20. März 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

Verstärkte Nazi-Aktivitäten in Wittstock

WITTSTOCK mit 12 500 Ein­wohn­ern zweit­größte Stadt des Kreis­es Ost­prig­nitz-Rup­pin, zehn Kilo­me­ter vor der Gren­ze zu Meck­len­burg-Vor­pom­mern gele­gen, entwick­elt sich nach Ein­schätzung von Sicher­heits­be­hör­den immer stärk­er zu einem Schw­er­punkt recht­sex­trem­istis­ch­er Umtriebe und Gewalt in Bran­den­burg. Bis Ende vorigen Jahres wurde im Zuständigkeits­bere­ich der Polizei­wache Witt­stock ein 42-prozentiger Anstieg extrem­istis­ch­er Straftat­en gegenüber dem Vor­jahr reg­istri­ert. Der Zuwachs extrem­istis­ch­er Delik­te im gesamten Schutzbere­ich Ost­prig­nitz-Rup­pin betrug demge­genüber nur vier Prozent.

 

Das Pots­damer Innen­min­is­teri­um hat auf diese Entwick­lung inzwis­chen reagiert und in Witt­stock eine weit­ere Son­derkom­mis­sion (Soko) gegen extrem­istis­che Gewalt instal­liert. “Witt­stock ist unser absoluter Schw­er­punkt”, sagt Krim­i­nal­haup­tkom­mis­sar Stef­fen Deck­er. Der 45-Jährige leit­et die neue “Soko Tomeg Nord”. “Tomeg” ste­ht dabei für “Täteror­i­en­tierte Maß­nah­men gegen extrem­istis­che Gewalt”.

 

Die “Tomeg Nord” ist die siebte Ein­rich­tung ihrer Art in Bran­den­burg und die erste, die schutzbere­ichs- und län­derüber­greifend operiert. Deck­ers Mitar­beit­er haben deshalb nicht nur das recht­sex­treme Klien­tel in Witt­stock im Blick, son­dern auch das der Nach­barstadt Pritzwalk sowie die Neon­azi-Szene aus dem südlichen Meck­len­burg.

 

“Die Täter bei uns han­deln ver­mehrt schutzbere­ich­süber­greifend”, begrün­det Deck­er das Konzept. Nach Beobach­tun­gen der Polizei ver­mis­chen sich die Szenen. Dabei zeigt sich allerd­ings, dass recht­sex­treme Täter aus dem Raum Pritzwalk eher in Witt­stock zuschla­gen als Witt­stock­er in Pritzwalk. Die Zahlen sprechen für sich: Während die extrem­istis­chen Straftat­en rund um Witt­stock um 42 Prozent anstiegen, sanken sie im Bere­ich der Polizei­wache Pritzwalk im ver­gan­genen Jahr um 37 Prozent. Ein Grund für diese Ver­schiebung ist ver­mut­lich die stre­it­bare linke Szene, die es in Pritzwalk gibt, nicht aber in Witt­stock.

 

Die nahe Gren­ze zu Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat zudem die Koop­er­a­tion der Neon­azi-Szenen bei­der Län­der befördert. “Wir müssen deshalb län­derüber­greifend han­deln”, sagt Krim­i­nal­ist Deck­er. Darüber hin­aus soll es gute Kon­tak­te zur Berlin­er Neon­azi-Szene geben.

 

Die Witt­stock­er reagieren längst verängstigt auf die aggres­siv auftre­tenden Neon­azis. Bei ein­er MAZ-Bürg­er­be­fra­gung Ende vorigen Jahres sagte Mes­sali­na Mar­nitz: “Abends laufe ich auf keinen Fall alleine durch die Stadt, denn hier ist ja schon fast jeden Abend Tre­ff­punkt der Glatzen.” Und San­dra Seerig forderte: “Hier sollte man erst ein­mal die eige­nen Prob­leme, wie zum Beispiel Auss­chre­itun­gen von Jugendlichen in die Rei­he kriegen.”

 

Die Empfind­un­gen wer­den durch Erken­nt­nisse der Polizei unter­mauert: Recht­sex­trem­istis­che und all­ge­meine Gewalt bilden danach ein dif­fus­es Gemisch. Etliche Neon­azis verüben auch Gewalt­tat­en ohne poli­tis­chen Hin­ter­grund, und All­ge­meinkrim­inelle haben Berührungspunk­te mit recht­sex­trem­istis­chen Tätern. 115 gewalt­tätige und dabei oft recht­sex­treme junge Män­ner hat die “Tomeg Nord” im Blick: 60 aus Witt­stock, 30 aus Pritzwalk, 25 aus Meck­len­burg. Darunter sind in Witt­stock 30 Recht­sex­trem­is­ten und 15 in Pritzwalk. Zum ide­ol­o­gisch harten Kern zählen in Witt­stock 15, in Pritzwalk zehn Per­so­n­en. “Die Dunkelz­if­fer liegt wesentlich höher”, ver­mutet Deck­er jedoch.

 

Da die Tomeg sich nicht allein auf die Delik­te konzen­tri­ert, son­dern auf die Täter, kann sie alle strafrel­e­van­ten Infor­ma­tio­nen über ihr Klien­tel bün­deln. “Wir ver­sprechen uns viel davon, wenn der Staat­san­walt die gesamte Geschichte eines Täters ken­nt”, sagt Deck­er. “Das Ziel ist eine stren­gere Strafver­fol­gung.”

 

Dass Witt­stock als eine neue Hochburg des Recht­sex­trem­is­mus in Bran­den­burg wahrgenom­men wird, hängt offen­bar eng mit ein­er Einzelper­son zusam­men. Im Mit­telpunkt des recht­sex­tremen Net­zw­erks in Nord­bran­den­burg ste­ht Land­wirt Mario Schulz aus Cum­losen bei Wit­ten­berge, langjähriger Vor­sitzen­der des NPD-Kreisver­ban­des OPR.

 

Der Lan­desparteitag der NPD am 17. Feb­ru­ar im Kreis Ober­hav­el hat den Mittdreißiger sog­ar mit großer Mehrheit zum Vor­sitzen­den des gemein­samen Lan­desver­ban­des Berlin-Bran­den­burg bes­timmt.

 

“Gewählt wurde Herr Schulz ver­mut­lich wegen sein­er Rührigkeit und seines Organ­i­sa­tion­stal­ents. Es ist ihm gelun­gen, in bes­timmten Abstän­den immer wieder Demon­stra­tio­nen auf die Beine zu stellen”, schätzt ein Sicher­heit­sex­perte die Lage ein.

 

Allein seit August 2001 hat­te NPD-Funk­tionär Schulz sechs Demon­stra­tio­nen in Witt­stock und Neu­rup­pin angemeldet und sich damit in der Szene pro­fil­iert. Dabei trat die recht­sex­treme Partei stets verdeckt als “Aktion­s­ge­mein­schaft für Frieden und Selb­st­bes­tim­mung” oder “Aktion­s­ge­mein­schaft der Anständi­gen” an die Öffentlichkeit.

 

Beson­ders provozierte Schulz bei ein­er anti-amerikanis­chen Kundge­bung am 22. Sep­tem­ber in Neu­rup­pin, als er — strafrechtlich allerd­ings uner­he­blich — eine US-amerikanis­che Flagge ver­bran­nte.

 

Auch wenn Schulz darauf achtet, dass NPD-Mit­glieder nicht mit dem Gesetz in Kon­flikt ger­at­en, nach Ein­schätzung der Sicher­heits­be­hör­den ist der “Chef­dy­namik­er” (so ein Experte) auch der “Kristalli­sa­tion­spunkt für die nich­tor­gan­isierte Szene”.

 

Wozu die imstande ist, zeigte sie am 13. Okto­ber im Witt­stock­er Jugend­club “Havan­na”: 58 Neon­azis aus Nord­bran­den­burg und Meck­len­burg-Vor­pom­mern gröl­ten “Wir lieben Adolf Hitler” und hörten laut­stark volksver­het­zende Texte der indizierten Berlin­er Nazi-Skin­head­band “Landser”. Als die Polizei das Treiben been­den wollte, ver­bar­rikadierten sich die Neon­azis und liefer­ten sich eine Saalschlacht mit den Polizis­ten, die sie mit Flaschen, Tis­chen und Stühlen bom­bardierten.

 

 


Wo ist der Neger?
Ein­er der rabi­at­esten Über­fälle des vorigen Jahres in Bran­den­burg ereignete sich am 20. Mai in Witt­stock. Mit den Worten “Wo ist der Neger?” stürmten fünf junge Neon­azis eine Woh­nung, in der sie den dunkel­häuti­gen Manuel G. ver­muteten. Als ein­er der Ver­mummten den Gesucht­en auf dem Balkon ent­deck­te, hangelte sich der 23-Jährige auf den Balkon des drit­ten Stock­w­erks. Anschließend stürzte er in die Tiefe. Der junge Mann ver­let­zte sich glück­licher­weise nur leicht.

 

Beim Prozess gegen den 18-jähri­gen Haup­tangeklagten Den­nis St. zeigte sich die Dreistigkeit der Witt­stock­er Neon­azi-Szene erneut. Als der 18-jährige Mar­co S. mit seinem offen zur Schau gestell­ten “NSDAP”-T-Shirt provozierte, ließ ihn der Staat­san­walt im Gerichtssaal fes­t­nehmen. Die zum Prozess angereis­ten 25 Jung-Neon­azis schwiegen. “Die waren wohl geschockt, dass ein Staat­san­walt so durch­greift”, ver­mutete Neu­rup­pins Chefan­kläger Gerd Schnittch­er. Der Haup­tangeklagte wurde zu drei Jahren und drei Monat­en Haft verurteilt, das Ver­fahren gegen die vier Mitangeklagten wurde abge­tren­nt, das Urteil gegen sie wird für heute vor dem Neu­rup­pin­er Amts­gericht erwartet.

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