4. April 2002 · Quelle: berliner morgenpost | berliner zeitung

Verteidiger will Milde für eine «brutale, bestialische Tat»

berlin­er mor­gen­post:

Vertei­di­ger will Milde für eine «bru­tale, bes­tialis­che Tat»

Plä­doy­ers im Prozess um zu Tode gequäl­ten Obdachlosen — Staat­san­waltschaft fordert hohe Strafen für die Angeklagten

Pots­dam — Eine «bru­tale und bes­tialis­che Tat, die hart bestraft wer­den muss», nen­nt es Recht­san­walt Horst Hol­ger Winz­er — und fordert den­noch Milde für seinen Man­dan­ten Ron­ny R. Der junge Mann ist zusam­men mit vier Kumpa­nen angeklagt, im August 2001 den Dahle­witzer Obdachlosen Dieter Manzke buch­stäblich zu Tode gequält zu haben.

Milde fordert der Vertei­di­ger deshalb, weil Manzke vielle­icht gar nicht getötet wer­den sollte. Milde also für Schläge und Tritte mit Stahlkap­pen­schuhen, für die unzäh­li­gen Knochen­brüche — allein 16 Rip­pen­brüche hat­te die Gerichtsmedi­ziner­in fest­gestellt — , und Milde für Schädel­bruch, die zertrüm­merte Nase, ein gebroch­enes Schlüs­sel­bein sowie Blu­tun­gen in Rück­en und Hirn des Opfers.

Statt des Tötungsvor­satzes, entschei­dend für eine Verurteilung wegen Mordes, sei im Ver­lauf des «Suf­fi aufk­latschen», so der Jar­gon, ein «grup­pen­dy­namis­ch­er Prozess» in Gang gekom­men. Für Manzke mit tödlichen Fol­gen. Er erstick­te schließlich auf­grund inner­er Ver­let­zun­gen am eige­nen Blut.

Drei der fünf Vertei­di­ger plädierten gestern im Prozess um den Tod des Dahle­witzer Obdachlosen vor dem Pots­damer Landgericht. Allen dreien ist klar, dass ihre Man­dan­ten, die während des Ver­fahrens umfassende Geständ­nisse ablegten, kaum um eine Strafe herumkom­men wer­den. Deshalb verzichteten die Anwälte darauf, ein Straf­maß zu nen­nen und ver­sucht­en, möglichst viel von der Schuld ihrer Man­dan­ten herun­terzure­den und deren Reue zu bele­gen.

So ist Ron­ny R. nach den Worten seines Anwalts inzwis­chen bibel­treu gewor­den. Demon­stra­tiv betrat der junge Mann denn auch den Gerichtssaal mit der Heili­gen Schrift in der Hand. Oder Ralf W. Sein Vertei­di­ger Ronald Garken attestiert ihm Entwick­lungs­de­fizite und einen Intel­li­gen­zquo­tien­ten am unteren Rande der Lern­fähigkeit.

Für Dirk R., der als der Kopf der Gruppe und treibende Kraft der Tat gilt, weiß sein Anwalt ins Feld zu führen, dass seine Per­sön­lichkeit gestört sei, und sein Geständ­nis, das als «Zeug­nis sein­er täti­gen Reue» ver­standen wer­den müsse.

Fast reg­los und mit gesenk­ten Köpfen sitzen die jun­gen Män­ner auf hin­tere­inan­der aufgestell­ten Stühlen und vernehmen das wenige Ent­las­tende, was ihre Anwälte vorzubrin­gen haben.

Ent­las­ten­des hat­te Staat­san­walt Peter Petersen in seinem Plä­doy­er kaum fest­stellen kön­nen. Rädels­führer Dirk R. soll für 13 Jahre hin­ter Git­ter. Er gilt nach einem psy­chi­a­trischen Gutacht­en für ver­min­dert schuld­fähig. Ein 22-jähriger Angeklagter soll lebenslänglich in Haft. Für die drei übri­gen Angeklagten hat­te der Ankläger Jugend­strafen zwis­chen fünf und acht Jahren ver­langt. Die Plä­doy­ers wer­den Mon­tag fort­ge­set­zt. Das Urteil soll am 10. April fall­en.

berlin­er zeitung:

“Es war kein Mord”

Aus Sicht der Vertei­di­ger haben die Angeklagten ihr obdachlos­es Opfer “unbe­ab­sichtigt” getötet

POTSDAM. Fast kön­nten die Prozess­beobachter Mitleid bekom­men mit den fünf jun­gen Män­nern, die in ein­er Rei­he hin­tere­inan­der im Saal 015 des Landgerichts Pots­dam sitzen. Zusam­menge­sunkene Oberkör­p­er, schamhaft gesenk­te Köpfe, die sich am Mittwoch nicht ein einziges Mal in der mehr als ein­stündi­gen Ver­hand­lung heben. Die fünf sprechen nicht ein­mal mit ihren Anwäl­ten. Sie schweigen wie reuige Sün­der. Doch sie sind angeklagt des Mordes an dem alko­holkranken Obdachlosen Dieter Manzke aus Dahle­witz (Tel­tow-Fläming).
Manzke hat­te sich in der Nacht zum 9. August 2001 mal wieder in ein­er frem­den Datsche schlafen gelegt. Das wurde ihm zum Ver­häng­nis, denn die fünf jun­gen Män­ner aus der Gegend — alle im Alter von 17 bis 22 Jahren — stat­teten ihm einen “Besuch” ab. Motiv: Der Mann habe dort nichts zu suchen gehabt, deshalb sollte er ver­trieben wer­den. Eine halbe Stunde lang mal­trätierten sie den schmächti­gen Alten mit Trit­ten, Schlä­gen und Zigaret­tenkip­pen. Sie sprangen dem hil­flosen Mann auf dem Bauch herum. Als sich der schw­er Ver­let­zte nicht mehr regte, schleiften sie ihn in ein Gebüsch und ließen ihn ein­fach liegen. Manzke erstick­te an seinem eige­nen Blut. Die Obduk­tion ergab 16 Rip­pen­brüche, zahllose Blutergüsse, Frak­turen des Schlüs­sel­beins und der Augen­höhlen, aus­geschla­gene Zähne, aufgeris­sene Lip­pen und Ohren. Das Rip­pen­fell war geris­sen, Darm und Magen ver­let­zt. Dieter Manzke hat­te keine Chance.

Den­noch bat­en alle drei Vertei­di­ger, die am Mittwoch sprachen, das Gericht um milde Strafen, um die Chance zum Neuan­fang für ihre Man­dan­ten. Und sie wandten sich gegen den Staat­san­walt, der wegen der “sadis­tis­chen Quälereien” an dem wehrlosen Opfer und der niederen Motive für die Tat eine möglichst harte Verurteilung wegen Mordes gefordert hat­te. “Das war kein Mord”, sagte Vertei­di­ger Horst-Hol­ger Winz­er, der den 20-jähri­gen Ralf W. ver­tritt. Die Angeklagten hät­ten sich zwar ein­er “ganz bes­tialis­chen und bru­tal­en Tat” schuldig gemacht, aber sie hät­ten nicht in Tötungsab­sicht gehan­delt. “Es war keine Gruppe recht­sradikaler Jugendlich­er, die in Mord­lust gequält hat”, sagt Winz­er. “Sie haben eine Kör­per­ver­let­zung mit Todes­folge, aber keinen Mord began­gen”, sagte er. Sie seien alko­holisiert gewe­sen. Anges­tachelt von dem Haup­tangeklagten und Anführer der Gruppe, dem 21-jähri­gen Dirk R., hät­ten sie sich immer weit­er in ihre Tat hineingesteigert. “Aber sie sind nicht von ein­er Tötung aus­ge­gan­gen”, sagt Winz­er.

Auch der Vertei­di­ger des Haup­tangeklagten spricht seinen Man­dan­ten von Mord­ab­sicht frei. “Es war eine Alko­holtat”, sagt Hans-Jür­gen Kern­bach. Dirk R. habe nachgewiesen­er­maßen eine erhe­bliche Per­sön­lichkeitsstörung, sei kein Recht­sradikaler, son­dern nur ein nicht vorbe­strafter Autodieb. “Die Fol­gen, die einge­treten sind, waren nicht geplant”, sagt Kern­bach. Sein Man­dant habe sich inzwis­chen gewan­delt, habe “sich nicht geschont, son­dern sich mit seinen Aus­sagen selb­st belastet”. Er habe mit seinem Tun abrech­nen wollen. Deshalb und wegen der psy­chis­chen Störung seines Man­dan­ten fordert auch Kern­bach Milde.

Die Vertei­di­ger ließen die Frage nach dem Tat­mo­tiv unbeant­wortet. Sie sprachen von der schw­eren Kind­heit der Täter, die teil­weise einen “Intel­li­gen­zquo­tien­ten kurz vor der Lern­be­hin­derung”, Erziehungs­de­fizite und ein gestörtes Sozialver­hal­ten hät­ten. Sie sprechen von Grup­pen­dy­namik und Mitläufer­tum. Doch sie haben keine Begrün­dung, warum die fünf an jen­em Tag zu Dieter Manzke gin­gen und den hil­flosen Mann ohne Anlass so schw­er mis­shan­del­ten, dass er daran “unbe­ab­sichtigt” starb.

Das Urteil soll am 10. April gesprochen wer­den.

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