1. März 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

Vielsagendes Schweigen im Mordprozess

DAHLEWITZ Fritz Lenk wartete an jen­em Mon­tag verge­blich auf den Obdachlosen Dieter Manzke. Der Bürg­er­meis­ter der Gemeinde Dahle­witz (Tel­tow-Fläming) wollte sich um eine Woh­nung für den 61-Jähri­gen küm­mern, auch sollte der alko­holkranke Mann eine Betreuerin bekom­men. Darüber wollte Lenk mit Manzke sprechen.

Am Fre­itag erfuhr Lenk, dass er nicht länger zu warten braucht. Manzke war tot — ermordet, gefoltert, zu Tode gequält, wie jet­zt im Prozess gegen seine Peiniger bekan­nt wird. Damals war alles “top secret”, sagt Lenk. “Wir wussten, dass er tot geschla­gen wurde, wie er aus­sah wurde der Öffentlichkeit nicht gesagt.”

Der 70-Jährige sitzt in einem Ver­samm­lungsraum im Bürg­erzen­trum von Dahle­witz. Früher war in der grauen, niedri­gen Baracke die bäuer­liche Han­delsgenossen­schaft unterge­bracht. Der Bürg­er­meis­ter lässt die Wochen nach dem Mord Revue passieren. Wohl ist ihm nicht dabei. Manch­mal sagt er: “Das schreiben Sie jet­zt aber nicht.” Dabei streckt er den Arm aus, als wolle er eine Gefahr abwehren. Die Angst, missver­standen zu wer­den, sitzt immer noch tief. Lenk fürchtet um Dahle­witz Ruf. Der 1800-Ein­wohn­er-Ort soll nicht als braunes Nest erscheinen. Als solch­es war er nach der Tat in die Schlagzeilen ger­at­en.

Nicht nur von der Presse, auch von der Arbeits­ge­mein­schaft Tol­er­antes Mahlow fühlt sich Lenk in die rechte Ecke gedrängt. Mit der AG lag die Gemeinde vor allem wegen der Beerdi­gung Manzkes im Clinch. Die Kom­mune und die Ange­höri­gen woll­ten den Ermorde­ten in kleinem Kreis beiset­zen, die AG hinge­gen wollte Öffentlichkeit, um ein Zeichen zu set­zen. Man traf sich schließlich getren­nt an Manzkes Grab. Lenk fühlt sich ungerecht behan­delt: “Man wollte einen recht­en Hin­ter­grund find­en, dage­gen haben wir uns ener­gisch gewehrt.”

 

 

Ver­wal­tung hat sich bemüht

Auf dem Tisch vor Fritz Lenk liegt ein Stapel Papi­er. Akribisch ist darauf notiert, was aus sein­er Sicht zum Fall Manzke zu sagen ist. Er spricht sehr sach­lich, etwa von den Bemühun­gen der Gemeinde, Manzke zu helfen. “Er wurde seit Mitte der 90er-Jahre von unser­er Behörde betreut”, sagt Lenk. Arbeit­slosen­hil­fe, Sozial­hil­fe, Mietrück­stände, es gab immer etwas zu regeln. “Die Ver­wal­tung hat sich ern­sthaft bemüht.”

Lenk ken­nt Manzke aus besseren Zeit­en. “Er war ein fleißiger Arbeit­er”, sagt der Bürg­er­meis­ter. Nach der Wende ver­lor Manzke seinen Job, der Alko­hol wurde ihm zum Ver­häng­nis. Seine Fam­i­lie zer­brach daran. Manzkes Frau starb 1998, zu seinen drei Töchtern hat­te er keinen Kon­takt . Doch da waren noch seine Kumpels. Mit denen traf er sich vor Ede­ka, vor Plus oder vor der Post. Sie tranken zusam­men Bier und Schnaps.

Neben dem grauen Gebäude mit dem gel­ben Schild über der Tür ste­ht heute kein­er mehr. “Die Tote­necke”, nen­nen sie die Stelle, an der Dieter Manzke ermordet wurde, erzählt Wolf­gang Below*. Er ist ein­er von Manzkes Fre­un­den.

Der kleine Mann mit den schul­ter­lan­gen Haaren trägt Armeeklam­ot­ten und zieht kräftig an sein­er Zigarette, die er zwis­chen Dau­men und Zeigefin­ger hält. Dann sagt er: “Er war ein Kumpel.” Was er damit meint? “Wenn er Geld hat­te, hat er welch­es gegeben.” Er und Manzke kan­nten sich seit 20 Jahren. Einen Win­ter lang hat Manzke bei Below gewohnt. Dann ist er weit­er gezo­gen. “Sobald es Früh­ling wurde, musste der Igel wieder los”, sagt Below und lächelt. Igel, so nan­nten Manzke alle, wegen sein­er Frisur.

Die Täter ken­nt Wolf­gang Below nicht, er hat sie nie gese­hen. Was er denen wün­scht? “Na”, sagt er und lacht — es klingt rau und bit­ter, “schön lange Knast”. Mehr will er nicht sagen, auch nicht über Manzke, seinen Kumpel.

Im Zeitungskiosk, in dem auch die Post in Dahle­witz unterge­bracht ist, sind ganz andere Töne zu hören. “Die kön­nen sie alle aufhän­gen”, poltert der Inhab­er und zeich­net mit der Hand fünf senkrechte Striche in die Luft, ver­mut­lich die Gal­gen. Mehr ist von ihm nicht zu erfahren: “Dazu habe ich nichts zu sagen, ich habe schon genug gesagt.”

Auch die Verkäuferin im Obst- und Gemüse­laden nebe­nan hüllt sich in Schweigen. “Wir Geschäft­sleute sagen dazu nichts, das wäre geschäftss­chädi­gend.” Warum? “Weil die einen Kun­den dafür sind und die anderen dage­gen.” Wofür und woge­gen? Sie antwortet nicht. Manzkes Mord sei gar kein The­ma für ihre Kun­den, sagt sie. Und im August, als es passiert ist? Die Verkäuferin lächelt erle­ichtert: “Da war ich im Urlaub.”

Auch im Dahle­witzer Jugend­club herrscht Sprachlosigkeit. Die 14- bis 17-Jähri­gen sitzen dicht gedrängt auf den drei Sofas neben der Ein­gangstür, trinken Cola, rauchen, die Jungs machen Fax­en, die Mädels kich­ern, der Clubleit­er Jens Fis­ch­er redet.

 

 

Als rechter Club ver­schrien

Er erzählt, dass der Club noch lange unter der Berichter­stat­tung nach dem Mord an Manzke litt. “Wir hat­ten das Image eines recht­en Jugend­clubs”, sagt der 31-Jährige. Er find­et das ungerecht, denn die Täter verkehrten dort nicht. “Ich kan­nte die Leute über­haupt nicht”, so Fis­ch­er. Aber Dieter Manzke, den kan­nte er. Manch­mal hat sich Fis­ch­er mit ihm unter­hal­ten. Den Obdachlosen kan­nten alle. “Er war immer irgend­wie präsent, sagt der 17-jährige Mar­cel. “Es fällt schon auf, dass er nicht mehr da ist.”

Die 16-jährige Marén ken­nt auch einen der Täter. Uwe R., der jüng­ste von Manzkes Folter­ern und der einzige, der nicht wegen Mordes, son­dern wegen Totschlags angeklagt ist, ging in ihre Par­al­lelk­lasse. “Das ist schon krass”, sagt die Blon­dine mit dem grell­roten Lid­schat­ten. “Von dem hätte ich das nicht gedacht, das war ein ruhiger Kunde.” Ein Recht­sradikaler ist er nach ihrer Ansicht nicht. “Ein biss­chen rechts ori­en­tiert vielle­icht”, sagt sie. Was sie damit meint, kann Marén nicht erk­lären. Sie lächelt.

“Man darf nicht jed­er Tat, die an Rand­grup­pen verübt wird, ein recht­sradikales Motiv unter­stellen”, sagt Jens Fis­ch­er. Er wehrt sich gegen die Vorverurteilung seines Jugend­clubs. Der Sozialar­beit­er erzählt, wie eine linke Grup­pierung aus Blanken­felde-Mahlow nach Manzkes Tod vor der Tür demon­stri­ert und die Mäd­chen beschimpft hat.

Dabei haben die Dahle­witzer nach Manzkes Tod gemein­sam mit zwei anderen Jugend­clubs Ver­anstal­tun­gen mit Obdachlosen organ­isiert. Die Jugendlichen soll­ten ler­nen, wie schnell man auf der Straße lan­den kann. Dieses Jahr wollen sie das christliche Sozial­w­erk Ichthys in Mahlow besichti­gen. Nor­bert Den­newill, Grün­der und Leit­er der Ein­rich­tung, küm­mert sich dort um Men­schen, die ihr Leben ohne Hil­fe nicht mehr in den Griff bekom­men. Häu­fig ist dabei Alko­hol im Spiel. Manche kom­men aus dem Knast, andere von der Straße.

Nor­bert Den­newill hat sich auch um Ron­ny und Dirk geküm­mert, zwei der Täter. “Dirk war ein Jahr hier, bei Ron­ny weiß ich es nicht genau”, sagt Den­newill. Er ist schock­iert: “Ich bin erschüt­tert, mit fehlen die Worte.” Er ist sich sich­er, dass die Täter in ihrer Kind­heit selb­st Grauen­volles erlebt haben. Deshalb hät­ten sich die fünf auch den schmächti­gen Dieter Manzke als Opfer gesucht. Der war so wehr­los wie sie selb­st als Kinder. “Die Tat zeigt, wie es in denen ausse­hen muss.” Den­newill will die Mörder nicht in Schutz nehmen. “Was passiert ist, ist eine Katas­tro­phe, denn das Leben eines Men­schen ist das Höch­ste”, sagt er, fordert aber zugle­ich “zu prüfen, ob die Täter selb­st die Möglichkeit zum Leben gekriegt haben.”

Auch Bürg­er­meis­ter Lenk grü­belt über das Motiv: “Wie kön­nen Jugendliche nur so sadis­tisch sein?”, fragt er sich. Die Bru­tal­ität und Sinnlosigkeit der Tat beun­ruhigt ihn. Sein Trost: “Dahle­witz ist zwar der Tatort, aber
die Täter selb­st sind keine richti­gen Dahle­witzer.” Ein­er war erst kurz vor der Tat zuge­zo­gen. Die anderen kom­men aus Mahlow und Blanken­felde — zwei Nach­barorten.

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