13. November 2003 · Quelle: Berliner Zeitung

Verprügelt und dann auf die Gleise geworfen

(Katrin Bischoff) KÖNIGS WUSTERHAUSEN. Er hat­te mit Stahlkap­pen beset­zte Springer­stiefel an. Die Stiefel waren mit den für die rechte Szene typ­is­chen weißen Schnürsenkeln geschnürt. Mit diesen Stiefeln trat Steven N. im Mai 2003 auf einen am Boden liegen­den und schon schw­er ver­let­zten Rus­s­land­deutschen ein. Den Fre­und des Opfers trak­tierte er mit Faustschlä­gen. Wegen dieser Tat­en wurde der 22-jährige Treb­bin­er am Mittwoch vor dem Amts­gericht in Königs Wuster­hausen zu dreiein­halb Jahren Haft verurteilt. Der ein­schlägig vorbe­strafte Mann habe mit hoher krim­ineller Energie gehan­delt, sagte Rich­terin Hei­drun Griehl. Mit dem Urteil fol­gte sie dem Antrag der Staat­san­waltschaft. Neben N. kon­nte nur noch ein weit­er­er Täter ermit­telt wer­den.
Die Tat geschah am 3. Mai. Steven N. war beim Baum­blüten­fest in Werder. Auf dem Heimweg traf er im Zug auf Gesin­nungsgenossen. Die Obst­we­in­flaschen gin­gen rei­hum. Auf dem Bahn­steig in Schöne­feld kamen der Gruppe drei Jugendliche ent­ge­gen, die sich auf Rus­sisch unter­hiel­ten. Die Rus­s­land­deutschen woll­ten nach Berlin fahren, wo sie zu Hause sind. Sie wur­den angerem­pelt. Als sie sich beschw­erten, fol­gten die ersten Schläge von “ein­er Horde angetrunk­en­er Skin­heads”, die T‑Shirts tru­gen, die auf der Vorder­seite eine 88 zeigten, so Staat­san­walt Peter Petersen. H ist der achte Buch­stabe im Alpha­bet, 88 ste­ht für Heil-Hitler.

Auf Inten­sivs­ta­tion aufgewacht

Ein­er der drei Jugendlichen kon­nte fliehen. Den anderen bei­den Schülern gelang dies nicht. Steven N. sei völ­lig aus­gerastet, sagte Petersen in seinem Plä­doy­er. Er habe sich den 15-Jähri­gen gegrif­f­en, auf ihn eingeprügelt und diesen schließlich auf die Gleise gewor­fen. Dort habe er auch gegen den bere­its am Boden liegen­den 17-jähri­gen Rus­s­land­deutschen getreten. Was­sili K. war bewusst­los. K. über­lebte den Über­fall nur, weil die Polizei ein­schritt. Der Schüler kam erst auf der Inten­sivs­ta­tion wieder zu sich. “Wir müssen sich­er­stellen, dass Men­schen, die anders sprechen oder ausse­hen, aus der S‑Bahn steigen kön­nen, ohne dann Stun­den später auf der Inten­sivs­ta­tion zu liegen”, so der Staat­san­walt. Rich­terin Griehl fügte hinzu, es sei auch nicht auszu­denken, was passiert wäre, wenn ein Zug einge­fahren wäre.

Fredrik Rog­gan, der Anwalt eines der Opfer, hat­te eine Haft­strafe von vier Jahren gefordert. Für ihn gren­zte die Tat an ein ver­sucht­es Tötungs­de­likt. “Mit solchen Stiefeln kann man so schwere Ver­let­zun­gen zufü­gen, dass jemand stirbt”, sagte er. Dann machte er auf die große Zahl von frem­den­feindlichen Attack­en aufmerk­sam. “Ich lese nach jedem Woch­enende in den Zeitun­gen davon”, sagte Rog­gan.

Laut Innen­min­is­teri­um wer­den es “zumin­d­est nicht mehr” poli­tisch motivierte Straftat­en, so Ressort-Sprech­er Wolf­gang Brandt. Zudem sei der Anteil von Jugendlichen an der Zahl der Tatverdächti­gen geringer gewor­den. “Trotz­dem bleibt die Gewalt­bere­itschaft von Jugendlichen in Bran­den­burg ein Prob­lem.”

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