20. Oktober 2004 · Quelle: MAZ

Widerstand blieb die Ausnahme


Die Kirche in der Region während der Zeit des Nationalsozialismus /
“Deutsche Chris­ten” gaben den Ton an

(MAZ, Fred Brud­er) Das Ver­hält­nis von Kirche und NS-Regime auf regionaler Ebene muss immer noch
als unter­be­lichtet ange­se­hen wer­den. Ger­ade als mit Schülern Gespräche zur
Expo­si­tion “Das Jahr 1933 in der Region Dahme-Spree­wald” geführt wurden,
spielte auch diese Frage eine Rolle. Im Zusam­men­hang mit ein­er Erin­nerung an
die Hin­rich­tung von Ger­ta Stim­ming aus Miers­dorf vor 60 Jahren tauchte sie
eben­falls auf. Sie war ein Mit­glied der evan­ge­lis­chen Kirche. Wie verhielten
sich Wür­den­träger und auch Gemein­demit­glieder der evan­ge­lis­chen Kirche
ins­ge­samt, als das Regime dabei war, seine Macht zu festigen? 

Verdeut­lichen sollte sich das Ver­hält­nis zu den neuen braunen Machthabern in
den Gemein­den durch die für den 23. Juli 1933 anber­aumten Kirchenwahlen.
Schon bei der Lis­te­nauf­stel­lung erwies es sich, dass es in den meis­ten Orten
nur solche der hitler­treuen “Deutschen Chris­ten” geben würde. Ausnahmen
hier­von blieben vor allem Miers­dorf und Zeuthen mit dem erst vor drei
Monat­en einge­führten Pfar­rer Wern­er Bechthold, wo es auch eine Liste “Das
Wort sie sollen lassen stahn” gab. Auch im Stimm­bezirk Prieros mit dem
beauf­tragten Pfar­rer Win­ter — zum Bezirk gehörten auch Streganz-Ziegelei,
Stre­ganz-Pech­hütte sowie Prieros­brück — wurde eine alter­na­tive “Liste
Käfert” aufge­boten. Gewählt wurde dann nur in Orten wie den zuletzt
genan­nten. Doch das Ergeb­nis war auch hier mehr als ernüchternd aus Sicht
der­er, die an den Grund­sätzen ihres protes­tantis­chen Glaubens festhielten.
In Zeuthen standen 540 Stim­men für die “Deutschen Chris­ten” 183 Stim­men für
die zweite Liste gegenüber. In Miers­dorf, wo die Liste der “Deutschen
Chris­ten” vom NSDAP-Orts­grup­pen­leit­er Bruno Sten­del ange­führt wurde, ging es
gegenüber der anderen mit Alt-Gemein­de­vorste­her Otto Lietz bei 188 Stimmen
zu 105 Stim­men knap­per zu. War dies schon durch das Wirken von Pfarrer
Wern­er Bechthold beeinflusst? 

Anson­sten lagen die Ver­hält­nisse klar auf der Hand, ob bei Pfar­rer Friedrich
Zademack (Nieder­lehme), bei Pfar­rer Rehfeldt in Schulzen­dorf und Waltersdorf
oder bei dem seit kurzem amtieren­den Pfar­rer Georg Pick­el (Eich­walde).
Reich­skan­zler Hitler kom­men­tierte die Wahl, der Nation­al­sozial­is­mus werde
das Ver­sprechen ein­lösen, “die christlichen Kirchen in staatlichen Schutz zu
nehmen”. Das Ergeb­nis sei ein “großer Erfolg”. 

Erste “zarte Pflänzchen” von Oppo­si­tion, vielle­icht vor­sichtigem Widerstand,
wur­den in manchen Ver­anstal­tun­gen vor den Wahlen sicht­bar. Pfar­rer Schletz
aus Storkow hat­te am 14. Juni in Wendisch Buch­holz gesprochen über “Die
deutschen Chris­ten im Kampf”. Trotz zahlre­ichen Beifalls für den Redner
waren Pfar­rer Neuhaus aus der Kle­in­stadt, Pfar­rer Röhl (Münchehofe) sowie
Pfar­rer Max Wern­er (Königs Wuster­hausen) in ihren Aus­führun­gen dem
“ent­ge­genge­treten”, so ein Presse­bericht. Inner­halb der fol­gen­den Monate und
Jahre schloss sich Pfar­rer Bechthold der “Beken­nen­den Kirche” an und ging
deut­lich­er auf Dis­tanz zum ver­brecherischen Regime. Anders Pfar­rer Velden in
Wildau, der schon 1933 die “Deutschen Chris­ten” unter­stützte und selb­st der
NSDAP ange­hörte. Für Bechtholds Beliebtheit spricht, dass auch
Schulzen­dor­fer Mit­glieder der “Beken­nen­den Kirche” zu seinen stets gut
besucht­en Gottes­di­en­sten kamen. Bere­its 1934 wurde Wern­er Bechthold
ver­haftet, 1937 zweimal kurz hin­tere­inan­der. Er hat­te sich unter anderem
1934 geweigert, die Predigt zum nazi­in­stru­men­tal­isierten Erntedank­fest zu
hal­ten. Ein­sprüche durch Präs­es Kurt Scharff sowie Prob­st Hein­rich Grüber
bewahrten ihn vor der KZ-Haft. Die Mehrzahl der Mit­glieder in den Gemeinden
und der Wür­den­träger hat sich jedoch min­destens dem Sys­tem angepasst, wenn
sie anfangs nicht sog­ar den NS-Staat begrüßten. Später gewann Oppo­si­tion an
Zus­pruch, Wider­stand aber blieb die Ausnahme. 

Der Autor ist Region­al­forsch­er, er erar­beit­ete die Ausstel­lung “Das Jahr
1933 in der Region” mit. Zum The­ma “Kirche zwis­chen Anpas­sung und
Wider­stand” spricht diesen Fre­itag der frühere Gen­er­al­su­per­in­ten­dent Günter
Krusche in der Mar­tin-Luther-Kirche Zeuthen (19.30 Uhr). Der Vor­trag findet
im Rah­men der Feier­lichkeit­en zum 90. Kirchen­ju­biläum statt.

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