5. September 2006 · Quelle: PNN

Villa Kunterbunt

Kabel hän­gen lose herum. Manche Deck­en sind unver­putzt. Und im ober­sten Stock­w­erk liegt in einem Raum noch die Däm­mung für das Dach frei. Doch Ende des Jahres soll die Vil­la in der Rudolf- Bre­itscheid-Straße 164 fer­tig saniert sein. Für den Vere­in zur Förderung inno­v­a­tiv­er Wohn- und Lebens­for­men (InWoLe) ist damit der erste wichtige Schritt getan, in Babels­berg eines der zukün­ftig wohl größten soziokul­turellen Zen­tren von Pots­dam aufzubauen – möglichst mit Eigen­mit­teln, bis auf die Förderung zweier Sem­i­nare ohne größere finanzielle Hil­fe der Stadt.

Kat­ja Altenburg, eine der Koor­di­na­toren für das Pro­jekt, ist der Stolz über die Leis­tung anzuse­hen. Vor einem Jahr ging ihr Fördervere­in an die Öffentlichkeit: Die 15 jun­gen Leute informierten damals darüber, dass sie die Vil­la und das Grund­stück gekauft hät­ten, um dort ein „Soziales Zen­trum“ zu erricht­en. Das Haus war kaum bewohn­bar. „Wir haben hier fast alles allein saniert“, erzählt Kat­ja Altenburg. Fach­män­nern hät­ten sie nur Dinge wie den Ein­bau der Heizung über­lassen. Doch ger­ade diese Heizungsan­lage, die in dem Flach­bau neben der Vil­la ste­ht, beschreibt das Selb­stver­ständ­nis und die Arbeitsweise der Gruppe: Das riesige Heizgerät wird mit Holzhackschnitzeln betrieben. „Das ist sehr umweltscho­nend, weil es CO2-neu­tral ist und das Holz aus der Region kommt“, erk­lärt die 26-Jährige. Als pos­i­tiv­en Neben­ef­fekt der Umwelt­fre­undlichkeit bekam der Vere­in den Ein­bau der Heizung vom Bund gefördert: Wie so vieles in dem Haus, dass ohne das stetige Aus­füllen von Förder­anträ­gen so jet­zt nicht ausse­hen würde. „Daneben haben wir zusam­men einen Kred­it für den Kauf und die Sanierung des Haus­es aufgenom­men, der Rest des Geldes kommt von Unter­stützern“, sagt Kat­ja Altenburg.

Die Investi­tio­nen begin­nen sich langsam auszuzahlen. Im Haus wohnen inzwis­chen schon sechs Per­so­n­en und zahlre­iche Gäste. Fast fer­tig ist ein zukün­ftiger Mul­ti­funk­tion­sraum für Sem­i­nare und Tre­f­fen, eines der Haup­tar­beits­felder des kün­fti­gen „Pro­jekt-Zen­trums“. Eben­so nahezu betrieb­s­bere­it ist ein Medi­en­raum: Dort sollen die Nutzer beispiel­sweise sel­ber Home­pages und Filme erstellen kön­nen. In diesem Monat öffnet zudem in dem kleinen Gebäude neben der Vil­la eine offene Werk­statt. „Hier kön­nen Bewohn­er, Gäste und Nach­barn selb­st und unter Anleitung Dinge bauen, repari­eren, pro­duzieren“, erk­lärt Daniel Kagel, der diesen Bere­ich betreuen wird. Werkzeuge wie Säge, Hobel oder Fräse seien vorhan­den. Zudem wird neben der Werk­statt ein Foto­la­bor und eine Keramik-Werk­statt samt Bren­nofen ein­gerichtet: Die Gäste des Zen­trums sollen möglichst kreativ arbeit­en kön­nen, wün­schen sich die Ver­ant­wortlichen. Später soll noch ein Neubau neben der Vil­la fol­gen – ein energies­paren­des Pas­sivhaus, in dem Mitar­beit­er wohnen können.

Doch bleibt das Pro­jekt zurzeit noch ein Zuschuss­geschäft, dass alle ehre­namtlich in ihrer Freizeit betreiben. Nachtar­beit ist ange­sagt. Kat­ja Altenburg wenig­stens wird ab diesem Monat für ihr Engage­ment ein wenig Geld bekom­men: Das „Soziale Zen­trum“ bekommt dann vom Arbeit­samt eine zweite ABM-Stelle gefördert. Den­noch, zu bereuen scheint den Kraftakt kein­er. Denn son­st wür­den Erfahrun­gen wie in den ver­gan­genen zweiein­halb Wochen fehlen, in denen Gäste aus Frankre­ich zu ein­er vom deutsch- franzö­sis­chen Jugendw­erk geförderten Begeg­nung zu Besuch waren. Sie baut­en in acht Arbeit­sta­gen an das Haus eine großflächige über­dachte Ter­rasse. „Beson­ders kom­pliziert war es, den Boden von dem vie­len Unkraut zu befreien“, sagt Kat­ja Altenburg, die das Pro­jekt ini­ti­iert hat.

Neben der kör­per­lichen Arbeit gab es bei dem Work­camp einen the­o­retis­chen Teil unter dem Mot­to: „Die Straßen und Plätze gehören uns – Beteili­gung junger Men­schen bei der Gestal­tung öffentlich­er Räume“. Zwar klingt der Titel ein wenig sper­rig, doch beschreibt er genau, was Kat­ja Altenburg und die 14 anderen Mit­glieder des Fördervere­ins im „Pro­jekt-Zen­trum“ vorhaben. Die junge Frau sagt: „Wir haben die ver­schiede­nen Fähigkeit­en in unser­er Gruppe gebün­delt, son­st hätte das nie geklappt.“ Und so sind sie in einem Jahr ihrem Ziel viel näher gekom­men: Ein saniertes Haus zu besitzen, als inno­v­a­tive Lebens­form, einem Ort für Arbeit, Bil­dung, Wohnen und gesellschaftlichem Engage­ment. Nur ein paar Hand­griffe am Dach, an den Deck­en und an eini­gen freis­chweben­den Kabeln fehlen noch.

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