8. Februar 2007 · Quelle: TAZ

Wie eine Prügelei in Potsdam zum Politikum wurde


Ermyas M.s Schick­sal stieß im ver­gan­genen Früh­jahr, kurz vor der Fußball-WM, eine hitzige poli­tis­che Debat­te um No-go-Areas und Ras­sis­mus an

BERLIN taz Während der 38-jährige Fam­i­lien­vater Ermyas M. im April 2006 mit schw­er­sten Gehirn­ver­let­zun­gen im kün­stlichen Koma lag und um sein Leben rang, wurde sein Schick­sal zum Poli­tikum. Die Repub­lik fieberte der Fußball-Welt­meis­ter­schaft ent­ge­gen — Mot­to: “Die Welt zu Gast bei Fre­un­den”. Und den WM-Organ­isatoren dro­hte wegen des Angriffs auf Ermyas M. ein PR-Desaster. In Pots­dam gin­gen mehrere tausend Men­schen gegen Frem­den­hass und Gewalt auf die Straße. Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs sprach von einem “Angriff auf das Lebens­ge­fühl aller Potsdamer”. 

Der dama­lige Gen­er­al­bun­de­san­walt Kay Nehm stritt sich öffentlich mit Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU). Nehm hat­te wegen des ver­muteten ras­sis­tis­chen Hin­ter­grunds die Ermit­tlun­gen an sich gezo­gen. Schön­bohm warf ihm vor, er habe “über­zo­gen”. Bun­desin­nen­min­is­ter Wolf­gang Schäu­ble (CDU) sagte: “Es wer­den auch blonde blauäugige Men­schen Opfer von Gewalt­tat­en, zum Teil sog­ar von Tätern, die möglicher­weise nicht die deutsche Staat­sange­hörigkeit haben. Das ist auch nicht besser.” 

SPD-Gen­er­alsekretär Huber­tus Heil warf Schäu­ble vor, er ver­harm­lose “solch aggres­siv­en Ras­sis­mus zumin­d­est fahrläs­sig”. Exregierungssprech­er Uwe-Karsten Heye warnte: “Es gibt kleine und mit­tlere Städte in Bran­den­burg und ander­swo, wo ich keinem, der eine andere Haut­farbe hat, rat­en würde, hinzuge­hen. Er würde sie möglicher­weise lebend nicht mehr ver­lassen.” Es fol­gte eine heftige Debat­te um No-go-Areas im Osten. Ende Mai musste Nehm den Fall an die Pots­damer Ermit­tler zurück­geben. Seine These von einem frem­den­feindlichen Mord­ver­such war nicht zu halten. 

Ermyas M. äußerte sich im Stern später kri­tisch zu dem Medi­en­rum­mel um die Tat. Natür­lich sei es gut, dass Men­schen gegen Ras­sis­mus auf die Straße gin­gen. Er wolle jedoch nicht in die Rolle als “leben­der Beweis für Frem­den­feindlichkeit” gedrängt wer­den. Gesund­heitlich gehe es ihm inzwis­chen wieder ziem­lich gut, berichtete M. vor eini­gen Monat­en. Er könne sog­ar schon wieder mit seinen Kindern Fußball spie­len: “Nur mit Kopf­bällen lasse ich mir noch Zeit.” AGX

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