24. März 2003 · Quelle: MAZ

Videoüberwachung an Bahnhöfen: Rückgang der Kriminalität

POTSDAM Men­schen­massen strö­men von der Straßen­bahn zum Hauptbahnhof,
Aut­o­fahrer stellen ihr Fahrzeug ab, Touris­ten kauen Bratwurst, Kinder
laufen
über eine Kreuzung, Rad­fahrer ket­ten ihre Draht­e­sel los und fahren
davon.
Der All­t­ag am Pots­damer Haupt­bahn­hof ist quirlig, aber nicht unbedingt
span­nend. Den­noch ver­fol­gt Polizei­haup­tkom­mis­sar Fritz Zie­mann das
Geschehen
nun schon seit sechs Stun­den — und das aus der Per­spek­tive von gleich
sechs
Kameras.

 

24 Stun­den ist die Videoüberwachungszen­trale in der Hauptwache der
Potsdamer
Polizei beset­zt. Auf den Mon­i­toren ist der Verkehrsknoten­punkt von der
Nord‑, Süd- und West­seite zu sehen. Speziell überwacht wer­den auch die
Fahrrad­stellplätze und der große Park­platz gegenüber dem Nordausgang.
Für
die Polizei galt der gesamte Bere­ich als Kriminalitätsschwerpunkt.

 

“Das ist seit der Videoüberwachung nicht mehr so”, sagt Zie­mann. Denn
er und
seine Kol­le­gen beobacht­en nicht nur harm­lose Pas­san­ten. Immer wieder
werden
sie Zeu­gen von Straftat­en oder deren Vor­bere­itung. “Fahrrad­diebe auf
frisch­er Tat ertappt”, hieß es er jüngst in der Polizeimeldung.
Ziemanns
Kol­le­gen hat­ten um zwei Uhr mor­gens Jugendliche beim Auf­sä­gen von
Fahrrad­schlössern beobachtet. Nur wenige Augen­blicke später wur­den die
bei­den 15-Jähri­gen von der Polizei festgenom­men. Manch­mal sind die
Beamten
so schnell vor Ort, dass eine Straftat noch ver­hin­dert wer­den kann.
“Das ist
ja das Ziel unser­er Arbeit”, sagt Ziemann.

 

Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU) bew­ertet die im Dezem­ber 2001
eingeführte
Videoüberwachung als Erfolg. Zunächst probe­weise für fünf Jahre — das
ist
geset­zlich so fest­geschrieben — waren an so genan­nten gefährlichen
Orten in
vier bran­den­bur­gis­chen Städten elek­tro­n­is­che Augen instal­liert worden.
Das
Innen­min­is­teri­um teilte jet­zt mit, dass die Zahl der Straftat­en am
Potsdamer
Haupt­bahn­hof um 60 Prozent von 110 im Jahr 2001 auf 43 im Vorjahr
zurück
ging. Am Bahn­hofsvor­platz von Bernau ist der Rück­gang dem­nach noch
größer:
um 80 Prozent von 90 auf 20 Straftat­en. Auf Erkn­ers Bahnhofsvorplatz
wurden
noch 105 Vor­fälle reg­istri­ert, nach 210 im Jahr davor. Vor der
Großdiscothek
“Dance­house” in Rathenow sank seit der Inbe­trieb­nahme der Kam­eras die
Zahl
der Delik­te von 46 auf 26, so die Angaben des Innen­min­is­teri­ums. Für
eine
Ver­lagerung der Krim­i­nal­ität in andere Bere­iche gebe es keine Hinweise,
teilte Min­is­teri­umssprech­er Heiko Hom­burg mit. Es sei ins­ge­samt ein
Rückgang
der Krim­i­nal­ität festzustellen. 21 305 Euro kostet der Betrieb der vier
Videoan­la­gen jeden Monat. Hinzu kom­men Per­son­alkosten. Die Technik
kostete
345 000 Euro. Kri­tik­er sprechen von einem Mis­ser­folg der
Kameraüberwachung.
Dadurch werde die Krim­i­nal­ität nur an andere Stan­dorte verdrängt,
behauptet
etwa die Pots­damer Kam­pagne gegen Wehrpflicht, die die Inbetriebnahme
einst
mit ein­er Protes­tak­tion begleitete.

 

Polizei­haup­tkom­mis­sar Zie­mann geht hinge­gen davon aus, dass die
Kriminalität
ins­ge­samt zurück ging. Der Haupt­bahn­hof sei kein Schw­er­punkt für
Fahrrad­dieb­stäh­le mehr. Eine Zunahme der Delik­te an ander­er Stelle gäbe
es
hinge­gen nicht.

 

Zie­mann vertei­digt auch die Spe­icherung von Kam­er­abildern, die nur im
Ver­dachts­fall und auf Knopf­druck erfolge. Bei Straftat­en werden
einzelne
Sequen­zen aus­ge­druckt, der Vor­gang auf CD gebran­nt. Die spezielle
Software
könne nur in der Hauptwache und beim Lan­deskrim­i­nalamt gele­sen werden,
sagt
Zie­mann. Im Übri­gen wisse jed­er, der den überwacht­en Bere­ich betrete,
dass
er gefilmt wird. Schilder weisen in Deutsch und Englisch auf die
Kameras
hin. Wer sich von den täglich bis zu 70 000 Pas­san­ten nicht auffällig
ver­hält, muss laut Zie­mann auch nicht damit rech­nen, dass ihn die
Beamten
ganz nah auf den Bild­schir­men zoomen. Ganz intime Blicke bleiben aber
auch
der Polizei — zumin­d­est an den Überwachungsmon­i­toren — ver­bor­gen. Die
Sicht
in ein Fit­nessstu­dio im Bahn­hof­s­cen­ter wird durch einen weißen Kasten
auf
dem Bild­schirm verhindert.

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