26. April 2008 · Quelle: PNN

Vier Pfennig pro Häftling

(Hen­ri Kramer) Innen­stadt — Es war ein Geschäft. Vier Pfen­nig pro Kilo­me­ter und Per­son hat die Deutsche Reichs­bahn am Völk­er­mord ver­di­ent. „An Kindern die Hälfte“, erzählt Päd­a­goge Michael Trube ein­er sech­sten Klasse der Pestaloz­za-Grund­schule in Groß Glienicke. Der 26-Jährige ist ein­er der Mitar­beit­er des „Zuges der Erin­nerung“, der heute noch im Pots­damer Haupt­bahn­hof auf Gleis 1 ste­ht. Gestern erre­ichte die bun­desweite Wan­der-Ausstel­lung die Lan­deshaupt­stadt.

Ein Zen­time­ter gle­ich hun­dert Kilo­me­ter Leid. Auf der Europa­land­karte am Anfang des Zugs zeigen rote Verästelun­gen die Streck­en, auf denen mehrere Mil­lio­nen Men­schen in Zügen quer durch Europa deportiert wur­den – darunter hun­dert­tausende Kinder und Jugendliche. Die logis­tis­che Grund­lage für den Völk­er­mord der Nation­al­sozial­is­ten in Ghet­tos oder Konzen­tra­tionslager lieferte die Deutsche Reichs­bahn.

Seit Novem­ber fährt der Zug durch Deutsch­land. Am 8. Mai soll er in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz in Polen ein­tr­e­f­fen. Er erin­nert an die Ver­strick­ung der Reichs­bahn in den Genozid. „Tre­blin­ka war ein Ziel, mehr nicht“, ertönt die Stimme von Wal­ter Sti­er in End­loss­chleife aus einem aufge­hängten Fernse­hgerät. Der alte Mann in der Röhre war Spezial­ist für Son­derzüge – auch nach Kriegsende bei der Deutschen Bahn. „Wider­wär­tig“, nen­nt Michael Trube solche Kar­ri­eren und macht die Klasse vor ihm auf diesen Aspekt der Ausstel­lung aufmerk­sam. Wie Wal­ter Sti­er sollen viele Logis­tik­er der Reichs­bahn nach dem Krieg unbeschadet weit­ergear­beit­et haben, nur wenige sollen wegen Bei­hil­fe zum Völk­er­mord belangt wor­den sein.

Die Deutsche Bahn ste­ht aber nicht nur wegen der Ver­fehlun­gen ihrer Vorgänger in der Kri­tik: Damit der „Zug der Erin­nerung“ das Schienen­netz in Deutsch­land benutzen darf, erhebt die Bahn Trassen- und Sta­tion­s­ge­bühren. Die zwei Tage in Pots­dam kosten 4000 Euro. Allerd­ings beto­nen die Ver­anstal­tungs­mach­er die rei­bungslose Zusam­me­nar­beit mit den Bahn-Ver­ant­wortlichen vor Ort. „Ich hätte es auch nicht akzep­tiert, wenn der Zug an ein­er anderen Stelle als Gleis 1 ges­tanden hätte“, sagt Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs. Im Berlin durfte der Zug nicht im neuen Haupt­bahn­hof ste­hen – ange­blich aus tech­nis­chen Grün­den.

Jen­seits solch­er poli­tis­chen Debat­ten haben sich die bei­den Voltaire-Schü­lerin­nen Nele Pröp­per und Han­na-Luise Tin­ney mit dem The­ma der Ausstel­lung befasst. Sie sucht­en einen Zeu­gen der Depor­ta­tio­nen – und fan­den Kurt Gor­manns. Im Jan­u­ar 1942 wur­den der Junge aus Pots­dam, sein Brud­er und seine Eltern ins Ghet­to nach Let­t­land deportiert. Nur er über­lebte. In Israel haben ihn die bei­den 14-Jähri­gen gefun­den, nun schreiben sie an sein­er Geschichte. „Es ist wichtig, dass solche Geschehnisse nicht in Vergessen­heit ger­at­en“, sagt Nele.

Nicht jed­er nimmt die Ausstel­lung so ernst. „Du bist doch behin­dert“, lacht ein Teenag­er mit Kopfhör­ern im Ohr. Mäd­chen kich­ern. „Ich komme später wieder, wenn die Schulk­lassen weg sind“, schimpft eine Frau. Doch bleiben solche Szenen sel­ten in den zwei Wag­gons. Viele Jugendliche ste­hen still vor Tafeln mit Geschicht­en wie der von Ursu­la, die mit 15 Jahren umge­bracht wurde, weil sie als „leben­sun­wert“ galt.

Die zwölfjährige Shan­non Adler aus der Pestaloz­za-Schule find­et solche Schick­sale bewe­gend: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewe­sen sein muss, in diesen Zügen den Trans­port über zu ste­hen.“

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