26. Juli 2008 · Quelle: Netz gegen Nazis

Von Neonazis totgeschlagen

Großflächige SS-Runen auf der Skater­bahn, Angriffe auf Punks, Afrodeutsche und nächtliche “Sieg Heil”-Rufe auf der Straße: Die 18 000 Ein­wohn­er-Stadt Tem­plin im Nor­dosten Bran­den­burgs knapp 80 Kilo­me­ter von Berlin ent­fer­nt gilt nicht erst seit dem gewalt­samen Tod von Bernd K. als schwieriges Pflaster für alle, die nicht ins extrem rechte Welt­bild passen.

(Netz gegen Nazis) “Er war ein­er am Rand”, sagen die Leute in Tem­plin über den dreifachen Vater Bernd K.. Am Mittwoch früh wurde die Leiche des 55-Jähri­gen in ein­er ehe­ma­li­gen Fass­binderei in Tem­plin gefun­den. Der Tote hat­te mas­sive Kopfver­let­zun­gen erlit­ten.

Die Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin spricht von ein­er “äußert bru­tal­en” Tat. Noch am gestri­gen Mittwoch ver­hängte der Haftrichter dann gegen den 18-jähri­gen Sven P. und den 21-jähri­gen Chris­t­ian W. aus der extrem recht­en Szene Tem­plins Haft­be­fehl wegen gemein­schaftlichen Totschlags. In Tem­plin heißt es, das Opfer habe mit den bei­den getrunk­en, dann sei die Sit­u­a­tion eskaliert und außer Kon­trolle ger­at­en.

Polizeibekan­nte recht­sex­treme Gewalt­täter

Die bei­den mut­maßlichen Täter sind bei Polizei und Jus­tiz als gewalt­tätige Aktivis­ten der recht­sex­tremen Szene in Tem­plin bekan­nt: Erst im ver­gan­genen Monat wurde Sven P. wegen gefährlich­er Kör­per­ver­let­zung zu ein­er sechsmonati­gen Jugend­strafe auf Bewährung verurteilt. Der 18-Jährige hat­te laut Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin im Juni 2007 bei ein­er Auseinan­der­set­zung seinen Geg­n­er als “Juden” beschimpft und dann geschla­gen. Auch der 21-jährige Chris­t­ian W. ste­ht unter Bewährung. Er ist unter anderem wegen schw­er­er Kör­per­ver­let­zung und schw­er­er Brand­s­tiftung vorbe­straft.

Rechte Straftat­en steigen

Schon Anfang Juni diesen Jahres hat­te Har­ald Löschke, der Leit­er der Tem­plin­er Polizei­wache, in ein­er Rede beim SPD-Ortsver­band darauf hingewiesen, dass sich die Zahl poli­tisch rechts motiviert­er Straftat­en in Tem­plin im ersten Hal­b­jahr 2008 im Ver­gle­ich zum Vor­jahreszeitraum fast ver­dop­pelt haben. 28 recht­sex­treme Delik­te hat­ten die Strafver­fol­ger reg­istri­ert, darunter drei Kör­per­ver­let­zun­gen.

Ver­ant­wortlich dafür sei eine “Truppe von Jugendlichen und jun­gen Erwach­se­nen, die recht­sori­en­tiertes Gedankengut haben,” wird der Polizeibeamte in einem Bericht der Tem­plin­er Zeitung zitiert. So wurde am 21. April 2008 ein 19-jähriger Punk von zwei Recht­en im Tem­plin­er Park attack­iert. Der junge Mann hat­te Glück: Zwei Polizeibeamte in Ziv­il hat­ten den Angriff beobachtet und grif­f­en ein. Einen knap­pen Monat vorher wurde ein Jugendlich­er an einem Gara­genkom­plex von mehreren recht­sex­tremen jun­gen Erwach­se­nen ange­grif­f­en.

In der Uck­er­mark üben mil­i­tante recht­sex­treme Kam­er­ad­schaften aus dem Umfeld der “Autonomen Nation­al­is­ten” wie beispiel­sweise der “Schutzvere­in Pren­zlau” oder der aufgelöste Märkische Heimatschutz (MHS) schon lange großen Ein­fluss auf recht­sex­treme Cliquen in kleineren Städten und Dör­fern aus.

“Sieg Heil” grölende Grup­pen

Pfar­rer Ralf-Gün­ther Schein von der evan­ge­lis­chen Mag­dale­nen-Gemeinde sagt, “ab und zu” gäbe es nachts Grup­pen von “betrunk­e­nen recht­sori­en­tierten Jugendlichen”, die “Sieg Heil” grölend durch die Straßen der Stadt laufen. Auch der 18-Jährige Sven P., der jet­zt von der Staat­san­waltschaft des gemein­schaftlichen Totschlags an Bernd F. verdächtigt wird, wurde deshalb schon festgenom­men und verurteilt.

Ende Okto­ber 2007 war er mit drei weit­eren jun­gen Män­nern in Tem­plin aufge­fall­en, weil er “Sieg Heil” sowie “Deutsch­land den Deutschen, Aus­län­der Raus” gerufen und sich dann sein­er Fes­t­nahme wider­set­zt hat­te. Damals sei Sven P. in einem Schnel­lver­fahren zu mehreren Wochen Jugen­dar­rest verurteilt wor­den, sagt Loli­ta Lodenkäm­per, Press­esprecherin der Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin.

Beobachter sind nicht über­rascht, dass die bei­den in der recht­sex­tremen Szene ver­ankerten mut­maßlichen Täter mit äußer­ster Bru­tal­ität gegen ihr Opfer vorgin­gen. Denn zu den­jeni­gen, der großes Anse­hen in der recht­sex­tremen Szene vor Ort genießt und als Vor­bild wahrgenom­men wird, gehört auch Sebas­t­ian F. Der heute 22-jährige ist ein­er von drei Recht­en, die am 12. Juli 2002 in Pot­zlow in der Uck­er­mark den 16-jähri­gen Mar­i­nus Schöberl über Stun­den quäl­ten, mis­shan­del­ten und als “Juden” beschimpften. Mar­i­nus Schöberl starb, weil ihn die Gruppe schließlich zwang, seinen Kopf auf einen Bor­d­stein zu leg­en und der Haupt­täter ihm dann auf den Kopf und Nack­en sprang. Das Ver­brechen wurde erst nach Monat­en bekan­nt und aufgek­lärt.

Gegen poli­tis­che Geg­n­er und Min­der­heit­en

In der recht­sex­tremen Szene in der Uck­er­mark ist Sebas­t­ian F. seit­dem bekan­nt und gefürchtet. In zweit­er Instanz hat­te das Landgericht Neu­rup­pin ihn im Dezem­ber 2004 zu ein­er Jugend­strafe von drei Jahren unter anderem wegen Kör­per­ver­let­zung mit Todes­folge verurteilt. Eine abschreck­ende Wirkung scheint dieses Urteil für Sebas­t­ian F. nicht gehabt zu haben. In der ver­gan­genen Woche begann vor dem Amts­gericht Pren­zlau ein Prozess gegen den 22-jähri­gen, in dem ihm die Anklage unter anderem zwei Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­te vor­wirft.

Im Novem­ber 2007 soll F. zu ein­er Gruppe von mehr als 20 Neon­azis gehört haben, die ein Friedens-Konz­ert in der Tem­plin­er Mag­dale­nen-Kirche laut­stark mit “Sieg Heil”-Rufen störten. Polizeibeamte fan­den bei der Fes­t­nahme bei Sebas­t­ian F. einen Schla­gring. Die Staat­san­waltschaft geht zudem davon aus, dass F. wenige Wochen zuvor bei einem Rock­konz­ert einen “Hit­ler­gruß” gezeigt und anschließend einen offen­sichtlich zur linken Szene gehören­den jun­gen Mann zu Boden gewor­fen und getreten hat. Eben­falls angeklagt ist der unter Bewährung ste­hende F., weil er Anfang Jan­u­ar 2008 an ein­er Aral-Tankstelle in Tem­plin einen Mann durch das geöffnete Aut­ofen­ster geschla­gen haben soll. Der Prozess wird am 5. August fort­ge­set­zt; F. wird dazu aus der JVA Neu­rup­pin vorge­fahren, wo er seit Ende März 2008 wieder ein­sitzt.

Doch F. ist nicht der einzige, der in Tem­plin mit Gewalt gegen ver­meintliche poli­tis­che Geg­n­er, “Fremde” und Ange­hörige von Min­der­heit­en vorge­ht. Da gibt es einen 31-jähri­gen Recht­sex­trem­is­ten, der seit 1995 ins­ge­samt zehn Mal wegen Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­ten und “Ver­wen­den von Kennze­ichen ver­fas­sungswidriger Organ­i­sa­tio­nen” verurteilt wurde und zulet­zt im Juni diesen Jahres erst “Sieg Heil” grölend durch die Straßen von Tem­plin gelaufen war und dann einen jun­gen Mann, der sich darüber beschw­erte, mit Sprüchen wie “Ich stech´ dich ab” bedro­hte.

Andacht gegen Gewalt

Bei den Sicher­heits­be­hör­den wird der Tod von Bernd K. laut Infor­ma­tio­nen des Tagesspiegels schon mit dem Mord an Mar­i­nus Schöberl in Pot­zlow ver­glichen — “vom möglichen Motiv und auch von der Bru­tal­ität her”. Wie in Pot­zlow sei offen­bar auch in Tem­plin gezielt nach einem ver­meintlich schwachen, am Rande der Gesellschaft leben­den Opfer gesucht wor­den, zitiert der Tagesspiegel aus Ermit­tlerkreisen.

Judith Porath vom Vere­in Opfer­per­spek­tive e.V. aus Pots­dam, die Opfer rechter Gewalt in Bran­den­burg unter­stützt, sagt, “in der Stadt werde viel zu wenig the­ma­tisiert, wie sehr beispiel­sweise alter­na­tive Jugendliche, ger­ade aus der Punkszene, in der Stadt von der recht­en Szene bedro­ht und ange­grif­f­en wer­den.” Dass diese Bedro­hung über­haupt öffentlich nachvol­lziehbar ist, liegt wesentlich an dem neuen Inter­net­por­tal gegen Recht­sex­trem­is­mus in der Uck­er­mark, das sich “gegenrede.info” nen­nt.

Pfar­rer Schein sagt, in dem Totschlag an Bernd K. sei “ein Gewalt­poten­zial zu Tage gekom­men, vor dem man nur Angst haben könne.” Er will in den näch­sten
Tagen deshalb zu ein­er Andacht gegen Gewalt in Tem­plin ein­laden.

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