den Hin­tern steckt, kommt nor­maler­weise Scheiße raus!” Und als Gun­nar sich wieder ange­zo­gen hat­te, sagt sie, da “sah man die Haut­fet­zen doch nicht mehr”.

Ramona P. und Stephanie L. haben keine Vorstrafen, sind nie als recht­sex­trem aufge­fall­en. Wenn sie etwas mit den Haupt­tätern verbindet, dann ihre Lebens­geschicht­en. Geschicht­en, in denen die Angeklagten nicht nur Täter sind, son­dern auch Opfer.

So beispiel­los das Ver­brechen an Gun­nar S. erscheint, Fach­leute wie der Berlin­er Poli­tik­wis­senschaftler Michael Kohlstruck erken­nen eine Rei­he von Merk­malen wieder, die sie für typ­isch hal­ten: Die Täter set­zen Schlag­worte aus der recht­sex­trem­istis­chen Ide­olo­gie ein, “ihre Tat hat aber offen­sichtlich kein poli­tis­ches Ziel”. Die Ver­brechen wer­den meist aus ein­er Gruppe her­aus verübt. Die Frauen ste­hen oft in Abhängigkeitsver­hält­nis­sen zu den Schlägern. Er kenne keinen Fall, wo die Ini­tia­tive nicht von den Män­nern aus­ging, sagt Kohlstruck: “Hät­ten die Män­ner nicht das Niveau von Gewalt vorgegeben — von den Frauen wäre das nie gekom­men.”

Kohlstruck beschäftigt sich am Zen­trum für Anti­semitismus­forschung der TU Berlin mit Recht­sex­trem­is­mus und Jugendge­walt. Sein­er Mei­n­ung nach ist der “Extrem­is­mus im Sozialver­hal­ten” der Täter typ­isch für solche Ver­brechen. Es sind Ver­brechen began­gen von jun­gen Leuten aus “Über­gangsszenen” — krim­inell, bru­tal, alkoholgetr&
auml;nkt. Szenen von Losern, Trinkern, Schlägern, jun­gen Leuten mit “erhöht­en Moral- und Sozial­i­sa­tions­de­fiziten”. Sie haben sich und ihre Biografien aufgegeben, lange vor dem 30. Geburt­stag.

Ramona P. zum Beispiel. Ihr Vater trank, die Mut­ter war tablet­ten­ab­hängig, der Stief­vater verg­ing sich an dem Mäd­chen. Ramona P. musste ins Heim. Mit 15 wurde sie schwanger, das Baby kam zu Pflegeel­tern, Ramona P. brachte ein zweites Kind zur Welt, ihre Aus­bil­dung schaffte sie nicht. Auch die mitangeklagte Fre­undin stammt aus ein­er kaput­ten Fam­i­lie, wurde als Jugendliche miss­braucht. Als Beruf gab sie dem Gericht “Assis­tentin in einem Dom­i­na-Stu­dio” an.

Das psy­chol­o­gis­che Gutacht­en attestiert Ramona P. eine nor­male Intel­li­genz, aber schwere Per­sön­lichkeitsstörun­gen, darunter eine “affek­tiv ver­flachte Hal­tung den Gefühlen ander­er gegenüber”. Zu Stephanie L. notierte die Gutach­terin, die “emo­tionale Schwingungs­fähigkeit” der 20-Jähri­gen wirke “ver­min­dert”.

Stephanie L. und Ramona P. sehen nicht ein, wieso der Staat­san­walt ihnen Bei­hil­fe zu dem Ver­brechen vor­wirft. Sie bestre­it­en, ange­feuert oder gelacht zu haben. “Ich bin schuldig, weil ich keine Polizei gerufen habe”, sagte Ramona P. Son­st habe sie doch “nichts gemacht”.

Selb­st umfassende Ein­sicht und Reue kön­nen fremd klin­gen, wenn sie kund­getan wer­den von einem wie dem Angeklagten Ron­ny B.: “Wat hier passiert is, dit is ein biss­chen zu fett gewe­sen”, ver­sicherte der 29-Jährige den Richtern. Er wolle sich “ganz her­zlich entschuldigen”. David K. beteuerte, inzwis­chen tue ihm das Opfer wirk­lich Leid: Die Sache sei ein­fach “scheiße” gelaufen.

Ihr Opfer haben die fünf nicht mehr gese­hen seit jen­em Mor­gen im Juni. Gun­nar S. schleppte sich nach der Tat in seine Woh­nung. Ein Fre­und fand ihn, der Schw­erver­let­zte wurde notoperiert, ins Koma ver­set­zt, bekam einen kün­stlichen Dar­maus­gang.

Gun­nar S. sagte nur vor ein­er Videokam­era aus, seine Ärzte hat­ten gewarnt, ihn den Tätern nicht noch ein­mal auszuset­zen. Die öffentlichkeit bekam die Bilder nicht zu sehen. Bis heute lei­det der junge Mann an Flash­backs, Alp­träu­men, Angstzustän­den und kör­per­lichen Schmerzen. Er hat Frank­furt ver­lassen, er wollte sich das Leben nehmen. Unlängst wurde Gun­nar S. als schwerbeschädigt anerkan­nt. Er ist jet­zt Rent­ner.

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